Spürt das Lucerne Festival die Auswirkungen der Rezession?

Michael Haefliger: Das diesjährige Osterfestival verlief hervorragend, für das bevorstehende Sommerfestival bin ich vorsichtig optimistisch. Aber natürlich müssen wir uns in wirtschaftlich schwierigen Zeiten wappnen.

Was heisst das?

Haefliger: Wir entwickeln Szenarien, um kurzfristig auf die eine oder andere Entwicklung reagieren zu können. Ich bin überzeugt, dass sich das Konsumverhalten als Folge der Wirtschaftskrise verändert. Viele Kulturinstitutionen leiden jetzt schon darunter. Sicher hilft uns die starke Marke Lucerne Festival mit ihrer erfolgreichen Vergangenheit. Doch auch wir werden die Krise spüren.

Sind schon Sponsoren abgesprungen?

Haefliger: Noch nicht. Wir haben zwei kleinere deutsche Partner, die sich aus der Schweiz und damit von ihren Sponsoringaktivitäten zurückgezogen haben. Das ist noch keine massive Bedrohung für uns, denn wir haben gleichzeitig drei neue Partner gefunden, die sich längerfristig am Festival engagieren wollen. Diesbezüglich sind wir zufrieden.

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Also noch keine Schwierigkeiten, neue Geldgeber zu finden?

Haefliger: Ich muss zugeben, ich bin überrascht, dass es dieses Jahr doch möglich war, drei neue Sponsoren zu finden. Das haben wir längst nicht jedes Jahr.

Auf was führen Sie das zurück?

Haefliger: Kleinere Partner, meist kleinere Unternehmen, trifft die Rezession je nachdem schneller und heftiger, sodass sie sich schnell und kurzfristig von ihrem Engagement zurückziehen können. Daran leiden einige Festivals und Kulturbetriebe. Wir haben das Glück, dass das Lucerne Festival ein starker Brand ist, der für Top-Qualität steht.

Und bei den Hauptsponsoren?

Haefliger: Hier haben wir längerfristige Verträge für mindestens drei Jahre.

Wie sieht für Sie die perfekte Zusammenarbeit zwischen einem Partner und dem Lucerne Festival aus?

Haefliger: Idealerweise werden die Interessen beider Seiten miteinander verknüpft. Das Engagement von Nestlé beispielsweise ist exemplarisch, weil ihm ein klares künstlerisches Bekenntnis zugrunde liegt. Seit 2003 unterstützt der Lebensmittelkonzern das damals neu gegründete Lucerne Festival Orchestra unter der Leitung von Claudio Abbado. Das Zusammenspiel des charismatischen Dirigenten mit diesem aussergewöhnlichen Klangkörper ist einer der Höhepunkte des Festivalsommers.

Wie ist es so weit gekommen?

Haefliger: Am Anfang standen Gespräche mit dem damaligen Nestlé-Präsidenten Rainer E. Gut und dem CEO Peter Brabeck. Wir überlegten uns, wie eine Partnerschaft aussehen könnte, und kamen auf Claudio Abbado und das Orchester zu sprechen. Nestlé sagte zu, weil der Konzern in die neue künstlerische Identität des Festivals investieren wollte. Der Grundstein für eine nachhaltige Entwicklung war gelegt.

Haben Sie eine Bauchlade mit pfannenfertigen Projekten?

Haefliger: Absolut. Ich habe eine Mitarbeiterin, die permanent mit unseren Sponsoren in Kontakt ist, mit dem Ziel, innovative und stimmige Projekte umzusetzen.

Was sind das für Projekte?

Haefliger: Roche zum Beispiel vergibt auf Vorschlag der künstlerischen Leiter von Lucerne Festival, Carnegie Hall und Cleveland Orchestra einen Kompositionsauftrag an einen herausragenden Komponisten unserer Zeit. Das Auftragswerk wird am Lucerne Festival uraufgeführt, die zweite Aufführung findet in der New Yorker Carnegie Hall statt - jeweils mit dem Cleveland Orchestra unter der Leitung von Franz Welser-Möst. Persönliche Begegnungen und ein Gedankenaustausch zwischen dem Komponisten und Roche-Wissenschaftlern sind integraler Bestandteil des Projekts und betonen die Parallelen zwischen Innovation in der Kunst und in der Wissenschaft.

Haben Sie keine Angst, dass ein allzu starkes Engagement von Sponsoren der Musik schadet?

Haefliger: Nein, überhaupt nicht. Das Ziel aller Bemühungen ist immer, die Musik und die Kunst zu fördern und einen Mehrwert zu erzielen.

Welches sind Ihre Kriterien?

Haefliger: Wir haben klare Qualitätskriterien. Im Zentrum stehen die künstlerische Exzellenz, das höchste Interpretations- niveau, ein klares Engagement für junge Künstler und für die zeitgenössische Musik. So vergibt die Credit Suisse Foundation zwei jährlich alternierende Preise für hochbegabte internationale und Schweizer Solistinnen und Solisten, die am Lucerne Festival auftreten dürfen. Bei der Verlängerung des Vertrags mit der Grossbank überlegten wir, wie wir den Fördergedanken noch stärker betonen könnten. Wir versuchen, neue Ideen und Projekte stets mit unserer Identität, unserer Marke zu verbinden.

Gibt es auch Ideen und Wünsche von Sponsoren, die Sie zurückweisen?

Haefliger: Das kommt kaum vor. Wir haben eine klar definierte Plattform mit den künstlerischen Zielsetzungen, von denen wir nicht abweichen.

Ihr Budget beträgt 25 Mio. Fr., davon sind rund ein Drittel Sponsorengelder. Ist dies kein Klumpenrisiko?

Haefliger: Wenn die Wirtschaft zusammenbricht, dann schon. Doch sind die Sponsorengelder stark diversifiziert. Wir arbeiten mit 53 Partnern zusammen. Das bedeutet viel Aufwand. Ein Risiko ist immer da, doch mir ist es mit unserem Konzept wohler, als wenn wir nur zwei, drei Hauptsponsoren hätten und von ihnen abhängig wären.

Wie gross ist die Spannweite der Sponsorenbeiträge?

Haefliger: Das geht von 50000 Fr. bis 1 Mio. Fr.

Ist es einfach, neue Sponsoren zu finden?

Haefliger: Nein, der Markt in der Schweiz ist hart umkämpft. Wir haben den Vorteil, dass wir in einer guten Position sind. In der Schweiz sind wir neben Zürich der grosse Klassikanbieter. Das hilft uns.

Wo sehen Sie sich international?

Haefliger: In derselben Liga wie die weltweit renommierten Festspiele, aber mit unterschiedlichem Angebot. Wir sind klar auf die sinfonische Konzertmusik fokussiert. Unsere Innovation liegt in der kontinuierlichen Integration der zeitgenössischen Musik mit vielen Uraufführungen und in der Ausbildung - wie sie in unserer von Pierre Boulez geleiteten Akademie stattfindet. Wesentlich ist, dass die Moderne genauso wie das klassische Repertoire nur von Spitzeninterpreten aufgeführt wird. Dadurch sind wir im internationalen Wettbewerb klar positioniert.

Entspricht dies auch Ihrem persönlichen Interesse?

Haefliger: Absolut. Zudem bin ich überzeugt, dass das Modell der klassischen Konzertveranstalter in 10 oder 20 Jahren überholt sein wird, dass es neue Wege und Ansätze braucht. Denn auch die Sponsoren und Partner fragen sich, wie zukunftsfähig das Produkt klassische Musik ist. Deshalb haben wir den Fokus mit unseren Partnern bewusst auch auf junge Nachwuchskünstler, auf die Moderne und Uraufführungen gelegt.

Wo wird denn das Lucerne Festival in zehn Jahren stehen?

Haefliger: Wir hinterfragen uns ständig. Das ist wichtig für die Qualität und die Zukunft des Festivals.

Was sind dies für Fragen?

Haefliger: Wollen Leute in zehn Jahren noch zwei Stunden lang in ein Konzert gehen? Wie sehen dann Inhalt, Form und Vermittlung aus? Findet eine noch stärkere Segmentierung der Zuhörer und der Musikgattungen statt? Wir analysieren, wie wir die neuen Kommunikationsmöglichkeiten und soziale Netzwerke sinnvoll integrieren werden. All diesen Entwicklungen müssen auch wir uns stellen.

Ist die Salle Modulable, die Sie für Luzern planen, eine Antwort?

Haefliger: Ja. Wir möchten einen neuen Ort schaffen, der sich mit einer hervorragenden Akustik den individuellen Bedürfnissen der zeitgenössischen Musik und des heutigen Musiktheaters und Theaters anpasst. Die Wände und dadurch der Raum lassen sich beliebig verändern. Das ist für uns eine neue Dimension, ein neuer Schritt. Wenn wir noch engagierter werden wollen, dann brauchen wir einen solchen Ort: Weg vom klassischen Guckkastentheater hin zu einer innovativen Form, innerhalb der sich neue Projekte realisieren lassen, die den klassischen Festivalbetrieb ergänzen und erweitern.

Im Zusammenhang mit der Finanzkrise und der Vernichtung von grossen Werten ist viel die Rede von der Rückbesinnung auf Nichtmaterielles. Was heisst das für Sie als Intendant des Lucerne Festivals?

Haefliger: Wir stehen für die kreative Kompetenz, für Emotionen und Höchstleistungen. Diese Werte bilden den Kern eines jeden Kunstwerks. Wir stellen den Künstlern den Raum zur Verfügung, damit diese Werte zur Entfaltung gelangen. Das Publikum soll die Faszination dieser Werke und der Künstlerpersönlichkeiten unmittelbar erleben. Ich bin als Intendant dafür verantwortlich, dass dieses Zusammenspiel funktioniert und dass der Austausch beide Seiten gleichermassen inspiriert. Begeisterung und Leidenschaften bringen die Menschen möglicherweise gerade in diesen wirtschaftlich schwierigen Zeiten auf ganz neue Gedanken und Ideen. Vielleicht erscheint das eine oder andere dank der Kunst und der Musik in einem neuen, einem unerwarteten Licht.