Die globale Finanzkrise hat dem Mathematiker, Investor, Denker und Buchautor Nassim Nicholas Taleb in die Hände gespielt. Sein neues Werk «The Black Swan» ist seit letztem Jahr im angelsächsischen Raum ein Top-Bestseller. Nun ist «Der Schwarze Schwan» auch in der Schweiz und in Deutschland ein Verkaufsschlager und belegt in den Bestsellerlisten den ersten Platz.

Dieser Run ist verständlich, denn viele Gewissheiten, Theorien und Modelle sind in der gegenwärtigen Krise nicht nur in Frage gestellt, sondern gleichsam liquidiert worden. Die Menschen, schockiert über die Ereignisse an den Börsen, Finanzmärkten und Volkswirtschaften, wollen Erklärungen ? sie wollen verstehen, wie eine für solide erklärte Ordnung derart zusammenbrechen konnte.

Angst vor Unwahrscheinlichem

Was Taleb zu sagen hat, ist nicht angenehm. Der schillernde und provokative Denker klagt den Menschen radikal an. Er blende schwarze Schwäne, also höchst unwahrscheinliche Ereignisse, aus, die eine ungeheure Auswirkung entfalten können (siehe Buchauszug auf dieser Seite). Der Titel des Buchs und Talebs Thesen gehen auf das 17. Jahrhundert zurück, als es für Europäer nichts anderes als weisse Schwäne gab ? bis in Australien schwarze Schwäne entdeckt wurden, was niemand für möglich gehalten hatte.

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Der Mensch versuche, so Taleb, die Zukunft voraussehbar zu machen, gehe von seinem eigenen, sehr beschränkten Erfahrungs- und Wissensschatz aus und mache Prognosen für die Zukunft. Die gängigen Risikomodelle, allen voran die gaussche Glockenkurve, taugten jedoch nichts, lautet Talebs Fazit. Denn die Wirklichkeit sei chaotisch, überraschend und unberechenbar. Taleb illustriert seine Schlüsse mit einer Reihe von Beispielen aus der Geschichte, der Literatur, dem Alltag, der Politik, der Ökonomie, der Unterhaltungsindustrie, des Sports und natürlich der Finanzindustrie.

Was die Wall Street falsch machte

Die Wall-Street- und Paradeplatz-Banker dürften jetzt, nachdem der weltweite Schaden angerichtet worden ist, das Buch mit ganz anderen Augen lesen als noch vor anderthalb Jahren. Denn Taleb hat Recht: Niemand ging vom Worst Case an den Finanzmärkten aus ? man glaubte nicht an die Existenz von schwarzen Schwä-nen und blendete sie bewusst oder unbewusst aus.

Das Magazin «Bloomberg Markets» berichtet, dass Taleb im Dezember 2007 einen Vortrag vor 30 Top-Managern der französischen Société Générale hielt und warnte: Die Wahrscheinlichkeit von verheerenden Bankverlusten sei am Steigen und nicht am Sinken. Die Banker verliessen den Vortrag mit einem «Black Swan»-Buch in der Hand, und sechs Wochen später gab die Bank den höchsten Handelsverlust ihrer Geschichte (4,9 Mrd Euro) bekannt, mitverursacht durch den 31-jährigen Trader Jérôme Kerviel.

Im Buch, das im Frühjahr 2007 erschien, ist auch zu lesen: «Und wenn ich mir die Risiken der vom Staat geförderten Institution Fanny Mae ansehe, scheint sie auf einem Fass Dynamit zu sitzen und durch den kleinsten Schluckhauf gefährdet zu sein. Wir brauchen uns deswegen aber keine Sorgen zu machen, denn ihr Heer von Wissenschaftlern hält diese Ereignisse für ?unwahrscheinlich?».

Was sind nun Talebs Schlussfolgerungen? Wer auf Modelle wartet, die das Auftauchen schwarzen Schwäne voraussagt, sieht sich enttäuscht. Das Buch ist vielmehr eine philosophische Abhandlung, die den Menschen zu kritischem und provokativen Denken auffordern will. Es ist fast schon ein aufklärererischer, manchmal etwas zu penetranter Aufschrei. Nur wer alles hinterfragt, unbequeme Fragen stellt und nicht alle Theorien und Modelle für sakrosankt hält, wird von schwarzen Schwänen weit weniger überrascht.

 

 


Warum die Menschen das Unvorhersehbare nicht sehen

Wir lieben das Greifbare, die Bestätigung, das Fühlbare, das Reale, Sichtbare, Konkrete, Bekannte, Gesehene, Deutliche, Visuelle, Soziale, Eingebettete, das mit Emotionen Befrachtete, das ins Auge Springende, das Packende, Stereotypische, Theatralische, Romantische, Kosmetische, Offizielle, den gelehrt klingenden Wortlaut, den aufgeblasenen gaussschen Wirtschaftswissenschaftler, den mathematisierten Käse, den Pomp, die Académie française, die Harvard Business School, den Nobelpreis, dunkle Anzüge mit weissen Hemden und Ferragamo-Krawatten, den sich bewegenden Diskurs und das Grelle. Vor allem aber lieben wir das Erzählte.

Die derzeitige Ausgabe der menschlichen Rasse ist leider nicht dafür gemacht, abstrakte Dinge zu verstehen ? wir brauchen einen Kontext. Zufälligkeit und Ungewissheit sind Abstraktionen. Wir respektieren das, was passiert ist, ignorieren aber das, was hätte passieren können. Mit anderen Worten: Wir sind von Natur aus seicht und oberflächlich ? und wissen es nicht. Das ist kein psychisches Problem, es erwächst vielmehr aus der Haupteigenschaft der Informationen. Die dunkle Seite des Mondes ist schwerer zu sehen; Licht auf sie zu werfen kostet Energie. Und es kostet auch viel Energie (in Form von Berechnungen und geistiger Anstrengung), Licht auf das zu werfen, was wir nicht sehen.