Markus Tavernier, Präsident von alu.ch: «Findet keine Aufwertung des Euro statt, müssen wir auch im kommenden Jahr tiefe Margen hinnehmen.»

Sie forderten vor einem Jahr Innovationen der Alu-Industrie, um der sich abzeichnenden Nachfrageflaute begegnen zu können. Wurden Sie 2002 enttäuscht?

Markus Tavernier: Nein. Denn der Einsatz unseres Werkstoffes hat in den letzten Jahren aufgrund der Innovationskraft und Leistungsfähigkeit der Branche weiter stark zugenommen. Dies insbesondere in den Bereichen Transport, Verpackung sowie Architektur und Innenausstattung. Einige unserer Innovationen sind zudem massgebend an der Erneuerung von Strukturen und Prozessen beteiligt, welche die Industrielandschaft heute rasant verändern.

Wo?

Tavernier: Ich denke dabei etwa an Umstellungen und Ausweitungen von Produkte- und Dienstleistungsangeboten, Zulieferungs- und Vertriebsmethoden, Optimierung von Arbeitsabläufen, Sicherstellung von Qualität und Service sowie an die Optimierung der Werkstoff- und Materialkreisläufe.

Aluminium bewährt sich als Substitution bisheriger, traditioneller Werkstoffe. Gab es in den letzten 12 Monaten eine wirklich echte Innovation?

Tavernier: Industrielle Innovationen sind immer ein Resultat längerfristiger Entwicklungen und Anstrengungen und kommen häufig auch nicht mit dem Zeitpunkt ihrer Einführung zum Abschluss. Ich möchte darauf verzichten, wegweisende Neuerungen mit einem bestimmten Datum oder einer Jahreszahl zu versehen. Erfreulicherweise lässt sich die Innovationskraft unserer Industrie trotzdem auch in diesem Jahr an aktuellen Ereignissen ablesen.

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Was führen Sie als Beispiele an?

Tavernier: Anfang des kommenden Jahres wird beispielsweise die neue Magnetschwebebahn Transrapid zwischen dem Zentrum von Shanghai und dem Flughafen offiziell eröffnet. Die Wagenkasten dieses ultramodernen Verkehrssystems, des ersten seiner Art, bestehen aus einer Kombination von Aluminium-, Kunststoff- und Sandwichelementen. Und alle Wagenkasten für den Transrapid werden von einem Mitglied unseres Verbandes in der Schweiz gefertigt.

Ein weiteres Beispiel für innovative Leichtbaulösungen mit Aluminium stellt der im September am Automobilsalon in Paris vorgestellte Jaguar XJ dar. Seine Ganzaluminium-Karosserie ist in einer selbsttragenden Blechbauweise gefertigt; sie ist das Resultat einer intensiven Entwicklungszusammenarbeit zwischen Jaguar und Alcan.

Wer oder was könnte einen zusätzlichen Entwicklungsschub bringen?

Tavernier: Die meisten Entwicklungen erwarte ich auch in der Zukunft im Transport- und Verpackungssektor. Die Eigenschaften von Aluminium wie geringes spezifisches Gewicht, hohe Festigkeit, gute Korrosions- und Witterungsbeständigkeit, vielseitige Formgestaltungsmöglichkeiten sowie die ausgezeichnete Recyclingtauglichkeit eröffnen dem Transportsektor unverändert interessante Perspektiven. Die Alu-Branche ist zusammen mit der Automobilindustrie aktiv an der Entwicklung neuer Leichtbauteile beteiligt. Es ist sicher nicht verwegen, in den nächsten zehn Jahren mit einer Verdoppelung des Aluminium-Anteils im Automobil zu rechnen. Auch in der Herstellung von Nutzfahrzeugen, insbesondere bei City- und Reisebussen, nimmt die Substitution traditioneller Materialien durch Aluminium und Leichtbaustoffe zu.

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Und im Verpackungssektor, den Sie ebenfalls als zukunftsweisend einstufen É

Tavernier: Im Verpackungssektor ist die Nachfrage in den Segmenten Pharma, Kosmetik und Lebensmittel nach wie vor gut. Hier wird Aluminium nicht nur wegen der Wiederverwertbarkeit, sondern auch wegen seiner hervorragenden Barriereeigenschaft vermehrt eingesetzt, oft auch in Kombination mit Papier und Kunststoffen.

Wo stagniert die Branche?

Tavernier: Die eher trüben Aussichten in der Bauwirtschaft versprechen unserer Industrie, mit Ausnahme im Bereich der Renovationen, kurzfristig kaum neue Impulse. Hingegen sind weiter hohe Zuwachsraten in den Segmenten Innenausstattung und Wohnraumgestaltung zu erwarten. Ich stelle mit grosser Befriedigung fest, dass Innenarchitekten und Möbeldesigner im Begriffe sind, den Werkstoff Aluminium «wiederzuentdecken», der ihnen fantastische Gestaltungsmöglichkeiten bietet.

2000 Produktionsrekorde, 2001 ein leichter Rückgang der Nachfrage ­ nimmt man die Wirtschaftsmeldungen der letzten Monate als Gradmesser, so bringt 2002 für die Alu-Industrie zum zweiten Mal eine abgeschwächte Nachfrage. Wie gross wird im Vorjahresvergleich das Minus beim hiesigen Verbrauch ausfallen?

Tavernier: In diesem Jahr stellen wir tatsächlich wiederum einen rückläufigen Markt fest. Bis Ende Jahr rechnen wir mit einem leichten Rückgang der Nachfrage gegenüber 2001 von zirka 3%. Was uns jedoch mehr beschäftigt, sind die stetig sinkenden Margen. Hier leiden wir nach wie vor unter dem schwachen Euro.

Nötig ist eine Differenzierung zwischen Primär-Aluminium und den Halbzeugen: Wer wurde vom Abschwung stärker betroffen?

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Tavernier: Beim Hüttenaluminium sehen wir derzeit mengenmässig keine Probleme. Die Produktion der einzigen Hütte in der Schweiz, des Alcan-Werks in Steg im Wallis, stieg letztes Jahr um 2,2% auf 37000 t an. Dies aufgrund der Umrüstung sowie Ertüchtigung der bestehenden Öfen. Als Resultat werden die Kapazitäten schrittweise bis 43000 t im Jahre 2005 erhöht.

Hat sich der Heimmarkt als stabiler erwiesen als der Export?

Tavernier: Die Inlandnachfrage bei den Halbzeugwerken erleidet dieses Jahr nochmals einen leichten Rückgang. Doch wir können auch positive Signale ausmachen. So zeigen beispielsweise die Inland-Auftragseingänge der Monate Januar bis Oktober, dass diese im Vergleich zur Vorjahresperiode um ungefähr 4% gestiegen sind.

Die Schweiz ist kein Sonderfall: Liegen wir mit unseren rückläufigen Werten vergleichbar im europäischen Schnitt?

Tavernier: Ja, auch die ausländischen Werke haben mit den gleichen Problemen zu kämpfen. Im ersten Halbjahr 2002 haben die europäischen Presswerke, verglichen mit der Vorjahresperiode, einen Rückgang von 2,7%, die Walzwerke einen Rückgang von 5,2% zu verzeichnen.

Wie fällt die Entwicklung der einzelnen Branchen aus: Gab es Ausreisser?

Tavernier: Den grössten Einbruch hat wohl der Aerospace-Markt erlitten. In den USA ist der Absatz um 50% geschrumpft, in Europa ging der Aluminium-Umsatz mit Airbus um rund ein Drittel zurück. Die Aussichten für nächstes Jahr sind noch schlechter; erst 2005 rechnet man mit einer Erholung. Erfreulich war hingegen die Entwicklung bei der Bau- und Bauzulieferindustrie. Die Phase der Ausführungen der Bauinvestitionen aus der Hausse geht jedoch zu Ende. Wegen des anhaltenden Preisdrucks in der Baubranche und des starken Schweizer Frankens rechnen wir auch hier mit einer längeren Durststrecke. Im Verpackungsbereich sind die Werke gut ausgelastet.

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Brachte die sinkende Nachfrage auch rückläufige Preise?

Tavernier: Die Preise bei den Pressprodukten waren Anfang des Jahres noch rückläufig. Im 2. Quartal wurde dieser Rückgang gestoppt, und wir können heute eine gewisse Stabilisierung, jedoch auf tiefem Niveau, ausmachen.

Zu den Aussichten: Wie wird das Alu-Jahr 2003?

Tavernier: Unsere Erwartungen für das kommende Jahr sind verhalten. Wir rechnen nicht mit einem Aufschwung vor der zweiten Jahreshälfte. Da Aluminium in vielen wichtigen Absatzmärkten nach wie vor im Trend liegt, sind wir zuversichtlich, dass unser Werkstoff mittel- und langfristig wieder kontinuierliches Wachstum erfährt.

É bei welcher Preisentwicklung?

Tavernier: Die Preisentwicklung ist aufgrund des drohenden Irak-Konfliktes schwierig einzuschätzen. Der Drei-Monats-LME liegt zurzeit bei 1395 Dollar die Tonne. Ich gehe davon aus, dass dieser Wert in nächster Zeit keine grossen Änderungen erfahren wird. Unsere Hauptsorge gilt jedoch dem starken Schweizer Franken. Findet keine Aufwertung des Euro statt, müssen wir auch im kommenden Jahr tiefe Margen hinnehmen.

STECKBRIEF

NAME: Markus Tavernier

GEBOREN: 8. Oktober 1955

ZIVILSTAND: Verheiratet

AUSBILDUNG: Betriebswirtschaftsstudium an der Universität Zürich

FUNKTION: Präsident Aluminium-Verband Schweiz, alu.ch; Geschäftsführer der Igora-Genossenschaft für Aluminium-Recycling, Zürich.

ALU-verpackung

Die Dose liegt im Trend

Erneut legte die Alu-Dose, die bekannteste Anwendung von Aluminium in der Verpackungsindustrie, im letzten Jahr in Europa zu. Insgesamt konnten 21,4 Mrd Stück (Vorjahr 19,2) abgesetzt werden, was einer Steigerung von 11% entspricht. Auch in der Schweiz kletterte die Nachfrage nach Alu-Dosen, dies von 140 Mio Einheiten auf neu 185 Mio Einheiten (+32%).

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Gründe für diesen zweistelligen Anstieg gibt es genügend. Laut Markus Tavernier, dem Geschäftsleiter der für das Recycling zuständigen Igora-Genossenschaft, ist dieser Erfolg den veränderten Gewohnheiten beim Getränkekonsum zuzuschreiben. Tavernier: «Immer mehr Leute möchten sich auch ausser Haus mit einem Getränk erfrischen: Auf einer Party, beim Treff mit Freunden, unterwegs oder auf der Piste. Genau da erfüllen die Alu-Dosen die Bedürfnisse ideal.» Die Getränkeverpackung ist gemäss Tavernier leicht, handlich, unzerbrechlich und kompakt zu transportieren. Zudem würden die Getränke über lange Zeit frisch und haltbar bleiben.

Tavernier ist von einem weiteren Boom auf dem heimischen Markt überzeugt. Er stützt sich bei dieser Aussage auch auf die ökologischen Vorteile. Dank modernster Technologien können beim Rezyklieren bis zu 95% der bei der Erstproduktion der Dosen eingesetzten Energien eingespart werden. Alu-Dosen und deren Recycling sind ökonomisch, ökologisch und sozialverträglich. Die Wiederverwertung leistet damit gemäss einer Studie der Empa, St. Gallen, einen Beitrag an die nachhaltige Entwicklung. Mit 91% weist die Schweiz weltweit bei den Dosen die höchste Recyclingquote aus, neben 45% in Europa und 55% weltweit. (m)