Eigentlich müssten heute bei vielen im Euroraum tätigen Schweizer Unternehmen die Alarmglocken läuten. Denn als die «Handelszeitung» vor mehr als drei Monaten schon einmal die Schwäche des Euro thematisierte, erklärte Swissmem-Präsident Johann N. Schneider-Ammann: «Bleibt der Euro drei bis fünf Monate um 1.50 Fr. oder darunter, so kann das bis zur Hälfte des budgetierten Gewinns wegfressen.» Inzwischen ist diese Frist verstrichen, der Euro dümpelt nach wie vor unter 1.50 Fr., und es zeigen sich kaum Anzeichen, dass er sich rasch erholen wird.

Was damit auf dem Spiel steht, lässt sich zumindest bezüglich Umsatzvolumen skizzieren: Sollte sich der Euro, der 2008 im Jahresschnitt bei 1.58 Fr. lag, in diesem Jahr um 10 Rp. tiefer bei 1.48 Fr. einpendeln, so entspräche dies einer Abwertung von 6%. Das würde für die Schweizer Unternehmen, die 2008 für rund 100 Mrd Fr. Güter in den Euroraum exportierten, einem Umsatzverlust von 6 Mrd Fr. gleichkommen.

Komplizierter wird es allerdings, zu ermitteln, wie sich die Euroschwäche auf Betriebsgewinne und Margen auswirkt. Für jedes Unternehmen sieht die Rechnung wieder anders aus. Beispiel Roche: Der Pharmariese hat fürs Jahr 2008 ausgerechnet, dass der gegenüber dem Vorjahr um rund 3,5% schwächere Euro den Umsatz um 445 Mio Fr. und den Ebit um 228 Mio Fr. geschmälert hat. «Die gegenwärtige Entwicklung des Euro hat aber keinen materiellen Einfluss auf die Betriebsgewinnmarge des Konzerns», sagt Roche-Sprecher Alexander Klauser. Der Grund: Der Pharmakonzern hat verschiedene Produktions- und Forschungszent-ren im Euroraum. Mit dem schwachen Euro werden auch die erheblichen Kosten, die dort anfallen, entsprechend geringer.

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Natürliches Hedging

Sowieso setzt Roche als globaler Konzern dieses natürliche Hedging - Einnahmen wie Ausgaben in Fremdwährungen - weltweit ein. Produziert wird möglichst in verschiedenen Währungsräumen, damit sich die Devisenschwankungen neutralisieren. Die Strategie erlaubt es, auf finanzielle Absicherungsgeschäfte zu verzichten. In Kauf nimmt man so allerdings, dass die absoluten Umsatz- und Gewinngrössen in Schweizer Franken tiefer ausfallen.

Noch stärker als der Euro hat sich dabei 2008 der Dollar ausgewirkt. Mit seiner durchschnittlichen Abwertung von 10% gegenüber dem Franken hat er bei Roche den Jahresumsatz um 1,67 Mrd Fr. nach unten gedrückt. In diesem Jahr könnte allerdings ein wieder erstarkter Dollar die Euroschwäche bei Roche mehr als wettmachen.

Erodierende Gewinne

Drastischer als Roche vom schwachen Euro betroffen sind jene Unternehmen, für die der Euroraum der weitaus wichtigste Absatzmarkt ist. Georg Fischer zum Beispiel tätigt dort 60% seines Umsatzes. An der Bilanzmedienkonferenz am 24. Februar soll genau offengelegt werden, wie sich das auf das Ergebnis 2008 ausgewirkt hat.

Stellt man auf die Prognosen des Konzerns vor drei Monaten ab, so dürfte die Euroschwäche mit 30 Mio Fr. negativ durchschlagen. Konzernsprecher Markus Sauter will aber nicht dramatisieren, sondern versucht zu relativieren: «Finanzmarktkrise und Konjunkturschwäche belasten uns inzwischen weitaus stärker.»

Zudem verweist er darauf, dass auch Georg Fischer in hohem Masse auf ein natürliches Hedging setze. Das ist allerdings, da die Schweiz wichtiger Produktionsstandort ist, nicht hundertprozentig realisierbar. Umsatz und anfallende Kosten im Euroraum halten sich nicht ganz die Waage. Die verbleibenden Währungsgefahren werden deshalb über derivate Finanzinstrumente abgesichert. Das hat aber offenbar 2008 doch nur zur Schadensbegrenzung ge-reicht.

Sowieso hat die Euroschwäche die meisten Unternehmen derart überrascht, dass die geläufigen Absicherungsinstrumente rasch an Grenzen gestossen sind. Mikron in Biel etwa, Spezialist für Montagesysteme, tätigt zwei Drittel des Umsatzes im Euroraum. Das sogenannte Netto-Exposure - sprich Einnahmen minus Ausgaben in Euro - wurde 2008 zwar gehedgt, bei den Devisentermingeschäften lag der Euro aber bald einmal unter dem Absicherungskurs, sodass die Währungsverluste nur noch ungenügend gedeckt waren. Inzwischen haben sich allerdings die Relationen verschoben. Noch gravierender als die Euroschwäche wirkt sich für Mikron der Auftragseinbruch aus. Er zwingt den Konzern zur Restrukturierung.

«Die Euroschwäche trifft uns», sagt auch Stephan Wehrle, Sprecher des Milchkonzerns Emmi. Die Aussage überrascht insofern, als Emmi lediglich 16% seines gesamten Umsatzes 2008 von 2,693 Mrd Fr. in Euro tätigt. Einen Teil dieser Geschäfte hat Emmi finanziell schon länger gehedgt. «Darüber hinaus haben wir in den letzten Monaten noch zusätzliche Massnahmen ergriffen», lässt Wehrle durchblicken. So wird bei Emmi jetzt mehr in Euro eingekauft, und es sind weitere Absicherungsgeschäfte getätigt worden.

Das gesamte internationale Geschäft konnte das Unternehmen 2008 um 6,6% steigern, in Lokalwährungen wären es 7,7% gewesen. Wie weit der Euro den Gewinn geschmälert hat, gibt Emmi allerdings nicht bekannt.

Fitness - und die Kröte schlucken

Für Rudolf Minsch, Chefökonom von Economiesuisse, steht fest: «Die Gewinnmarge ist in vielen Firmen wegen der raschen Abwertung des Euro stark erodiert.» Besonders problematisch sei nun, führt er weiter aus, dass Euroschwäche und Frankenstärke just im Moment einer drastischen Abschwächung der Nachfrage auf den Weltmärkten erfolgten. Damit werde eine Abfederung praktisch unmöglich. Minsch plädiert aber nicht für zusätzliche Massnahmen: «Die Nationalbank hat in den vergangenen Monaten ausgezeichnete Arbeit geleistet und eine noch stärkere Aufwertung des Schweizer Frankens verhindert.»

Ähnlich äussert sich in diesem Punkt Johann N. Schneider-Ammann. Wechselkursproblematik und Konjunktureinbruch forderten nun die Unternehmer auf das Äusserste, stellt er fest. «Jede Einzelfirma muss sich jetzt fit und fitter trimmen, um auch noch den Wechselkursnachteil schlucken zu können», so sein Appell.