Die Freude, hier arbeiten zu dürfen, merkt man Jean-Kley Tullii (39) schon bei der ersten Begegnung im Foyer des mehr als 3000 Quadratmeter grossen Fabrikgebäudes in La Chaux-de-Fonds an. Der gewinnende Auftritt kommt nicht von ungefähr: Cartier, sein Arbeitgeber, ist in den zurückliegenden drei Jahren vom Uhrenetablisseur, der seine Werke bei unterschiedlichen Zulieferern einkaufte, zu einer Manufaktur mit wachsendem Anteil eigener Kaliber avanciert.

Als der markante Gebäudekomplex vor elf Jahren in Crêt-du-Locle zwischen La Chaux-de-Fonds und Le Locle entstand, war davon noch keine Rede. Dem Cartier-Management ging es vielmehr darum, die auf sieben Standorte verteilte Produktion an einer Stelle zu konzentrieren. Claude Vuillemez, Produktionschef bis 2008, wusste von den damit verknüpften Widrigkeiten ein Lied zu singen: «Bis zur Fertigstellung der neuen Betriebsstätte legte ein Uhrengehäuse etwa 12 Kilometer zurück. Seit 2000 haben flexible Produktionslinien diese Strecke auf gerade einmal 25 Meter schrumpfen lassen.» Davon profitiert Jean-Kley Tullii, dem die Produktionsleitung im Jura seit 2008 obliegt. Seinem Vorgänger wurde eine neue Herausforderung zuteil. Vuillemez nahm den gewerblichen Bereich der Manufacture Roger Dubuis unter seine Fittiche, wo seitdem in einer eigenen Abteilung unter anderem jene Cartier-Kaliber entstehen, die das Genfer Siegel tragen. Die Qualitätspunze verlangt zwingend nach Fertigungsstätten, die in der Rhône-Metropole angesiedelt sind. Eines der entsprechenden Uhrwerke ist das 9452 MC, ein gründlich modifiziertes und optimiertes Handaufzugswerk mit fliegendem Tourbillon.
 

Der Vorteil: Alles unter einem Dach

Zurück nach La Chaux-de-Fonds. Die transparente Architektur des Bauwerks und die markante gläserne Fassade fügen sich trefflich in die Mittelgebirgslandschaft des Schweizer Jura. In grossen Lettern bringt Cartier zum Ausdruck, dass es hier um Haute Horlogerie, also höchste Uhrmacherkunst, geht. Und die zum Rundgang mit Tullii Eingeladenen merken schnell, dass es sich nicht nur um leere Worte handelt. Zirka 1000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus 37 Nationen repräsentieren rund 100 Berufs- und Handwerkszweige und damit alles, was es von der Kreation einer Uhr bis hin zu einem perfekten Nachverkaufs-Kundendienst braucht. Eingebettet zwischen diesen Extrempositionen liegen alle Aspekte der Komponentenfertigung, Feinbearbeitung, Montage und die jeweils erforderlichen Kontrollmechanismen.

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Neben dem Vorteil kurzer Wege brachte der Neubau aber auch eine deutlich intensivere Kommunikation zwischen den einzelnen Abteilungen und damit gewaltige Schritte in Richtung Effizienz und Qualität. Ohne die unmittelbare Einbindung der administrativen Abteilungen beispielsweise für Einkauf, Produktplanung, Produktionssteuerung und Versand würde das Ganze jedoch kaum funktionieren. Somit lässt sich mit Fug und Recht von einer integrierten Fertigungsstätte sprechen.Von einer Trennung zwischen Administration und Produktion ist so gut wie nichts zu spüren. Nur ein – selbstverständlich offener – Gang trennt beide Bereiche.
Ein ausgiebiger Rundgang durch die Manufacture Cartier beansprucht fast einen halben Arbeitstag. Beim Folgen der Führungslinie offenbart sich die umsichtige Planung, an der Vuillemez tatkräftig mitgearbeitet hat.
Die Genese aller Uhrenmodelle beginnt in den Köpfen der gut 130 Produktmanager, Forscher, Designer und Marketingspezialisten. Hochleistungscomputer und neueste CAD-Programme setzen den Input später in dreidimensionale Grafiken um, welche sich nach Belieben drehen und wenden lassen. Selbst die Simulation von Funktionsabläufen gelingt in Windeseile. Das wiederum dient der Optimierung von Formen, Materialstärken und Toleranzen. Aufs Papier wird solcherart Geschaffenes bei Cartier kaum noch gebracht. Für Gehäuse und Bänder gibt es jedoch Spezial-«Drucker». Sozusagen über Nacht generieren sie dreidimensionale Kunststoff-Modelle, mit deren Hilfe sich sogar Beweglichkeit und Komfort von Gliederbändern testen lassen. Erst wenn Optik und Haptik 100-prozentig den Vorstellungen der Produktverantwortlichen im Pariser Hauptquartier entsprechen, ist die Prototypen-Abteilung gefragt. Dank umfassender Ausstattung mit traditionellen und modernsten Maschinen ist «unmöglich» für die Prototypisten ein absolutes Fremdwort. «Geht nicht – gibts nicht», unterstreicht Tullii, «egal, ob es um Gehäuse oder Werkskomponenten geht.»

Nach dem grünen Licht aus Paris heisst es, die Stückzahlen in den verschiedenen Versionen exakt zu definieren. Zu viele Exemplare sind ebenso schädlich wie zu wenige. Ergo lastet auf den Schultern der Planer eine enorme Verantwortung. Was sich an dieser Stelle wie eine rasche Abfolge logischer Schritte liest, kann in der Realität durchaus ein ganzes Jahr in Anspruch nehmen. Immerhin entscheiden neue Modelle, wie beispielsweise die maskuline Calibre, selbst bei einem anerkannten Globalplayer wie Cartier über die Zukunft.
 

Alles unter dem Vorzeichen Flexibilität

Die Gliederung der Produktionsbereiche folgt bei Cartier einem stringenten Konzept von «schmutzigen» bis hin zu «sauberen», fast schon klinisch reinen Prozessen. Regelmässige Kontrollen gehören zum Alltagsgeschehen. Beim Betreten der etwa 4000 Quadratmeter umfassenden Produktionshallen ist von der Vergangenheit nichts mehr zu spüren. Stattdessen drängen sich viel Licht, das Surren computergesteuerter Fertigungszentren neuester Generation und emsige Betriebsamkeit der dort Tätigen ins Bewusstsein. Mit Blick auf die verlangten Stückzahlen sowie optimale Produktionsabläufe und Präzision ist ein sündhaft teurer Maschinenpark inzwischen unverzichtbar. Bei Cartier beweisen diese ölspeienden, von den Computern der Konstruktionsbüros online mit Daten versorgten Automaten ihre überragenden Fähigkeiten primär bei der Fertigung von Gehäusen, Armbändern und sonstigen unverzichtbaren Kleinteilen, per annum immerhin mehrere Millionen Stück. Das und auch ökonomische Gründe bedingen einen Rund-um-die-Uhr-Betrieb der computergesteuerten Bearbeitungszentren, die sich als Multitasking-Tausendsassas höchst universell nutzen lassen.

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Serien-Bauteile für jene exklusiven Uhrwerke, welche die Meister-Uhrmacherin Carole Forestier und ihre Truppe unter dem gleichen Dach entwickeln, gehören übrigens nicht zum Programm. Hierfür ist eine Dependance zuständig, welche Cartier im Gebäude der Schwester ValFleurier in Buttes eingerichtet hat. Dort arbeitet eine ganze Armada spezieller Maschinen das ab, was ihr aus La Chaux-de-Fonds online zugestellt wird. In dieser Form der Auslagerung sieht Cartiers Chief Executive Officer Bernard Fornas übrigens nicht das geringste Problem: «Massgeblich ist einzig und allein das endgültige Produkt.»
Trotz zunehmender Vertikalisierung kooperiert Cartier weiterhin mit rund 500 Zulieferern, die ein strenges Ausleseverfahren durchlaufen müssen. Jeder der potenziellen Partner kennt die Anforderungsprofile und hat diese als Maxime seines Handelns zu akzeptieren.
 

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Qualität geht vor Quantität

Auf dem Weg zu den Haute-Horlogerie-Ateliers können Besucher vorwiegend Frauen bei der Montage elektronischer Quarzwerke beobachten. In der rund 2000 Quadratmeter grossen Assemblage-Abteilung herrschen nahezu Reinraum-Bedingungen. Staub ist gefährlich bei der Montage von Uhren.
Natürlich wissen Arbeitsplaner und Ausführende, wie lange welche Arbeitsschritte durchschnittlich dauern. Aber am Ende durchläuft jedes Stück eine akribische Funktions- und Genauigkeitskontrolle. Und da herrscht die Null-Toleranz-Devise. Dieser Grundsatz gilt erst recht im «Olymp», wo sich die besten Uhrmacher unter anderem mit komplexen Kalibern hauseigener Provenienz beschäftigen. Der Zentral-Chronograph, Kaliber 9907 MC, gehört ebenso dazu wie das durchbrochene 9611 MC, das 9451 MC (Astrotourbillon) und die brandneuen Automatik-Mikrokosmen 9909 MC Calibre de Cartier Weltzeit sowie der einzigartige Astrorégulateur, bei dem das Schwing- und Hemmungssystem auf dem Rotor montiert ist.
 

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www.cartier.com