Im 3. Quartal 2009 sahen Sie erste Erholungsanzeichen. Wie entwickelt sich das laufende Quartal?

Magdalena Martullo-Blocher: Wir stellen in allen unseren Märkten eine Erholung fest. Zwar noch auf bescheidenem Niveau, der Tiefpunkt ist aber klar durchschritten. Konsumenten und Unternehmen sind noch vorsichtig, fassen aber wieder Vertrauen. Oktober und November entwickeln sich gut.

Und Dezember?

Martullo: Dezember und Januar sind für die Industrie immer spezielle Monate wegen der Feiertage und der Jahresabschlüsse. Aufgrund der immer noch angespannten Kreditsituation werden viele Firmen auf Ende Jahr so wenig Lager wie möglich in den Büchern haben wollen. Die Autoindustrie plant ihre Weihnachtsferien jeweils einen Monat im Voraus. Ich rechne über den Jahreswechsel mit Betriebsunterbrüchen, aber nicht in der Länge vom letzten Jahr.

Was bedeutet das für die Ems-Gruppe?

Martullo: Wir sind für alle Szenarien vorbereitet. Im Dezember werden wir mit Ferien überbrücken können, sodass wir weiterhin keine Kurzarbeit mehr benötigen. Wichtig ist, was nachher kommt. Das 1. Quartal des nächsten Jahres wird sicherlich besser sein als das 1. Quartal dieses Jahres. Auch für einen wesentlichen Aufschwung sind wir gerüstet.

Anzeige

Welchen Einfluss hat das Ende der Abwrackprämien?

Martullo: Das grosse Programm der Abwrackprämie in Deutschland ist zwar abgelaufen, aber die entsprechenden Fahrzeuge wurden noch nicht alle ausgeliefert. In der Produktion wird sich dies noch bis Ende Jahr positiv auswirken. In anderen Ländern - China, Japan - laufen die Programme noch.

Dennoch: Deutschland ist sehr wichtig. Was passiert ohne diese Prämien?

Martullo: Auch bei den grösseren Modellen von Audi, BMW oder Mercedes, welche nicht von der deutschen Abwrackprämie profitieren, ist inzwischen eine Erholung festzustellen. Diese ist auch auf die Nachfrage aus Asien zurückzuführen. China hat sich schnell zu einem bedeutenden Automarkt entwickelt. So wurden in China in den letzten neun Monaten gleich viel Autos produziert wie in Westeuropa und doppelt so viel wie in Amerika.

Wie bedeutend ist der chinesische Markt für Ems?

Martullo: Mit China erzielen wir zurzeit ungefähr einen Viertel unseres Gewinns, bei vergleichsweise hohen Margen. Meine Bedenken, dass der Wirtschaftseinbruch die politische Stabilität Chinas gefährden könnte, haben sich als völlig unbegründet erwiesen. Die Chinesen haben auf den Einbruch viel schneller reagiert als der Westen und Massnahmen mit viel rascherer und stärkerer Wirkung umgesetzt.

Haben Sie keine Bedenken, dass die staatlichen Eingriffe später Folgen haben?

Martullo: Nicht für China. China verfügt über hohe Währungsreserven aufgrund seines Exportüberschusses. Da habe ich weniger Bedenken als bei den westlichen Staaten. Was mir allerdings Sorgen macht, sind die zunehmenden protektionistischen Massnahmen im Zusammenhang mit China.

Haben Sie ein Beispiel?

Martullo: Anfang September hat der US-Präsident Schutzzölle für Autoreifen - ein Geschäft, welches wir weltweit beliefern - aus China erlassen. Diese betreffen aber die amerikanischen Reifenkonzerne, welche selber stark in China produzieren. Im Gegenzug hat China Anti-Dumping-Zölle auf Kunststoffen erhoben, welche Ems als Rohstoffe verwendet. Diese Zölle wurden jedoch nicht nur auf US-Produkten erlassen, sondern auch auf Produkten aus Europa oder Asien. Diese Massnahme führt am Schluss zu einer Verteuerung für die Konsumenten und eventuell zu weiteren Gegenmassnahmen anderer Länder. Statt erfolglos einem weltweiten Freihandelsabkommen nachzurennen, sollte sich die WTO wohl besser darum kümmern, dass sich die neu entfachten protektionistischen Handelshemmnisse nicht zum Flächenbrand ausweiten.

Welche Konsequenzen haben diese chinesischen Schutzzölle für Ihre Marge?

Martullo: Wir haben den bisherigen Einkaufspreis vorerst sichergestellt. Doch es könnte uns 2010 treffen. Das Volumen ist glücklicherweise nicht so bedeutend. Beunruhigender ist der politische Trend, den Welthandel mittels Zöllen einzuschränken. Für die Schweiz als Exportstandort ist dies sehr problematisch.

Macht es Sinn, wenn Ems mehr als die Hälfte in Domat/Ems produziert, wenn die Wachstumsmärkte auf anderen Kontinenten sind?

Martullo: Wenn ich vergleiche, hat der Entwicklungs- und Produktionsstandort Schweiz zwar hohe Kosten und liegt weit von Asien entfernt. Es gibt aber auch klare Vorteile, die es zu wahren gilt. Unter anderem das steuerlich attraktive Umfeld und die relativ geringe Verschuldung. Sehr positiv finde ich auch die Dynamik in Bezug auf bilaterale Freihandelsabkommen, welche Bundesrätin Doris Leuthard antreibt. Als kleiner Staat kann die Schweiz hier Chancen wahrnehmen, welche anderen Staaten nicht offenstehen. Ich hoffe, dass nach dem Vertrag mit Japan auch das Abkommen mit China bald zustande kommt. Natürlich wäre auch ein Abkommen mit den USA für die Schweizer Wirtschaft sehr willkommen.

Was bringt Ihnen ein solches Abkommen?

Martullo: Wenn wir hier etwas produzieren und dann beispielsweise nach Japan exportieren, müssen wir keine Zölle mehr bezahlen. Wir machen so Einsparungen in Millionenhöhe. Zudem führen die Abkommen zu Vereinfachungen bei der logistischen Abwicklung.

Und die Nachteile des Standorts Schweiz?

Martullo: Die Transportkosten für Exporte steigen bereits wieder. Hinzu kommt die CO2-Besteuerung. Was mir für die Zukunft Sorgen bereitet, sind die Energieversorgung und die Energiepreise in der Schweiz. Energie ist für einen Industriestandort ein äusserst wichtiger Standortfaktor. Für Alternativenergien bezahlen die Energieverbraucher bereits mit massiven Zuschlägen. Für Ems in Millionenhöhe. Wir erachten es als nicht unrealistisch, dass der Strompreis in der Schweiz in den nächsten zehn Jahren rund 30 bis 40% höher liegen könnte als heute. Dies ist für jegliche industrielle Tätigkeit einschneidend.

Aber dank dem Biomassekraftwerk Tegra in Domat/Ems können Sie sich selbst versorgen.

Martullo: Ja, im Dampfbereich sind wir selbstversorgend, hier sind wir in einer einmaligen Lage. Doch wir brauchen dennoch Strom für die Steuerung der Anlagen. Das macht rund 50% unseres Gesamtenergieverbrauchs in Domat/Ems aus. Die Rohstoffpreisaufschläge können wir den Kunden weitergeben, doch bei den Stromkosten geht das nicht, weil unsere internationalen Konkurrenten hier andere Bedingungen vorfinden.

Was unternehmen Sie?

Martullo: Wir suchen nach eigenen Projekten für günstigen und sicheren Strom. Wir haben auch schon ein Solarprojekt auf allen Dächern unseres Werkes in Domat/Ems angeschaut. Doch dafür hätten wir Subventionen erhalten, welche damals das Solarbudget von Bundesrat Moritz Leuenberger gleich aufgebraucht hätten. Das Projekt wäre nicht bewilligt worden.

Sie sind nicht angewiesen auf Subventionen, aber wenn es sie gibt, dann nehmen Sie sie trotzdem?

Martullo: Das ist der Fluch von Subventionen: Das Verhalten ändert sich. Bei den Alternativenergien zahlen wir voll mit, also prüfen wir in der Folge auch, davon zu profitieren. Dieses Denken ist uns ja allen vertraut von der Krankenkasse. Die Eigenverantwortung bleibt auf der Strecke.

Welchen Wunsch haben Sie an die Klimakonferenz in Kopenhagen, was die CO2-Regeln anbelangt?

Martullo: Da habe ich keinen Wunsch. Auch ohne CO2-Regelung hätte die Autoindustrie genügend Anreize, leichte Fahrzeuge zu bauen und Ems-Material einzusetzen. Schliesslich bedeutet tieferer Treibstoffverbrauch für den Autokäufer immer auch geringere Kosten. Neuerdings müssen die Autohersteller aber sogar nachweisen, dass sie in gewisse Technologien investieren, um Staatsgelder zu erhalten. Ich finde es problematisch, wenn der Staat anfängt, die Forschung zu dominieren. Es gibt eine These, wonach die Margen in der Autoindustrie so tief geworden sind, weil diese Branche so stark reglementiert wurde. Die politischen Lösungen sind meist nicht die innovativsten und wirtschaftlich nicht die sinnvollsten.

Was ist die Alternative?

Martullo: Die chemisch-pharmazeutische Industrie hat sich freiwillig verpflichtet, ihre CO2-Emissionen zu reduzieren und die Kyoto-Vorgaben zu erfüllen. Dieses Ziel hat die Branche erreicht. Ems hat diese Vorgaben sogar stark übererfüllt. Trotzdem haben die Behörden die CO2-Abgabe per 1. Februar 2010 verdreifacht, die Spielregeln der Rückerstattung der Einnahmen geändert und den Klimarappen eingeführt. Aus einer marktkonformen Lenkungsabgabe ist eine Energiesteuer geworden. Bei einer solchen Handlungsweise des Staates muss man sich nicht wundern, wenn die Unternehmen keine soziale Verantwortung mehr wahrnehmen.

Glauben Sie, dass die Unternehmen freiwillig in umwelt- und CO2-freundlichere Technologien investieren würden ohne staatliche Steuerung?

Martullo: Die Wirtschaft macht sehr viel freiwillig im Umweltschutzbereich. Bei einem weltweiten Thema wie der CO2-Reduktion, wo die Schweiz auch ihren Beitrag zu hat, ist es richtig, dass Politik und Wirtschaft zusammenarbeiten. Die Unternehmen müssen einen Beitrag leisten und sich verantwortlich zeigen. Dazu sind die Unternehmen aber auch bereit, sofern Politik und Wirtschaft Hand in Hand gehen.

Eine Ihrer weiteren Sorgen ist der Betrugs- und Werkspionagefall. Gibt es Fortschritte?

Martullo: Mein Vertrauen in die Schweizer Justiz hat in den letzten Jahren massiv abgenommen. 2007 erhoben wir Anklage. Mittels Hausdurchsuchungen beschlagnahmte die Bundesanwaltschaft daraufhin das ganze gestohlene Datenmaterial. Nun kämpfen wir, dass nicht alle gestohlenen Betriebsdaten detailliert offengelegt und den Angeklagten ausgehändigt werden. Schliesslich geht es dabei um Betriebsgeheimnisse. Nach langem Hin und Her wegen der Akteneinsicht hat die Gegenseite bereits wieder eine Beschwerde eingereicht. Ich weiss nicht, wann es endlich zur Anklage kommt.

Nach fünf Jahren als CEO sind Sie immer noch weit und breit eine der wenigen Frauen an der Spitze eines internationalen Konzerns. Wie erklären Sie sich das?

Martullo: Viele Frauen entscheiden sich für einen anderen Weg und, vor allem wenn sie Familie haben, gegen einen Vollzeitjob. CEO kann man nicht in Teilzeit sein. Es ist keine einfache Aufgabe. Das können und wollen auch nicht alle Männer machen. In Amerika und Asien gibt es mehr Frauen an der Spitze.