Sie wollen unter die Top 3 im Schweizer Derivatemarkt. Wann werden Sie dieses Ziel erreichen?

Jan Schoch: Dieses oder nächstes Jahr. Wenn man die Anzahl strukturierter Produkte ? ohne Warrants ? betrachtet, sind wir bereits heute der drittgrösste Emittent. In Bezug auf das Volumen denken wir, dass wir mit den Warrants ? eine erste Serie von 366 Warrants wurde vor kurzem emittiert ? unseren Marktanteil schnell signifikant steigern können.

Aber «unter die Top 3» gilt unter Berücksichtigung aller Produktkategorien?

Schoch: Ja. Wir sind überzeugt, dieses Ziel zu erreichen, weil wir sehr viele Produkte emittieren können, ohne grossen zusätzlichen manuellen Aufwand. Wir produzieren Termsheets, Flyer und Reports automatisch. Es wird also kein Termsheet manuell geschrieben, sondern nach den statischen Daten in unserem Tradingsystem produziert.

Wie differenzieren Sie sich von den 40 anderen Emittenten?

Schoch: Die Branche der strukturierten Produkte hat sich bisher wie die Schokoladenindustrie von 1899 verhalten: Es wurde sehr viel manuell gemacht. Wir repräsentieren vom Bild her eher eine Lindt & Sprüngli. Also eine grosse Fabrik, die tonnenweise Schokolade in gleicher und guter Qualität produziert. Bei der Anzahl Produkte, die wir heute haben, muss der Prozess dahinter sehr viel stärker automatisiert sein als früher.

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Warum hatte EFG FP bis vor kurzem so wenige Hebelprodukte im Angebot?

Schoch: Ursprünglich haben wir geplant, mit Hebelprodukten anzufangen. Aber das Marktumfeld war schlecht. Wir haben ja am 28. Dezember 2007 das erste Produkt emittiert und uns kurz zuvor umentschieden, doch mit strukturierten Produkten anzufangen, da die Nachfrage nach Renditeoptimierungsprodukten in seitwärts tendierenden oder schlechteren Märkten sehr viel höher ist als in Warrants.

Im Vergleich mit der Konkurrenz bietet EFG FP überdurchschnittlich viele Renditeoptimierungsprodukte an. Wie viel Prozent dieser Produkte wurden während der Marktturbulenzen der letzten Monate ausgeknockt?

Schoch: Durchschnittlich haben bei uns rund 6% der Barrier Reverse Convertibles die Barriere durchbrochen. Der Durchschnitt von allen Emittenten liegt mittlerweile, glaube ich, über 50%. Im Vergleich zum Markt hatten wir also eine sehr tiefe Rate von Barrierevents. Der Grund dafür ist, dass wir sehr konservative Produkte gewählt haben, viele Produkte mit tiefen Barrieren und dafür tiefere Coupons. Auf der anderen Seite haben wir Produkte emittiert, bei denen die Barrierebeobachtung nicht während der ganzen Laufzeit stattfindet.

An den Renditeoptimierungsprodukten haben sich viele Anleger die Finger verbrannt in den letzten Monaten. Haben Sie die Ernüchterung der Anleger auch zu spüren gekriegt?

Schoch: Ja, definitiv. In den letzten Wochen haben wir zwar eine signifikate Erholung gesehen. Aber insgesamt sind die Volumen in diesem Jahr sehr stark zurückgegangen.

Welche nachhaltigen Auswirkungen wird dieser Rückgang noch haben?

Schoch: Wir befinden uns in einer Vertrauenskrise, nicht nur den Banken, sondern auch den Produkten gegenüber. Im Endeffekt hat das mit den Kreditprodukten zu tun, die für die Industrie ein Problem darstellen. So haben strukturierte Produkte auch einen extremen Vertrauensverlust erlitten, das muss man klar sehen.

Wie begegnen Sie diesem Umstand als Emittent?

Schoch: Umfragen haben ergeben, dass potenzielle Käufer von strukturierten Produkten nicht investieren, weil das Produkt zu komplex oder zu intransparent ist. Daher setzen wir auf Transparenz und legen Wert darauf, das Produkt verständlich zu machen. Oft ist ein Produkt rein durchs Factsheet verkauft worden, das reicht nicht aus. Kein Kunde, und schon gar kein Retailkunde, versteht das Produkt so. Wir stellen deshalb unter anderem einen täglich aktualisierten Produktereport bereit. Darin ist das Risiko des Produktes erkennbar, ob Barrieren durchbrochen wurden, wie viel das Produkt wert ist etc.

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Apropos Sicherheit. Welche Produkte werden in den nächsten Monaten speziell gefragt sein?

Schoch: In der letzten Zeit haben wir eine verstärkte Nachfrage nach Kapitalschutzprodukten gesehen und darum auch mehr Kapitalschutzprodukte emittiert. Wir denken aber, dass wir uns dieses Jahr in einem Seitwärtsmarkt befinden, und deshalb bleiben die Renditeoptimierungsprodukte interessant. Der Zweck eines Renditeoptimierungsproduktes ist ja genau, dass man eine Zusatzrendite in einem Seitwärtsmarkt verdienen kann.

Wie wird der Derivatemarkt in der Schweiz in fünf Jahren aussehen?

Schoch: Das Volumen der strukturierten Produkte wird signifikant höher sein. Wir glauben an ein durchschnittliches Wachstum von 20 bis 30% in den nächsten fünf Jahren. Obwohl wir dieses Jahr deutlich darunter sein werden. Aktuell sind wir bei einem Totalvolumen von 300 Mrd Fr. Wir schätzen, dass wir in fünf Jahren bei einem Totalvolumen von knapp unter 1 Billion Fr. sein werden.

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Welche Emittenten werden in fünf Jahren führend sein?

Schoch: Momentan haben wir in der Schweiz knapp 40 Emittenten, die aktiv sind und an der Schweizer Börse listen. Diese teilen sich den Kuchen relativ gleichmässig. Wir glauben, dass in fünf Jahren 80% des Kuchens von den fünf grössten Emittenten beherrscht wird.

Aber es ist doch heute schon so, dass fünf Emittenten den Löwenanteil des Marktes kontrollieren?

Schoch: Wenn man das Börsenvolumen anschaut, ist das richtig. In der Schweiz werden aber nach wie vor ? leider ? die meisten Produkte OTC gehandelt. Wenn man das berücksichtigt, ist die Verteilung extrem gleichmässig.

Sie gehen also davon aus, dass der OTC-Markt generell zurückgehen wird?

Schoch: Ja, das ist ganz klar. Der OTC-Markt hat aus unserer Sicht keine grosse Zukunft. Natürlich wird es aber auch weiterhin gewisse institutionelle Kunden geben, die gewisse OTC-Produkte nachfragen.

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Was ist der Grund?

Schoch: Die Transparenz. Der Kunde fordert Liquidität. Wir haben es ja gesehen mit der Kreditkrise. Die Liquidität ist doch ein sehr wichtiges Element. Was der Emittent aufgrund von gelisteten Produkten bereitstellt, ist ein Market Making auf diesen Produkten. Das ist etwas, was dem Kunden doch sehr viel wert ist.

Wie hoch wird der Anteil des OTC-Markts am Gesamtmarkt in fünf Jahren noch sein?

Schoch: Ich schätze, dass aktuell 80 bis 90% des Marktes OTC gehandelt werden. In fünf Jahren werden es nur noch 20 bis 30% sein.

Wie wirkt sich die Umschichtung von OTC zu gelisteten Produkten auf die Kundenseite aus? Wie wird der Anteil institutionelle versus private Anleger in fünf Jahren sein?

Schoch: Momentan haben die institutionellen Anleger noch die Vorderhand. Der Retailmarkt wird aus unserer Sicht in den nächsten fünf Jahren stark wachsen. Von aktuell 70% institutionell und 30% privat wird es wohl in fünf Jahren gerade umgekehrt sein.

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Von welchem Emittent fühlen Sie sich derzeit am meisten bedroht?

Schoch: Wir fühlen uns am meisten bedroht von Emittenten, die ähnlich wie wir auf der grünen Wiese anfangen.

Wer ist das?

Schoch: Die gibt es heute noch nicht.

Sie fühlen sich also bedroht von jenen, die es noch nicht gibt. Das heisst, Sie gehen von einer Rochade unter den Marktführern im Derivatemarkt aus? Wer heute in der Top-Liga mitspielt, wird das in fünf Jahren nicht mehr tun?

Schoch: Ja. In der Top-Liga werden Emittenten mitspielen, die auf der grünen Wiese begonnen haben und die technologischen Vorteile der Informationstechnologie nutzen und umsetzen können. Und diesen Mehrwert ohne grossen Integrationsaufwand an den Kunden weitergeben. Die Kosten eines strukturierten Produktes können so reduziert werden durch die Automatisierung und die Qualität wird erhöht.

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Wieso glauben Sie, dass diese Automatisierungen für bestehende Emittenten so schwierig sind?

Schoch: Bestehende Emittenten sind in einer Sackgasse, weil sie häufig sehr viele Produkte ausstehend und ausserdem eine bestehende IT-Infrastruktur haben, die sie nicht einfach adjustieren oder komplett überarbeiten können. Migrationsthematiken erschweren den Prozess zusätzlich.

Welcher Green-Field-Emittent wird als nächster in den Schweizer Markt eintreten?

Schoch: Ich denke, es wird am ehesten ein Schweizer Kreditrisiko-, sprich ein Schweizer Finanzinstitut sein. Wir sehen aufgrund der Bonitäts- und Emittentenfrage verstärkte Trends zu Schweizer Emittenten. Konkret spreche ich von all jenen Finanzinstituten, die noch kein Produkt- und Derivatebusiness haben und die Chance ergreifen, dieses von Null anzufangen und aufzubauen. Verschiedene Privat- oder Kantonalbanken sowie auch Versicherungen könnten noch eintreten. Wenn, dann sind es diese Konkurrenten, die uns in fünf Jahren das Wasser reichen.

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