Haben die Personalverantwortlichen den Durchblick im Titel-Dschungel noch?

Matthias Mölleney:
Nein, dieser geht allmählich verloren. Das Titel-Angebot ist sehr unübersichtlich geworden. Personalverantwortliche müssen neue Kriterien finden, wie sie alle diese Titel verlässlich vergleichen und messen können.

Welche Kriterien sind das?
Wie die Weiterbildungstitel der MAS- oder CAS-Angebote heissen, interessiert niemanden mehr besonders. Viel entscheidender ist, wo der Titel herkommt. Personalverantwortliche schauen immer mehr auf die Reputation der Hochschule. Der gute Ruf einer Institution ist zum wichtigsten Kriterium geworden.

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Wie orientieren sich interessierte Studierende im Weiterbildungsdickicht?
Viele glauben, wenn sie einen bestimmten Titel erwerben, hätten sie Anspruch auf eine Top-Stelle. Dem ist heute nicht mehr so. Bei der Wahl muss ich schauen, welche Kompetenzen die Unternehmen suchen und wo meine Begabungen liegen.

Das Wetteifern um die Gunst der Studierenden führt zu einem riesigen Weiterbildungsangebot. Wird da noch geboten, was die Wirtschaft verlangt?
Grundsätzlich ist die Diversität aus Sicht der Unternehmen gut – solange man die Übersicht hat. Vielen scheint das Angebot jedoch zu gross: Es gibt vermehrt Unternehmen, welche in Kooperation mit Hochschulen oder privaten Bildungsinstitutionen eigene Weiterbildungskurse anbieten, die auf ihre Bedürfnisse abgestimmt sind. Neben grossen Unternehmen tun sich auch immer mehr kleinere Firmen zusammen, um zum Beispiel Mini-Akademien mit Hochschulen zu betreiben. Das ist ein innovativer Ansatz.

Wird das zum neuen Geschäftsfeld für viele Weiterbildungsanbieter?
Ich denke, es ist durchaus ein interessantes Geschäftsfeld für Unternehmen und Weiterbildungseinrichtungen. Eine Bildungskooperation zu organisieren ist kompliziert, weil die Bedürfnisse beider Seiten beachtet werden müssen. Aber wenn sie erfolgreich zustande kommt, sehe ich grosses Potenzial für diese Form der Weiterbildung.

Momentan herrscht ein Überangebot im Weiterbildungsbereich. Braucht es das geplante Weiterbildungsgesetz, um den Markt zu regulieren ?
Ich glaube, der Weiterbildungsmarkt wird sich innerhalb der nächsten 15 Jahren selber regulieren, weil die Nachfrage einer bisher inexistenten Zielgruppe im Weiterbildungsmarkt explodieren wird.

Von welcher Zielgruppe sprechen Sie?
Von den über 50-Jährigen. Dass man mit 55 bereits an die Rente denkt, wird mit dem demographischen Wandel bald Geschichte sein. Da wir länger arbeiten müssen, wird auch die Weiterbildung jenseits der 50 wichtig, um auf dem Arbeitsmarkt vermittelbar zu bleiben. Das Lifelong Learning wird damit ein stärkeres Thema sein.

Sind die Bildungsstätten auf diese Nachfrage in der Weiterbildung vorbereitet?
Heute haben wir vor allem die 25- bis 45-Jährigen, also etwa 20 Jahrgänge, die aktiv in die Weiterbildung investieren. Wenn nun die 45- bis 55-Jährigen dazukommen, entspricht das einem möglichen Nachfragezuwachs von 50 Prozent. Wir müssen also dringend in die notwendige Infrastruktur und didaktische Konzepte für die neue Bildungsgruppe über 50 investieren. In Zürich beschäftigt sich ein Forschungsteam seit Anfang Jahr damit.