Glaubt man den Fondsmanagern, Finanzanalysten, Kommentatoren und Anlegern, die die Swiss-Re-Aktie seit Jahresbeginn über 60% in den Keller geschickt haben, dann ist der Abgang von Jacques Aigrain, dem Konzernchef des Rückversicherers, so sicher wie das Amen in der Kirche. «Meiner Meinung nach müssen die Verantwortlichen nun Verantwortung übernehmen und zurücktreten», sagt Claude Zehnder, Leiter Research der Zürcher Kantonalbank. «Mit einem Führungswechsel könnte Swiss Re erstens ein Zeichen setzen und zweitens einen Neuanfang starten.» Analyst Roger Degen von Julius Bär stellt fest: «Der Markt will einen Führungswechsel sehen.» Das Vertrauen in die Swiss Re habe schon länger gelitten und sei mit der angekündigten Kapitalerhöhung ganz zerstört worden.

Hiobsbotschaften für Anleger

Hintergrund dieser einhelligen Meinung sind die Hiobsbotschaften von Swiss Re: Milliardenverlust für 2008, Dividendenkürzung, dramatisch geschrumpftes Eigenkapital (von 32 auf 20 Mrd Fr.) und eine Kapitalerhöhung von bis zu 5 Mrd Fr. Dabei investiert der legendäre Warren Buffett via Berkshire Hathaway 3 Mrd Fr. mit einer nachrangigen Wandel-anleihe (jährlicher Zinssatz: 12%).

Diese Massnahmen wurden nötig, weil sich Swiss Re unter CEO Jacques Aigrain vom Rückversicherer in eine Investmentbank verwandeln wollte. Neben den beiden Standbeinen Nichtleben und Leben sollte ein drittes hinzukommen, die Financial Services. Hier versprach man sich mit der Verbriefung von Risiken fette Gewinne. Swiss Re experimentierte mit Kreditderivaten, hatte Lücken im Risikomanagement, wiegte die Anleger in falscher Sicherheit und musste Milliarden abschreiben.

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Wer die Verantwortung trägt

Für Michael Klien, Analyst bei CA Chevreux, ist klar: «Sowohl Aigrain als auch Vizepräsident Walter Kielholz werden als treibende Kräfte hinter der Strategie gesehen, die Bilanz voranzutreiben und in das Finanz-Versicherungsgeschäft einzusteigen. Deshalb sind sie nicht länger zu halten.»

Kielholz holte den Wall-Street-erprobten Investmentbanker Aigrain. Eine seiner ersten Massnahmen war, die damalige Finanzchefin Ann Godbehere zu chassen, weil sie die Vorgaben ihres neuen Chefs nicht mittragen wollte. Kielholz war es auch, der im Oktober 2006 Roger Ferguson an die Spitze von Financial Services hievte. Er war bei der US-Notenbank tätig, zuletzt als Vize des Vorsitzenden Alan Greenspan. Im August 2008, als das Debakel mit der Absicherung von US-Hypothekendarlehen bekannt wurde, ersetzte CS-Mann David Blumer den Amerikaner.

Mögliche Nachfolger

Für die Nachfolge von Kielholz und Aigrain kursieren zwei Namen. Zum einen wird Swiss-Re-VR Mathis Cabiallavetta genannt, der über Erfahrung als Banker (UBS) und Krisenmanager (Marsh Mc-Lennan) verfügt. Er könnte Präsident Peter Forstmoser sowie Stratege Kielholz ersetzen. Als möglicher Konzernchef wird Aigrains Stellvertreter Stefan Lippe gehandelt. Er ist ein «klassischer» Rück-versicherer - und dieser Bereich, der in den letzten Jahren so sträflich vernachlässigt worden war, soll wieder gestärkt werden.