Walkman, Digitalkamera, iPod, Tablet – in fünfzig Jahren Interdiscount erfand sich die Unterhaltungselektronik neu. Welches sind für Sie die drei grössten Gamechanger seit 1970?
Pierre Wenger: Nur drei? Das ist nicht einfach. Aber gut. Eine der ganz grossen Innovationen war bestimmt der Farbfernseher. Das hat den Themen Information und Unterhaltung in der ganzen Gesellschaft eine ganz neue Dimension gegeben. An zweiter Stelle sehe ich den Personal Computer – ein Quantensprung im beruflichen und privaten Bereich. Und drittens das Smartphone, weil es durch die Integration von Kommunikation, Musik und Fotografie das ganze Leben in nur einem Gerät abbildet. Das sind für mich die drei grossen Innovationen. Aber es gab auch kleinere, die uns grosse Freude bereitet haben.

Welche kleineren Innovationen?
Spielkonsolen etwa. Weil damit auch für uns als Unternehmen ein komplett neuer Markt entstand. Ähnlich etwa wie die Digitalfotografie, die kam, aber auch wieder ging.

Ihre Eltern führten ein kleines Radio- und TV-Fachgeschäft in Interlaken. Welche Gamechanger erlebten Sie als Knirps im Laden?
In meiner Kindheit fand der Wechsel von der Schallplatte zur CD statt. Und natürlich war die Ankunft des Faxgerätes ein grosses Ding. Ein wichtiger Teil des Sortiments waren Fernseher, Stereo- und Satellitenanlagen und ausserdem Musikinstrumente.

Waren Sie Hoflieferant der Interlakner Rumpelstilz-Musiklegenden Polo Hofer und Hanery Amman?
Auf jeden Fall waren wir ein wichtiger Lokalversorger. Eines von drei Fachgeschäften in Interlaken, die plötzlich neue Konkurrenz erhielten, als Interdiscount ins Dorf kam. Dort durfte ich aber auf elterliches Geheiss nie hin. Was schmerzvoll war: Die Kollegen gingen alle hin und holten sich dort ihre Casio-Uhren.

Heute sind Sie der Chef von Interdiscount. Reiner Zufall, dass sie in ein Radio- und TV-Business hineingeboren wurden und nun den grössten Elektronikhändler der Schweiz führen?
Tatsächlich erzähle ich Kandidatinnen und Kandidaten beim Vorstellungsgespräch heute noch oft ein wenig aus meiner Historie im Unterhaltungselektronikgeschäft. Als junger Mensch dachte ich, dass ich später etwas ganz anderes machen würde. Aber dann kam es anders. Spannend ist diese Branche alleweil. Man muss ständig dranbleiben an den Neuigkeiten.

Pierre Wenger

Funktion: Chef Interdiscount und Microspot.ch (Coop)
Alter: 46
Familie: verheiratet, zwei Kinder
Ausbildung: Betriebsökonom FH (Berner Fachhochschule, HTW Chur)

Interdiscount: 1970 gegründet, 1996 von Coop gekauft. 180 Filialen, Umsatz 2019: 1,05 Milliarden Franken.
Microspot.ch: 1980 gegründet, 1996 von Coop übernommen. 2019 wurde der gescheiterte Online-Marktplatz Siroop in Microspot.ch integriert.
Umsatz 2019: 279 Millionen Franken.

Als Aussenstehender stellt man sich vor, dass Sie ständig fünf Test-Smartphones am Gürtel haben, um alle Neuigkeiten selber auszutesten. Oder sind es nur vier?
Es ist nur eines. Ich pflege eine sehr praktische Beziehung zum Handy. In erster Linie ist es ein Arbeitsinstrument. Aus Nachhaltigkeitsgründen habe ich es jeweils rund zwei Jahre im Einsatz. Wenn ich ein neues kaufe, bleibt das alte in der Familie. Aktuell arbeite ich mit einem Samsung Galaxy Note10 plus.

Und mit welchem Musikstück testen Sie die Soundqualitäten eines neuen Gerätes?
Es sind zwei: AC/DC mit «Thunderstruck» und Amy Winehouse mit «Back to Black». Wobei mein Herz grundsätzlich schon beim Rock liegt.

Wie sehr rockt der Microspot.ch-Marktplatz, den Sie im Sommer 2019 lancierten?
Die strategische Aufgabe eines Marktplatzes ist es, den Kundinnen und Kunden ein umfassendes Sortiment anzubieten. Seit dem Start haben wir die Anzahl Artikel von damals 80'000 auf heute über 500'000 erweitert. Dies zusammen mit neuen externen Partnern und Teilen des Coop-Non-Food-Sortiments. Damit ist ein deutlicher Mehrwert für unsere Kundinnen und Kunden entstanden. Wir werden die bestehenden Sortimente weiter vertiefen.

Microspot.ch nennt sich das «Online-Einkaufszentrum der Schweiz». Aber da sind keine Jacken und Hosen, keine Pullis und keine Bleistiftröcke. Mode findet man in einem Schweizer Einkaufszentrum en masse – warum nicht auch auf dem Microspot.ch-Marktplatz?
Bleistifte ja, Röcke nein. Textil ist für uns out of scope, ausserhalb des Fokus. Wir haben den Eindruck, dass es auf diesem Gebiet schon gute und kompetente Anbieter gibt. Da können wir zu wenig Mehrwert bieten ...

Uns geht es eher darum, den Fokus auf Sortimente zu legen, bei denen wir es besser machen können.

... Microspot.ch kommt nicht gegen Zalando an ...
... Das können Sie so formulieren. Uns geht es eher darum, den Fokus auf Sortimente zu legen, bei denen wir es besser machen können.

In der reinen Lehre gehört Mode in ein Einkaufszentrum.
Streng genommen wohl schon. Wobei es auch Shoppingzentren ohne Textilanbieter gibt.

Auch wenn Ihr Mutterhaus Coop ein Modesortiment hat – auf Microspot.ch wollen Sie es nicht anbieten?
Auf absehbare Zeit kommt da nichts von uns. Auch deshalb, weil die prozessuale Abwicklung anspruchsvoll ist. Zudem ist Mode auch logistisch gesehen ein recht spezialisierter Markt.

Was läuft so richtig gut auf dem Microspot.ch-Marktplatz?
Im Kern ist das weiterhin die Unterhaltungselektronik. Und dazu auch angrenzende Sortimente wie Baumarkt, Büromaterial und Spielwaren.

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Wie wirkt Corona auf den Geschäftsgang von Microspot.ch und Interdiscount?
Durch den Lockdown im Frühling waren die 180 Läden von Interdiscount geschlossen, dazu kamen grosse Herausforderungen im boomenden Online-Geschäft. Bei Microspot.ch vervierfachten sich die Volumen, jedenfalls zeitweise. Es war eine grosse Herausforderung, dies zu bewältigen.

Ein Online-Strohfeuer?
Natürlich hat das zwischenzeitlich wieder etwas abgenommen. Aber Online läuft immer noch deutlich über Vorjahr.

Konnte der Online-Boom ausgleichen, was Ihnen an Umsatz durch die geschlossenen Läden entgangen ist?
In der Summe kann ich zum Geschäftsgang 2020 sagen: Das Jahr wird umsatzmässig positiv. Wenn es keinen weiteren Lockdown gibt.

Geht es ein wenig konkreter?
Viel konkreter leider nicht. Was ich sagen kann: Just in diesen Tagen wird der Online-Shop von Interdiscount die Umsatzhöhe des gesamten Geschäftsjahres 2019 überschreiten. Bei Microspot.ch wird das in den nächsten Wochen der Fall sein. Und die zwei stärksten Monate des Jahres kommen erst noch.

Was bedeutet das für das stationäre Geschäft von Interdiscount?
Aufgrund der Tatsache, dass unsere 180 Läden zwei Monate lang geschlossen waren, werden wir in diesem Bereich wohl etwas an Umsatz verlieren. Wobei: Nach dem Lockdown hatten wir im stationären Geschäft eine sehr starke Phase, die bis heute anhält. So hätte ich das im April nie erwartet. Der Nachholbedarf war riesig.

Welche Produkte meldet Ihr Frühwarnsystem als besonders gefragt für diese ersten Corona-Weihnachten?
Auch wenn man manchmal das Gefühl hat, jede und jeder in der Schweiz sei computertechnisch bereits optimal eingerichtet – der Boom auf solche Produkte hält an. Für Weihnachten dürfte das wohl Mehrverkäufe bei Convertible-Computern bringen, also Geräten, die sich gleichzeitig als Laptop und Tablet nutzen lassen. Daneben auch günstige Notebooks, welche die Kinder beim Homeschooling einsetzen können. Lego ist an Weihnachten sowieso immer gesetzt. Speziell Corona-getrieben wird all das sein, was man zu Hause einsetzt: Backbedarf, Kochutensilien, Heimwerkergeräte. Der Mensch will sein Daheim schöner machen und besser ausrüsten.

Das will der Mensch doch schon seit dem Lockdown im Frühling.
Mag sein. Aber man kann es immer noch schöner und besser machen.

Was könnten die Macherinnen und Macher der Unterhaltungselektronik besser machen?
Was ein grosses Bedürfnis und ein reales Marktbedürfnis wäre: ein Smartphone, das mit nur einer Stromladung drei Tage lang läuft. So wie mein erstes Handy, das ich mir vor zwanzig Jahren zugelegt hatte.

Was war das?
Ein Motorola v60. Und wissen Sie was?

Was?
Das hatte mit einer Ladung sogar genügend Saft für eine ganze Woche.

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