So ist er einem grossen Publikum bis heute unbekannt geblieben. Drei Jubiläen in einem: Pierre Paulin wurde letztes Jahr 80 Jahre alt. Bereits 60 Jahre davon ist er in seinem Fach aktiv, und davon 50 Jahre für den holländischen Möbelhersteller Artifort. In dieser Zeit hat der Franzose viele moderne Klassiker entworfen, die von diesem Unternehmen produziert und weltweit vertrieben werden. Sie tragen Namen wie «Ribbon» (1966), «Orange Slice» (1960), «Butterfly» (1963), «Tongue» (1967) und «Mushroom» (1963). Alle bunt, rund und mit einer Anlehnung an die Pop-Art. Die Form des ABCD-Sofas (1969) von Pierre Paulin scheint von einer Eierschachtel inspiriert. Durch die Wölbung in der Sitzfläche steht jedem seine eigene Armlehne zur Verfügung, und auch der sichere Abstand zwischen den Sitzenden bleibt gewährleistet. Dadurch eignet sich das ABCD-Sofa besonders gut für Hotellobbys und Lounges. Im Zuge des Jubiläums von Pierre Paulin wurde sein Sofa reeditiert.

Heute nennt man seine Entwürfe zeitlos. Damals waren es wilde Statements ? sie galten als jung und respektlos. Der Sessel «Ribbon» erwies sich bei seiner Lancierung in den 1960er Jahren als eine Provokation und war damit mehr als nur ein Stuhl. Die Entwürfe von Pierre Paulin waren ein Teil der Rebellion der 1960er Jahre, der Pop-Art und damit ein Teil einer neuen Weltanschauung. Bei diesem Gefühl für grosse Formen: Wie entwirft Paul Paulin? Wenn er an seinem Entwurfstisch sitze und zeichne, dann zähle er sich zu den Grossen dieser Welt. Doch ausserhalb seines Studios, da fühle er sich klein. Pierre Paulin war immer schüchtern ? und hatte nie einen Sinn fürs Geld. Er war nie ein kommerziell denkender Designer, auch nicht ein Künstler. Er sehe sich eher als Angestellter, der kommerzielle Entwürfe für Kunden mache. So versuche er gute Produkte zu entwickeln. Das sei ein Teil seiner Identität. Dahinter verberge sich keine Ideologie, noch versuche er mit seinen Entwürfen die Welt zu retten.

Paulins Werdegang

Pierre Paulin wurde 1927 in eine grosse Designerfamilie geboren: Sein Vater entwarf das erste Cabriolet für Peugeot im Jahre 1931 und später den Bentley «Streamline». Er galt als Fachmann in Bezug auf die Aerodynamik. Pierre Paulin wollte es erst nicht seinem Vater gleichtun, sondern Bildhauer werden. Unglücklicherweise war er kein guter Student und er fand damit eher auf Umwegen oder schulischen Abkürzungen zur Designschule. Ein paar Jahre später, 1958, wurde er von Artifort eingeladen.

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Auf Initiative von Kho Liang Ie fand im neu eingerichteten Showroom eine internationale Möbelmesse statt. Verschiedene Designer zeigten hier ihre Prototypen, worunter Alain Richard, André Monpoix und Pierre Paulin. Vor allem Pierre Paulin erregte mit seinem zeitgenössischen Schalensitz, dem «Oyster», Aufsehen. Die unkonventionellen Ideen von ihm bezüglich neuer Möbelformen sowie der persönliche Eindruck, den er bei Harry Wagemans hinterliess, waren 1959 Anlass, ihn als freiberuflichen Designer zu engagieren. Das war der Beginn einer Beziehung, die bis in die 1970er Jahre dauerte. Pierre Paulin prägte zusammen mit dem britischen Designer Geoffrey Harcourt und Kho Liang Ie das Gesicht von Artifort. Und noch heute, mit 81 Jahren, entwirft Paulin weiter für internationale Top-Marken.

Paulins Arbeiten waren immer vielseitig: Die ersten Plastikgartenstühle wurden 1973 von Paulin für Allibert entworfen und werden immer noch produziert. Die Fassade von Roche & Bobois, bd St. Germain, ist seit dem ersten Entwurf Paulins 1961 unverändert. Der französische Präsident Georges Pompidou liess Paulin die Privatappartements des Elysée-Palastes entwerfen. Der Hauptsitz des Präsidenten François Mitterrand im Elysée-Palast wurde nach dem Entwurf von Paulin völlig erneuert, wie auch das «Tapestry-Zimmer» und die City Hall in Paris. Eine Produktserie von Paulin für Calor wurde mit dem «National Prize of Industrial Creation» ausgezeichnet (am bekanntesten ist das Reisebügeleisen). Paulin entwarf den ersten Mini-Rasierapparat für Tefal. Auch viele seiner Möbeldesigns erhielten internationale Preise und sind weltweit Bestandteil mancher Museumskollektion. Designmagazine beschreiben die Modelle von Paulin als modern und progressiv, auch wenn manche schon fast 50 Jahre lang bestehen. Denn Paulin wollte auch hinsichtlich Produktionstechniken und Materialien von allem nur das Beste. Eine Mentalität, die viel Wertvolles erzeugt hat. Noch heute gelten seine Entwürfe als zeitgemäss und sind Inspirationsquelle für andere Designer.

Die Liege «Le Chat»

Pierre Paulin und Jack Lenor Larsen trafen sich 1967 zum ersten Mal. Ein Treffen zwischen einem grossen Möbeldesigner und einem Textilentwerfer. Ihre Zusammenarbeit hat ein neues Bild in die Möbelgestaltung gebracht und sie für allemal verändert ? in Form, Material und Textil. Ein wichtiger Meilenstein und gutes Beispiel ihrer Zusammenarbeit ist die Liege «Le Chat» aus dem Jahre 1967. Sie sei in einem einzigen Zug gezeichnet worden. Die Quelle dieses unvergleichlichen Linienspiels ist der hintere Fuss, aus dem Rückenlehne und Sitzfläche hervorzustreben scheinen. Der Stoff unterstützt diesen Effekt. Zusammen suchen sie die Grenzen der Linienführung. Mit augenscheinlicher Leichtigkeit und Spielerei werden das Organische und die Bögen hervorgehoben. Die Farben sind provokant, überraschen und fröhlich. So wirkt das Modell zugleich dynamisch und einladend. Es ist ein Genuss, darin zu sitzen. Pierre Paulin verwendete für «Le Chat» erstmals Aluminiumprofile für den Fuss. Der von Larsen entworfene Stoff «Momentum» wird exklusiv zum Jubiläum für die Paulin-Modelle neu aufgelegt.

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NACHGEFRAGT


«Problemlos kombinierbar»

Heinz Ryffel, Seleform, Agentur für Artifort in der Schweiz, Zürich.

Wie sehen Sie die Entwürfe von Pierre Paulin im Kontext zu aktuellen Möbeldesigns?

Heinz Ryffel: Pierre Paulin war stark beeinflusst von Designern wie Charles und Ray Eames und Florence Knoll. Seine Entwürfe sind so zeitlos und zeitgemäss, dass sie sich problemlos mit den heutigen Designs kombinieren lassen.

Wo sehen Sie die Stärken der Entwürfe von Pierre Paulin?

Ryffel: Wie bei Charles und Ray Eames haben seine Entwürfe eine hohe Designqualität, die sich über die Jahre sogar noch verstärkt hat.

Wo liegt der Einsatz von Möbeln von Pierre Paulin?Ryffel: Besonders im Wohn- und Objektbereich. Die Möbel von Pierre Paulin sind in den starken Farben am aussagekräftigsten. Darum braucht es etwas Mut, diese einzusetzen. Doch es lohnt sich bestimmt.