Jacques Aigrain, CEO des Schweizer Rückversicherers Swiss Re, und Präsident Peter Forstmoser würden das vergangene Jahr am liebsten aus den Annalen streichen und wieder hoffnungsvoll in die Zukunft blicken. Doch das geht nicht. Die Finanzmarktkrise hängt wie ein Damoklesschwert über den beiden starken Männern des Konzerns. Denn solange neue Überraschungen das ohnehin schon fragile globale Finanzsystem jederzeit destabilisieren können, wird Swiss Re mit ihren Altlasten in der Bilanz leiden.

Die Finger mit CDS verbrannt

Der Konzern gehört zu jenen Versicherern, die 2008 am meisten unter die Räder gekommen sind. Auf zwei strukturierte Credit Default Swaps (CDS), mit denen Kreditrisiken gehandelt werden, musste Swiss Re bislang 3 Mrd Fr. abschreiben. Zudem resultierte im 3. Quartal 2008 ein Verlust von 300 Mio Fr. Als Folge dieser Hiobsbotschaften verstärkte Swiss Re das Risikomanagement und stutzte den Bereich Financial Markets massiv zurück, der für risikoreiche Anlagen verantwortlich war und als «Black Box» galt.

Finanzchef George Quinn, der die Suppe mitauslöffeln muss, meint lakonisch: Mit dem heutigen Wissen hätte man lieber die Finger von den CDS gelassen. Er ist nicht der einzige, der im Nachhinein klüger ist und jetzt das macht, was möglich ist: Schadensbegrenzung und Transparenz schaffen. Quinn verweist auf das Corporate-Bond-Portefeuille (35 Mrd Fr.), das ganz gehedgt wurde (was nicht billig ist). Zudem seien von den strukturierten Produkten 32% staatlich abgesichert respektive 54% mit einem AAA-Rating versehen. Doch die Anleger haben ihr Verdikt gefällt und Swiss Re das Vertrauen entzogen. Die Aktien des Rückversicherers brachen 2008 um 37,5% ein. Dass der Branchenprimus aus München - die vor der Finanzkrise noch als konservativ belächelte Munich Re - «lediglich» 16,5% an Wert einbüsste, schmerzt umso mehr. Zudem stoppten die Münchner im Gegensatz zu den Zürchern ihr milliardenschweres Aktienrückkaufprogramm nicht.

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Obschon die Analysten von UBS, Morgan Stanley, Goldman Sachs und Credit Suisse die Aktien von Swiss Re mittlerweile zum Kauf empfehlen mit der Begründung, das niedrige Kursniveau sei nicht gerechtfertigt und das Negative bereits eingepreist, traut die Anlegergemeinde den Demutsbezeugungen und neuen, vor allem leiseren Tönen von Management und Verwaltungsrat noch nicht. Zudem wird in der Finanzgemeinde die Frage gestellt, ob der ehemalige Wall-Street-Investment-banker Aigrain noch der richtige Mann ist.

Die Pläne sind nicht aufgegangen

Noch klingen die Swiss-Re-Pläne in den Ohren. Präsident Forstmoser und Vizepräsent Walter Kielholz, der starke Mann und Stratege im Swiss-Re-VR, hievten 2006 Aigrain an die Konzernspitze mit der Absicht: Er sollte den Rückversicherer aus dem Dornröschenschlaf wachküssen, eine Eigenkapitalrendite von 14% erwirtschaften, mit neuen Finanzinstrumenten den Konkurrenten davoneilen und aus der behäbigen Swiss Re eine Geldmaschine machen.

Nachdem sich diese Pläne fürs Erste zerschlagen haben, heisst das Leitmotiv: Zurück zum Kernbusiness, zum klassischen Rückversicherungsgeschäft. Ein wichtiger Schritt dazu war im September die Nomination des langjährigen Swiss-Re-Kadermanns Stefan Lippe, eines Vollblut-Rückversicherers, zum Stellvertreter Aigrains und zum neuen Chief Operating Officer (COO). Damit hat der Verwaltungsrat ein Zeichen gesetzt: Er hat im Kulturkampf, der in der Swiss Re tobte, den Traditionalisten den Rücken gekehrt - sich jedoch noch nicht ganz vom Investment-Banking-Gedanken gelöst. Sollte der Finanzmarkt indes mit weiteren Hiobsbotschaften aufwarten, dürfte die Strategie nochmals adjustiert werden.