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Offensive
Der riskante Kampf um Schmolz + Bickenbach

Nach der Generalversammlung präsentierte sich der Verwaltungsrat des Stahlkochers als Sieger. Doch seither drehte der Wind. Eines ist dabei klar: Die Streitereien gefährden das Unternehmen.

Von Jeffrey Vögeli
am 01.07.2013

«Wo kämen wir hin, wenn Generalversammlungen annulliert würden, nur weil im Nachhinein ein Gerichtsurteil angefochten wird?», fragte ein Jurist von Schmolz + Bickenbach letzten Freitag an der Pressekonferenz nach der Generalversammlung. Dass das Aktionärstreffen nur dank der tatkräftigen Hilfe des Zürcher Handelsgerichts im Sinne des Verwaltungsrats ausging, klammerte der Mann wohlwissend aus. Auch war nicht die Rede davon, dass das erwähnte Urteil – in den Worten des Aktienrechtlers Peter Forstmoser - «zumindest in Teilen abenteuerlich» in seinem Widerspruch zur herrschenden Lehre ist.

Im Konflikt zwischen dem Verwaltungsrat des Stahlkochers und den Vertretern des grössten Aktionärs, der Erbengemeinschaft der deutschen Unternehmensgründer, schien der Verwaltungsrat die Oberhand gewonnen zu haben. Trotz dieser Niederlage wirkte Oliver Thum nach der Generalversammlung keineswegs betrübt. Aus dem Umfeld des Geschäftsführers der Erbengemeinschaft verlautete sogar: «Wer zuletzt lacht, lacht am besten.»

Widersprüchliche Reaktionen

Über das Wochenende wurde klar, weshalb: Drei Tage nach dem Schlagabtausch in Emmenbrücke findet sich derselbe Verwaltungsrat auf der Verliererseite wieder. Unmittelbar nach der Generalversammlung verkauften die Erben ein Aktienpaket von 20.46 Prozent an Viktor Vekselbergs Renova und banden sich gleichzeitig durch einen Aktionärsbindungsvertrag an diese.

Damit verfügt die Gruppe aus Renova und den Gründererben über eine solide Mehrheit in jeder künftigen Generalversammlung. Obwohl die Entscheide vom Freitag noch nicht rückgängig gemacht sind. Der Verkauf kann auch als Zeichen dafür gewertet werden, dass die Gesellschafter unter der Führung von Thum volles Vertrauen in Vekselbergs Pläne mit ihrem Unternehmen haben. Obwohl Thums erklärtes Ziel ein höherer Aktienkurs ist, verkaufte er an Renova mit einem deutlichen Abschlag im Vergleich zum Börsenpreis.

Offene Rechtsfragen

Ein weiteres Anzeichen für freie Bahn Vekselbergs war, dass der Verwaltungsratspräsident von Schmolz + Bickenbach, Hans-Peter Zehnder, am Wochenende bereits von Rücktritt sprach. Doch heute versandte das Gremium als Ganzes allerdings eine geharrnischte Pressemitteilung als Reaktion auf die Vorgänge vom Freitag. 

Auch wenn die Gründererben zusammen mit Viktor Vekselberg in Zukunft jede Generalversammlung dominieren können – «die bereits gefassten Beschlüsse der Generalversammlung kann nur ein Gericht aufheben», erklärt Rechtsprofessor Peter Forstmoser. Laut dem Experten, der bereits am 7. Juni für die Erben ein Rechtsgutachten erstellte, bleibt die von den Erben erwirkte Sperre des Handelsregistereintrags von Schmolz + Bickenbach zwar bis zum Abschluss des entsprechenden Gerichtsverfahrens bestehen.

Lähmung des Unternehmens droht

«Auch wenn die vermutlich nun von der Gruppe um Renova vorbereitete Klage auf Unrechtmässigkeit der GV-Beschlüsse im Schnellverfahren abgewickelt wird, dauert das einige Monate», so der Jurist. «Sollte Schmolz + Bickenbach auf die Einnahmen aus der Kapitalerhöhung angewiesen sein, nehmen die Gerichte darauf keine Rücksicht. Der Verwaltungsrat muss dann im Interesse des Unternehmens eine Alternative finden.»

Die einfachste Lösung wäre vermutlich, wenn drei der unabhängigen Verwaltungsräte zurücktreten würden, mutmasst Jurist Forstmoser. Damit hätte die Gruppe um Renova eine Mehrheit in diesem Gremium. Können sich die Parteien nicht auf eine solche Lösung einigen, wird voraussichtlich in Kürze eine ausserordentliche Generalversammlung einberufen, an welcher die meisten aktuellen Verwaltungsräte abgewählt werden dürften. So oder so bleibt den neuen Mehrheitseignern des Stahlkonzerns nichts anderes übrig, als den Gerichtsweg zu ende zu gehen, wollen sie die Kapitalerhöhung nicht nach den Plänen des noch amtierenden Verwaltungsrates durchführen.

Plötzlich sehr verlockend

Ebenfalls noch unklar ist, wie sich der weiter bestehende Aktionärsbindungsvertrag zwischen den Erben und dem nunmehr drittgrössten Einzelaktionär Gero Büttiker auswirkt. Eventuell wurde dieser mit dem zerstörten Vertrauensverhältnis zwischen den Parteien kündbar – oder die Parteien sind weiter an das ursprüngliche Ablaufdatum des Vertrags im Jahr 2018 gebunden.

Die Zukunft des Unternehmens Schmolz + Bickenbach hängt stark davon ab, ob sich die Parteien über das weitere Vorgehen einigen können. Wie der Verwaltungsrat heute in einer Medienmitteilung schreibt, braucht das Unternehmen die Kapitalerhöhung «zwingend». Gerät S+B erneut in finanzielle Nöte, könnte Vekselbergs Angebot von 2.85 Franken pro Aktie plötzlich sehr verlockend aussehen.

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