Zurück zur Milchkontingentierung! Auf diese Formel lässt sich die in diesen Tagen präsentierte Motion Aebi bringen. «Das ist eine falsche Behauptung», widerspricht Peter Gfeller, Präsident des Milchbauerndachverbands SMP. Fakt aber ist, dass die Bauern die Milchmenge wieder steuern möchten. Schützenhilfe suchen sie bei der Politik, und sie haben dafür den Berner SVP-Nationalrat Andreas Aebi eingespannt. Dessen von 126 Parlamentariern unterzeichnete Motion soll noch in dieser Herbstsession dringlich behandelt werden. Die Idee: Bauern, die mehr Milch liefern als eine vertraglich festgelegte Menge, sollen künftig für die Verwertung der Überschüsse zur Kasse gebeten und so diszipliniert und gebüsst werden.

Ebenfalls auf Mengensteuerung setzt ein Modell der Branchenorganisation Milch (BOM), in der alle Akteure der Wertschöpfungskette - also Produzenten, Händler und Verarbeiter - vertreten sind. Je nach Verwendungsart und Absatzmarkt soll der Rohstoff künftig aufgeteilt werden: In teure A-Milch für Frischprodukte in der Schweiz, günstigere B-Milch für den Export in die EU und billige C-Milch für den Weltmarkt.

Die Industrie am längeren Hebel

Zur Erinnerung: Genau das, was jetzt von den Bauern wieder vehement gefordert wird, wurde am 1. Mai 2009 endgültig abgeschafft. Seither trat ein, was die Kritiker im Vorfeld befürchtet hatten: Der Preis pro Kilo Milch fiel und fiel, bis unter 60 Rp. Noch 2007 wurden 80 Rp. gezahlt - also rund 25% mehr.

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Der Grund des Preiszerfalls: Die Bauern produzieren zu viel Milch, laut SMP im letzten Jahr 180 000 Tonnen oder 6% mehr, als der Markt schlucken konnte. Oder wie es Emmi-Chef Urs Riedener in Zeitungsinterviews formulierte: «In der Schweiz gibt es 40 000 Kühe zu viel.» Bei den Preisverhandlungen stehen 26 000 Milchbauern vier grosse Verarbeiter gegenüber: Emmi, Cremo, die Migros-Tochter Elsa und der Milchpulverkonzern Hochdorf. Sie verkörpern geballte Marktmacht und sitzen am längeren Hebel.

Stephan Wehrle, Sprecher der Vereinigung der Milchindustrie (VMI), betont zwar die gegenseitige Abhängigkeit und meint: «Die industriellen Verarbeiter brauchen die Schweizer Milchbauern.»

Doch mit Blick auf den Export ist die Industrie unbestreitbar an einem möglichst tiefen Milchpreis interessiert. Dies gilt umso mehr, als im Moment der starke Franken auf die Margen drückt. Beim Branchengrössten Emmi gehen 30% der verarbeiteten Milchmenge - Käsehandel einberechnet - in den Export, bei der Hochdorf-Gruppe 27%. «Der Rohstoffpreis sollte nicht wesentlich über EU-Niveau liegen», verdeutlicht Wehrle. Im EU-Raum werden gegenwärtig weniger als 30 Cent oder knapp 40 Rp. pro Kilo Milch bezahlt.

Letztlich machen die industriellen Verarbeiter, wenn sie im Poker um den Milchpreis hart bleiben, die Schweizer Milchwirtschaft fit für den internationalen Wettbewerb. Die Konsumenten im Ausland sind zwar bereit, für hochwertige Schweizer Produkte einen gewissen Mehrpreis zu bezahlen. Den Beweis liefert der seit drei Jahren liberalisierte Käsemarkt. Schwieriger wird es jedoch bei Frischprodukten. Beispiel Joghurt: Hier stagnieren die Exporte, während sich die Importe in den letzten drei Jahren von 6000 auf über 11 000 t fast verdoppelt haben. Das überrascht nicht, denn im Export kostet das Kilo Joghurt rund 3 Fr., im Import bloss 1.55 Fr. Kaum abschreckend wirken im noch nicht liberalisierten Joghurtmarkt die Zölle. Sie machen pro Becher gerade mal 3 bis 4 Rp. aus.

Auf den internationalen Märkten stossen die Schweizer Molkereien auf Konkurrenten mit kräftigeren Muskeln. Danone zum Beispiel tätigt mit einem einzigen Produkt, mit Actimel, so viel Umsatz wie der grösste Milchverarbeiter Emmi mit seiner gesamten Palette. Zudem profitieren die EU-Verabeiter, etwa wenn sie ein neues Werk in Osteuropa bauen, von enormen Subventionen.

Rückwärts oder vorwärts

Allerdings wird aus dem Überschuss zuweilen ein Schwarzpeter-Spiel. So sprang Cremo in die Bresche, als Emmi im letzten Jahr seinen Lieferanten plötzlich nicht mehr alle Überschussmilch abnehmen wollte. Dafür sitzt Cremo jetzt auf einem Butterberg von 4000 t, der bestenfalls zu Schleuderpreisen wieder abgebaut werden kann. «Immerhin», meint Generalsekretär Michel Pellaux, «ist bis jetzt in der Schweiz kein Tropfen Milch auf die Strasse geschüttet worden.»

Fraglich bleibt, ob die Motion Aebi, die letztlich auf eine erneute Abschottung des Schweizer Milchmarktes hinausläuft, den Bauern wirklich dient. Weltweit wächst die Nachfrage nach Milchprodukten schneller als das Angebot, und der Milchpreis tendiert nach oben.

Gil Oberson, Unternehmensleiter der Elsa, ist überzeugt: «Die Chancen der Zukunft liegen auf den Exportmärkten. Dazu muss aber die ganze Wertschöpfungskette wettbewerbsfähiger werden und die Produktivität auf allen Stufen steigen.»

NACHGEFRAGT

«Mit aktuellem Preis sich international behaupten»

Weshalb Urs Riedener, CEO von Emmi, mit dem gegenwärtigen Milchpreis zufrieden ist.

Welchen Milchpreis wünschen Sie sich für die Schweiz, um mit Ihren Produkten international konkurrenzfähig zu sein?

Urs Riedener: Zurzeit verarbeitet Emmi 800 Mio kg Milch in der Schweiz. Unter Berücksichtigung des aus der gewerblichen Produktion zugekauften Käses exportiert Emmi rund 350 Mio kg Milch, was rund 10% der gesamten Schweizer Produktion oder 2700 Milchbetrieben entspricht. Beim Preis gibt es keine feste Grösse. Sicher sind internationale Kunden bereit, einen gewissen Mehrpreis für die gute Schweizer Qualität zu bezahlen. Wichtig ist, dass sich unser Milchpreis parallel zu demjenigen in Europa entwickelt.

Das würde im Moment konkret welchem Preis entsprechen?

Riedener: Mit dem aktuellen Milchpreis können wir uns international behaupten. Die aktuelle Wechselkursentwicklung bereitet uns Sorgen. Zu hohe Preisabstände führen zu vermehrtem Import ausländischer Anbieter.

Wie beurteilen Sie die Chancen, mit Milchprodukten aus der Schweiz auf dem internationalen Markt erfolgreich zu sein?

Riedener: Emmi ist im 1. Halbjahr 2010 international um 6,5% gewachsen. Ein jährliches organisches Wachstum (ohne Akquisitionen) von 6 bis 8% ist in den nächsten Jahren unser Ziel.

Was halten Sie von der Motion Aebi?

Riedener: Die Erfüllung der Motion würde der Wiedereinführung eines Quotensystems entsprechen, das sich stark an die abgeschaffte staatliche Milchkontingentierung anlehnt. Diese Entwicklung würde den von der Politik eingeschlagenen Weg der Teil-Liberalisierung bremsen. Um die Wettbewerbsfähigkeit der Schweizer Milchwirtschaft sicherzustellen, benötigt der stark geöffnete Milchmarkt auch einen bis zu einem gewissen Grad liberalisierten Beschaffungsmarkt, für den sich die Branchenorganisation Milch (BOM) einsetzt.