Tele2 hat ihre Investitionen in die Schweiz gestoppt. Gar ein Rückzug droht.

Andreas Wetter: Ich weiss das nur aus der Zeitung, konkrete Fakten habe ich keine. Wenn dem aber tatsächlich so ist, ist das eine Bestätigung meiner These.

Und die wäre?

Wetter: Wenn der Schweizer Telekommarkt nicht endlich konsequent liberalisiert wird, ist es unmöglich, dass vier nationale Telekom-Vollanbieter überleben können.

Wie viele haben eine Chance?

Wetter: Längerfristig nur zwei. Das heisst der Ex-Monopolist Swisscom und ein Alternativanbieter.

Sollte sich Tele2 zurückziehen, ist Orange dann interessiert an deren Infrastruktur?

Wetter: Ich sage niemals nie. Da es heute zum Beispiel schwieriger denn je ist, Standorte für unsere Handyantennen zu finden, würden wir so ein Angebot sicher prüfen.

Gibt es schon Gespräche mit Tele2?

Wetter: Nein. Und wenn es Gespräche geben würde, dann würde das auch über die Orange-Gruppe und nicht über Orange Schweiz laufen.

Swisscom-Chef Carsten Schloter bezeichnet den Telekommarkt Schweiz als reif. Nachhaltig Marktanteile verliere nur, wer schwerwiegende Fehler mache.

Wetter: Das würde ich an der Stelle von Carsten Schloter wohl auch sagen. Die Fakten sind andere. Ein Beispiel: Sämtliche Bundesbetriebe, inklusive des Bundesamtes für Kommunikation Bakom, beziehen ihre Telekomdienstleistungen von Swisscom. Die anderen Mobilfunkanbieter haben beim Bakom keinen Zugang.

Swisscom bietet die besseren Offerten.

Wetter: Das hat damit nichts zu tun. Die Offerten der Alternativanbieter werden nur alibimässig dazu genutzt, die Swisscom- Preise zu drücken. Ein Auftragsgewinn durch Alternativanbieter ist aber chancenlos. Das hat mit einem funktionierenden Wettbewerb nichts mehr zu tun. Das ist aber nicht das Einzige, was Carsten Schloter gerne ausblendet.

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Was noch?

Wetter: Dem Ex-Monopolisten wird erlaubt, die historisch bedingte Marktmacht zu missbrauchen, beispielsweise als Grosseinkäufer von Dienstleistungen, Versicherungen und vielem mehr. Vor kurzem hat mir ein Chef einer grossen Versicherung gesagt, Orange habe bei weitem die beste Offerte gemacht. Damit konnte er Swisscom in die Knie zwingen. Aber er könne es sich nicht erlauben, Orange den Auftrag zu geben, da er sonst zu viele Mandate verliere. So geht es durch alle Branchen, bis hin zu Gemeindeverwaltungen.

Ein Teil des Marktes ist also abgeblockt?

Wetter: Ein bedeutender Teil des Schweizer Marktes ist abgeblockt.

Trotzdem spielt der Wettbewerb.

Wetter: Ja, aber auf welchem Niveau?

Ihre Antwort.

Wetter: Wir Herausforderer können nur mit gleich guten oder besseren Leistungen zu tieferen Preisen Kunden gewinnen. Mit anderen Worten: Der kaum spielende Wettbewerb sichert der Swisscom gigantische Margen und finanzielle Mittel. So wird jede neue Technologie unabhängig von derer Rentabilität von Swisscom im ganz grossen Massstab ausgerollt und eingesetzt. Wir sind dann gezwungen nachzuziehen, obwohl wir wegen des abgeschotteten Marktes weder über die Kaufkraft des Ex-Monopolisten verfügen, noch die Aussicht darauf haben, genügend Kunden zu gewinnen, um unsere Investitionen in nützlicher Frist zu rentabilisieren.

Das spielt für die Kunden keine Rolle. Diese haben immer die neuste Technologie zu einem günstigen Preis.

Wetter: Zu einem überhöhten und willkürlichen Preis! Das ist meine These. Zurück zum Monopol. Swisscom alleine genügt.

Sie werden zynisch.

Wetter: Ja, der Ex-Monopolist arbeitet bereits an einem neuen Monopol. Carsten Schloter hat vor kurzem angekündigt, Swisscom werde 8 Mrd Fr. in ein flächendeckendes Glasfasernetz bis in jedes Haus investieren. Die Alternativanbieter können hier nichts dagegenhalten.

Sie können ein eigenes Netz bauen.

Wetter: Ich bitte Sie. Sie wissen genau, dass das im Schweizer Markt ökonomischer Schwachsinn wäre. Es ist eine Tatsache, dass es dem Ex-Monopolisten erlaubt wird, den Markt abzuschotten, beliebig zu beherrschen und die eigene Stellung noch auszubauen. Der sogenannt freie Markt wird damit immer mehr zur Farce.

Wie wollen Sie Paroli bieten?

Wetter: Einerseits senken wir unsere Kosten und arbeiten effizienter. Wir fragen uns ständig, was können andere für uns besser machen als wir selbst. Andererseits arbeiten wir mit Partnern wie Elektrizitätswerken zusammen.

Trotzdem gewinnt Swisscom Neukunden.

Wetter: Zusammen mit uns. Orange wächst ebenfalls, gerade im Segment Geschäftskunden. Es gibt schon Bewegung bei den Marktanteilen, jedoch auf zu kleiner Flamme. Zusätzliche Dynamik wird sicher die Einführung des iPhones bringen.

Swisscom wird am meisten profitieren.

Wetter: Sicher wird der Ex-Monopolist mit dem iPhone omnipräsent sein. Aber wir werden ebenfalls mit einem Paket aus Preis und Services punkten. Und wir wollen davon profitieren, dass die ganze Schweiz mit dem iPhone zuplakatiert wird.

Werden mittelfristig die Infrastrukturen der Herausforderer fusioniert?

Wetter: Sollte sich Tele2 tatsächlich aus der Schweiz zurückziehen, würde diese Infrastruktur sicherlich mit einer anderen zusammengelegt. Eine weitergehende Fusion von Mobil-Infrastrukturen ist im Moment aber kein Thema. Per Definition unserer Lizenz sind wir zu Wettbewerb verpflichtet, was eine solche Zusammenlegung ausschliesst. Sollte sich diese juristische Basis ändern, dann könnte ein solches Thema evaluiert werden.

Wie sieht es beim Festnetz aus?

Wetter: Regulator Marc Furrer hat dieses Thema mit den Vertretern der Branche diskutiert und es wird nach Lösungsansätzen gesucht. Fakt aber ist, dass Swisscom mit ihrem Glasfaserausbau spätestens in fünf Jahren ein neues Monopol haben wird. Und eine allfällige Revision des Fernmeldegesetzes würde fünf Jahre dauern.

Mit anderen Worten: Im Festnetz gibt es bald ein neues Monopol und niemand kann etwas dagegen tun.

Wetter: Der Bund könnte. Er ist nicht nur Gesetzgeber, sondern auch Hauptaktionär und kann sagen, was er will ? ohne über die gesetzgeberische Ebene Einfluss zu nehmen. Es ist die einzige Möglichkeit.

Auch bei der Letzten Meile?

Wetter: Das hängt alles zusammen. Der Ex-Monopolist blockiert juristisch die Preise für die Kupferkabel und überholt uns links mit dem Glasfaserausbau. Das Streitfeld Letzte Meile beschäftigt uns, ist für die Zukunft aber unbedeutend.

Übertreiben Sie jetzt nicht?

Wetter: Die Frage stellt sich doch, was das Parlament mit dem neuen Fernmeldegesetz wollte. Der Wille war: Mehr Wettbewerb. Wenn nun nur noch ein Anbieter einen Rollout einer neuen Technologie machen kann, dann widerspricht das diesem Gedanken. Aus diesem Grund versucht Telekom-Regulator Furrer nun auch Wege zu finden, den Wettbewerb zu erhalten.

Der Wettbewerb existiert doch: Cablecom und Swisscom beweisen es.

Wetter: Beide schonen sich auffällig mit gegenseitigen Forderungen und Attacken. Das ist typisch für ein Duopol. Beide versuchen sich nicht weh zu tun, um den Markt aufzuteilen. Am Schluss unterliegen wird der mit weniger Kapital. Die Zeche zahlen die Kunden. Es ist clever vom der Nummer eins, den Gegner so weit in Ruhe zu lassen, dass sich die Politik nicht einmischt. Das gilt auch für den Mobilbereich: Der Ex-Monopolist könnte weitere Marktanteile gewinnen. Doch die Konsequenz wären unangenehme Fragen des Parlaments.

Ist eine technologieneutrale Entbündelung die Folge?

Wetter: Es wird nicht anders gehen.

Dann ist Orange bereit, ihr Netz zu öffnen?

Wetter: In letzter Konsequenz müssen wir dazu bereit sein.

Wie beurteilen Sie die schlingernde Sunrise?

Wetter: Schlingernd haben Sie gesagt. Es liegt mir fern, das Wirken von Sunrise zu beurteilen. Aber es hat uns schon sehr überrascht, mit welcher Aggressivität sie Anfang Jahr aufgetreten ist. Wir konnten ihre Angebote mit aller betriebswirtschaftlichen Fantasie nicht nachvollziehen. Das Quartalsergebnis von Sunrise zeigt, dass dieser Weg finanziell sehr riskant ist.

Wo sehen Sie die Zukunft von Sunrise?

Wetter: Ich frage mich, wie viele Vollanbieter im Schweizer Markt überleben können. Ein Überleben ist nur möglich, wenn die Rahmenbedingungen es zulassen, dem Ex-Monopolisten auf allen Schlachtfeldern mit gleich langen Spiessen Paroli zu bieten.

Steht eine Konsolidierung bevor?

Wetter: Wenn der Bund die Mehrheit an Swisscom behält und die Alternativanbieter zur Preisdrückerei missbraucht werden, dann fehlt es verschiedenen Teilnehmern an Mitteln, die neusten technologischen Entwicklungen mitzumachen. Am Schluss steht eine Konsolidierung oder die Zusammenlegung der Infrastrukturen.

Keine andere Option?

Wetter: Nein. Wir Herausforderer müssen viel aggressiver auftreten, um Marktanteile zu gewinnen. Dazu müssen wir unsere Kräfte bündeln und unsere Kosten senken. Anders geht es nicht.