Ihre Konkurrentin UBS gewinnt im E-Banking laufend Preise. Das muss Sie von der Credit Suisse ganz schön nerven.
Marco Abele*: Nein. Es ist zwar immer schön, Preise zu gewinnen. Letztlich wollen wir aber für unsere Kunden ein erstklassiges, digitales Erlebnis schaffen. Und wir arbeiten daran, dass wir dort die besten im Markt sein werden.

Also sind Sie es nicht mehr....
In der Schweiz und in Europa haben wir tatsächlich ein bisschen den Anschluss verloren. Wir setzen aber alles daran, hier wieder aufzuholen.

Dabei war die Credit Suisse einst Vorreiterin. 1997 führte sie als erste das Online-Banking ein.
Früher haben wir mit unserem Angebot Preise gewonnen, jetzt gibt es Aufholbedarf.

Woran liegt das?
Insbesondere in den letzten Jahren ist eine neue Konkurrenz gewachsen: Im Silicon Valley, in New York, London und anderen Städten hat sich eine grosse Fintech-Kultur entwickelt, wo eine grosse Menge an neuartigen Anbietern im Markt sind.

Sind diese Startups eine Gefahr für die Credit Suisse?
Sie sind eine Chance. Einerseits rütteln sie den Markt wach. Andererseits sind die meisten Fintechs sehr spezifisch unterwegs. Sie konzentrieren sich auf ein Thema wie beispielsweise den Zahlungsverkehr. Wenn man es intelligent macht, kann man einzelne Fintechs also gut integrieren und so ein besseres Gesamtangebot für den Kunden generieren.

Das klingt jetzt so harmonisch. Fintech-Firmen essen doch bestimmt auch vom Ertragskuchen der Credit Suisse, oder?
Ja, natürlich. Fintech-Unternehmen sind auch Konkurrenz. Es wird Kunden geben, die auf eine Gesamtlösung, wie wir sie anbieten, verzichten werden. Diese werden dann vielleicht eine App für den Zahlungsverkehr nutzen, eine andere für Kredite, eine weitere fürs Portfolio-Management und so weiter. Was wir – im Gegensatz zu den Fintechs – bieten können, ist eine breite, integrierte Palette an Dienstleistungen.

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Werden Vermögensberater obsolet?
Nein, überhaupt nicht. Die Tätigkeit des Vermögensberaters ändert sich nur. Es geht weniger um administrative Aufgaben wie das langwierige Eröffnen von Konten oder Versenden von Informationen. Es geht aber sehr wohl um das Gespräch mit dem Kunden und die umfassende Beratung.

Die digitale Expansion führt also nicht zum Stellenabbau?
Nein, im Gegenteil: Wir werden wachsen. Das digitale Angebot wird uns einen Schub geben. Sehen Sie, die Skalierbarkeit einer digitalen Strategie ist sehr gross. In Asien sind wir mit unserem Angebot mittlerweile marktführend und gewinnen viel Kundschaft dazu.

Wie viel investieren Sie in die digitale Vorwärtsstrategie?
Genaue Angaben kann ich leider nicht machen.

Geben Sie uns eine Hausnummer.
Was ich sagen kann: Der Löwenanteil fliesst momentan noch ins Fitmachen der bestehenden Plattformen. Wir als Bank – und da geht es der Konkurrenz nicht anders – haben zum Teil sehr veraltete Systeme, die nicht flexibel auf zukünftige Kundenbedürfnisse reagieren können. Das heisst: dass man im Wochenrhythmus neue Features, neue Releases machen kann.

Das klingt nach Reparatur des IT-Netzes.
Wir werden nicht das Bestehende reparieren, sondern bauen darauf auf. Das komplette darunter liegende System neu zu bauen, ist unmöglich. Wir schaffen Schnittstellen, die es ermöglichen, neue Angebote mit der bisherigen Infrastruktur zu nutzen. Und das ist leider zeitraubend und teuer.

Sie haben Singapur als Testmarkt für eine neue digitale Private-Banking-Plattform  ausgewählt. Warum?
Der asiatische Markt ist – von der Kundenseite her – schon sehr digital. Wenn Sie in Singapur oder in Hongkong durch die Strassen laufen, dann blicken selbst ältere Menschen alle auf ihr Smartphone. Das heisst, das ganze Umfeld dort – was das digitale Verhalten angeht – ist sehr sehr weit. Der zweite Grund war, dass wir in den letzten Jahren unsere Core-Banking-Plattform renoviert haben. Die Grundlagen, um ein neues digitales Angebot draufzustellen, waren dort bereits gegeben. Dazu kommt: Asien gilt natürlich auch als Wachstumsmarkt, wo wir sehr präsent sein wollen.

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Wann können Schweizer Nutzer auf die neue Plattform zugreifen?
Im Laufe des nächsten Jahres.

In Singapur ging das in Rekordzeit: 200 Mitarbeiter sollen ein Jahr daran gearbeitet haben.
Effektiv waren es nur sechs Monate, bis wir dann «live» gegangen sind und die ersten User auf der Plattform hatten. Bis zum eigentlichen «Roll-out» dauerte es dann neun Monate.

Zurück zu den Fintechs: Welche Jungunternehmen sind beeindruckend?
«Mint» aus den USA ist etwas sehr interessantes. Das ist eine Money-Management-Plattform aus den USA. «Wealthfront» und «Nutmeg» sind auch interessante Startups. Ich gehe davon aus, dass die nächsten eins bis zwei Jahre noch mehr kommen wird, insbesondere, was die Vermögensverwaltung angeht. Heute ist sehr viel im Kreditbereich und Zahlungsverkehr gegangen.

Haben Sie denn konkrete Übernahmekandidaten im Auge?
Wir schauen sehr viel an – und sind im Gespräch mit einigen Fintechs aus dem Silicon Valley, London und auch aus der Schweiz. Wir sind noch nicht so weit, dass wir etwas publik machen könnten. Aber wir schauen uns sehr konkret drei bis vier Partnerschaften an.

Die Credit Suisse gilt in diesem Bereich eher als zurückhaltend. Während die UBS in ein «Innovationslabor» in London investiert, beobachtet die CS die Branche und geht dann auf diejenigen Unternehmen zu, die erfolgsversprechend scheinen. Warum?
Die Zusammenarbeit mit Startups ist enorm wichtig. Wir machen das vielleicht nicht so publik wie andere. Das ist korrekt. Aber das Thema beschäftigt alle Management-Ebenen: Gerade vor zehn Tagen waren wir im Silicon Valley mit dem Top-Management, ich hatte letzte Woche in New York eigentlich jeden Tag Fintech-Unternehmen vorstellig, mit denen wir uns unterhalten und in London kennen wir ebenfalls einige Firmen. Wir überlegen uns auch, wie wir in der Schweiz noch mehr machen können.

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Was fehlt denn? Die Schweiz ist doch ein Top-Forschungsplatz, die beiden ETHs belegen Jahr für Jahr Spitzenplätze, Zürich ist nach London Europas wichtigster Finanzplatz.
Das ist schon so. Die Schweizer Hochschulen bilden sehr gute Leute aus. Es gibt einfach noch kein Startup- oder Fintech-Netz, wo die Leute eingebunden werden können. Allerdings unterstützen wir die Szene bereits mit ersten Anlässen.

Wünschen Sie sich ein stärkeres, staatliches Engagement?
Das wäre sicherlich sinnvoll. In London fördert die Stadt die Fintech-Entwicklung. Das hat die Szene angeschoben.

* Marco Abele ist Leiter Digital Private Banking bei der Credit Suisse. Er arbeitet seit 2006 für die zweitgrösste Schweizer Bank.