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Gripen
«In der Schweiz geht es um die Grundsatzfrage»

In Schweden ist man stolz auf den Entscheid der Schweiz, 22 Kampfjets von Saab zu kaufen. Doch die Manager des Rüstungskonzerns wissen auch, dass das Volk ihnen noch die Suppe versalzen könnte.

Von Tobias Keller aus Linköping
am 05.06.2013

Eric steht in der Fussgängerzone von Linköping. Der rüstige Rentner schüttelt die Büchse für Spenden an das Rote Kreuz. Während er Geld sammelt, kommt das Gespräch schnell auf den wichtigsten Arbeitgeber der siebtgrössten schwedischen Stadt. «Saab und der Gripen sind für uns sehr wichtig.» Immerhin betrage die Arbeitslosigkeit hier acht Prozent. Und der Flugzeugbauer sei neben dem Spital und der Uni der grösste Arbeitgeber.

Die Menschen in Linköping sind stolz auf Saab. Und sie freuen sich, dass sich die Schweiz zum Kauf von Gripen-Kampfflugzeugen entschloss. Umso verdutzter und fragender schauen sie in die Welt, wenn sie mit der Tatsache konfrontiert werden, dass der Deal nicht in trockenen Tüchern ist und das Schweizer Volk ihn noch kippen kann. Eine «Folk omröstning», wie die Volksabstimmung in der Landessprache heisst, über die Beschaffung von 22 Kampfflugzeugen lässt die Schweden staunen.

Stolz auf das Geschäft mit der Schweiz

Und bei den Verantwortlichen des Konzerns schläft man deswegen wohl ab und zu schlecht. Schweden kann seine Bestellung noch rückgängig machen, falls die Schweiz aussteigt. Saab-Manager Lennart Sindahl gibt sich diplomatisch. «Es ist immer ein langer Prozess durch die Instanzen.» Dass es in der Schweiz einen Volksentscheid geben könnte, ist für die Verantwortlichen in Linköping klar.

Auch sie wissen, dass im Frühjahr 1992 nach dem Parlamentsentscheid gerade mal 32 Tage verstrichen, bis die F/A18-Gegner über 500'000 Unterschriften sammelten – und am Ende fast 43 Prozent gegen die Beschaffung des neuen Flugzeuges für die Armee stimmten.

Das Problem mit der Pleite

Das ist nicht Sindahls einziges Problem. «Wir müssen den Schweizern klar machen, dass wir uns vom Lastwagenbereich 1995 und von der Autosparte 2000 gelöst haben», sagt der Saab-Manager. Die Verknüpfung von Saab mit Auto und vor allem mit der Firmenpleite und dem Verkauf der Traditionsmarke nach China steckt fest in den Schweizer Köpfen.

In Linköping ist der Konzern mit rund 2500 Arbeitsplätzen, die alle direkt oder Indirekt mit dem Gripen zusammenhängen, der grösste private Arbeitgeber. Die Menschen in der Stadt am Kinda-Kanal leben daher alle – direkt oder indirekt – von der Kampfjetproduktion.

Keine offene EInmischung

Wer Kampfflugzeuge verkaufen will, braucht gute Nerven. Mit Brasilien laufen die Verhandlungen schon 17 Jahre. Inzwischen sieht es so aus, als würden die US-Amerikaner mit ihrem F18 Super Hornet das Rennen machen. Vielleicht nimmt man da die Unsicherheit einer Volksbefragung gerne in Kauf – weil dann wenigstens die Ausgangslage klar ist.

Für Sindahl ist die Situation nicht einfach. «In der Schweiz wird es um die Grundsatzfrage gehen, kaufen wir neue Flugzeuge Ja oder Nein» Der Saab-Manager steht nun mit seinem Team vor der Frage, wie er in den kommenden Monaten der Meinungsbildung in der Schweiz auftreten soll. «Wir wollen auf keinen Fall im Abstimmungskampf politisch auftreten und wollen auch nicht Geld in eine Pro-Kampagne einschiessen. Wenn wird das tun würden, würden wir uns auf die eigenen Füsse treten.»

Wo beginnt politische Einflussnahme?

Doch wo beginnt eine politische Kampagne? Saab hat durchaus die Absicht, in der Schweiz aktiv zu kommunizieren. «Wir können zeigen, was für ein Produkt wir haben und was unser Angebot ist. Wir werden weiterhin unsere Verpflichtungen hinsichtlich Kompensationsgeschäften erfüllen und erfolgreiche Partnerschaften auch kommunizieren», sagt Sindahl. Aber nicht mehr.

Da stellt sich dann die Frage, wie die Schweizer auf diese Erklärungen reagieren – die Gefahr darf nicht unterschätzt werden, dass diese Argumentation und das Darlegen von Fakten zum Produkt als politische Werbung verstanden werden.

Wie sich Saab auch immer verhalten wird, es wird schwierig sein, alles richtig zu machen, bis die Schweiz dann 2014 über den Gripen befindet. Eine Unsicherheit bleibt Sindahl: «Viele Schweizer werden sich womöglich sagen: ‹Das ist zwar ein gutes Produkt, doch brauchen wir es wirklich?›»

Zurück in der Altstadt

Mit dieser Vorahnung und der damit verbundenen Unsicherheit müssen er und seine Mittarbeiter von Saab gut ein Jahr leben. Bei einem Ja, so haben die Gripen-Bauer in Linköping versprochen, steht der Flieger im Sommer 2018 in der Schweiz.

Im Schatten der Sonnensegel bei «Linds Konditori» in Linköpings Innenstadt geben sich die Schweden derweil diplomatisch. «Es wäre sehr gut für Schweden, wenn die Schweiz Ja zum Gripen sagen würde», sind sich die Männer beim Feierabendbier sicher. Doch so richtig einmischen mag man sich nicht: «Die Schweizer sind klug genug, um zu wissen, was für ihr Land gut ist.»

Was gut für Schweden ist, das muss man in Linköping niemanden fragen.

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