Lufthansa will zur Nummer eins der europäischen Airlines werden. Was will Swiss?

Christoph Franz: Sicher nicht die Nummer eins werden ? aber zusammen mit Lufthansa die Nummer 1 werden, das ist ein erklärtes Ziel.

Und wie?

Franz: Wir wollen unseren Kunden ein optimales Netzwerk mit einem hochwertigen Qualitätsprodukt anbieten. Das können wir als Teil der Lufthansa-Gruppe. Dazu gehört, dass wir unser eigenes Netz ab Zürich weiter gezielt ausbauen werden.

Ist es dabei ein Vorteil, dass Swiss zum Goldesel der Lufthansa geworden ist?

Franz: Man sollte dieses Thema nicht hochstilisieren. Es ist absolut normal, dass eine kleine Gesellschaft wie die Swiss den Erfolgszuwachs schneller hinkriegt als ein grosses Unternehmen wie die Lufthansa. Darüber hinaus profitieren wir sowohl auf der Kosten- wie auch auf der Ertragsseite von erheblichen Synergien mit Lufthansa.

Die Swiss wurde also nicht abhängiger von der Lufthansa?

Franz: Nein. Die Beziehung hat sich extrem positiv entwickelt. Einige Tätigkeiten erledigen seit der Integration die Kollegen der Lufthansa für uns. Das meiste machen wir aber immer noch selbst. Diese Eigenständigkeit ist für uns ein enormer Motivationsfaktor. Wir können selbst gestalten und haben dabei die Unterstützung von der Lufthansa.

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Überhaupt keine Nachteile?

Franz: Wir sind nicht mehr an der Börse kotiert und grosse Generalversammlungen fallen weg. Aber das habe ich bisher nicht als Nachteil empfunden. (lacht)

2007 lief für Swiss hervorragend. Kritisch muss man einwenden: Wenn Sie es 2007 nicht geschafft hätten, wann denn dann?

Franz: Das stimmt, aber wir werden hoffentlich auch 2008 ordentlich abschneiden ? und das trotz Wolken am Himmel.

Sie sprechen die Finanzkrise an?

Franz: Ja, die internationale Finanzkrise wird sich in einzelnen Märkten sicherlich niederschlagen. Hinzu kommen Währungseffekte: Wenn der Dollar zum Franken eins zu eins steht, sind die Amerikaner nicht mehr so interessiert daran, in teuer gewordene Urlaubsgebiete zu verreisen.

Wie können Sie das kompensieren?

Franz: Dies wird aufgefangen durch die sehr starke Nachfrage aus Asien und die gute Konjunktur in den meisten wichtigen europäischen Märkten wie etwa Deutschland, Italien oder Frankreich. Auch in der Schweiz läuft es gut.

Reicht das, um das Rekordjahr 2007 zu wiederholen?

Franz: Wir sind in Prognosen sehr zurückhaltend. Wir rechnen mit einem verlangsamten Wachstum, insbesondere 2009. All das haben wir aber bereits einkalkuliert. 2008 jedenfalls ist gut angelaufen.

Welche Rolle spielt der hohe Ölpreis?

Franz: Das können wir heute noch nicht abschätzen. Interessant ist, dass in den letzten zwölf Monaten trotz massiv höherer Kerosinpreise die Nachfrage deutlich angezogen hat. Das ist übrigens ein klarer Hinweis, dass die von einigen Politikern geforderte CO2-Steuer als Lenkungsabgabe in der Luftfahrt nicht zu einem Nachfragerückgang führt.

Weshalb?

Franz: Weil wir in den letzten Jahren eine 300%ige Erhöhung des Kerosinpreises hatten und die Nachfrage trotzdem massiv zunahm. Mit anderen Worten: Mit neuen Steuern lassen sich ökologische Ziele nicht realisieren.

Wie denn dann?

Franz: Treibstoffkosten sind der grösste Kostenblock einer Airline. Die Luftfahrtindustrie ist also ohnehin gezwungen, möglichst viel Kerosin zu sparen und eine Flotte mit möglichst sparsamen Flugzeugen zu betreiben. Wir zwingen die Flugzeug- und die Triebwerkshersteller, neue, ökologischere Flugzeugtypen zu entwickeln.

Also lässt der hohe Ölpreis die Umweltschützer jubeln. Jubeln Sie mit?

Franz: Ich steige sicher nicht aufs Dach und freue mich überschwenglich, wenn die Kerosinpreise in die Höhe klettern. Aber dem Umweltschutz nützt dieser Kostendruck langfristig. Wir werden selbst dadurch kurzfristig aber stark belastet.

Mit anderen Worten: Die Flugpassagiere müssen schon bald mehr zahlen.

Franz: Klar, wenn die Ölpreise noch mehr steigen, wird sich das über kurz oder lang auf die Ticketpreise niederschlagen. Aber wir können bei weitem nicht die gesamten Mehrkosten auf die Passagiere abwälzen, das käme im Markt nicht gut an.

Der Preis pro Flugschein beeinflusst demnach direkt das Reiseverhalten?

Franz: Hier muss ich differenzieren: Auf den Interkontinentalstrecken akzeptieren die Passagiere Preisaufschläge bis zu einem gewissen Grad. Anders ist das im Europa-Geschäft. Hier ist der Wettbewerbsdruck so hoch, dass wir Treibstoffzuschläge schwerer durchsetzen können.

Die Preise auf der Langstrecke werden steigen, die auf Kurzstrecken bleiben gleich?

Franz: Tendenziell ja. Und bei der Kurzstrecke ist das schon fast ein Novum: In den letzten Jahren sanken hier die Preise nämlich kontinuierlich.

Auf die Swiss-Kasse schlagen auch die Sicherheitskosten. Ist hier ein Ende in Sicht?

Franz: Leider nein. Die Menge an Sicherheitsbestimmungen in Europa zeugt von einer asymmetrischen Gewichtung des Sicherheitsgedankens.

Ihr Vorschlag?

Franz: Wir müssen dieses Sicherheitsschloss mit all den unzähligen Erkern und Türmchen abreissen und auf der grünen Wiese beginnen und überlegen, welche Massnahmen in der Praxis wirklich greifen und die gewünschte hohe Sicherheit bringen. Es kann ja nicht sein, dass sich die Sicherheitskosten regelmässig um 100 bis 200% erhöhen.

Ausser wenn der Staat sie übernehmen würde.

Franz: Der Staat muss seine hoheitliche Aufgabe der Terrorismusabwehr wahrnehmen und die Sicherheitskosten übernehmen. Es sind nicht die Fluggesellschaften, die das Risiko eines terroristischen Anschlags schaffen. Die Ursachen dafür liegen woanders. Unsere Industrie ist permanent mit nicht kalkulierbaren hoheitlichen Kosten konfrontiert, die wir kaum an die Kunden überwälzen können.

Fordern Sie die gleichen Sicherheitsvorkehrungen an den Bahnhöfen wie an den Flughäfen?

Franz: Ich formuliere jetzt einmal überspitzt: Wir müssen uns in Europa und der Schweiz klar darüber werden, wie man das Risiko des Terrorismus flächendeckend und unabhängig von einzelnen Verkehrsmitteln effizient eindämmen kann. Älteren Damen Nagelfeilen aus der Handtasche zu nehmen, ist sicher kein probates Mittel, der realen Gefahr zu begegnen.

Wie zufrieden sind Sie mit der Schweizer Luftfahrtpolitik?

Franz: Generell können wir zufrieden sein.

Aber?

Franz: Kein Aber. Das gemeinsame Ziel ist eine wettbewerbsfähige Luftfahrtpolitik. Sie muss noch stärker in die gesetzgeberische Praxis umgesetzt werden. Dabei geht es natürlich auch um finanzielle Aspekte. Aber nicht nur. Eine zentrale Frage ist, wie eine vernünftige Entwicklung der nationalen Luftfahrtinfrastruktur in diesem Land möglich ist.

Eine nationale Infrastruktur, die von Kantonen und Gemeinden kontrolliert wird.

Franz: Das ist problematisch. Eine nationale Infrastruktur sollte auch nationalen Entscheiden unterliegen.

Wie sehen Sie den Wettbewerbsdruck aus dem Nahen Osten?

Franz: Der ist da. Aber der macht mir nicht am meisten Sorgen.

Was macht Ihnen dann mehr Sorgen?

Franz: Zum Beispiel Lärmeinschränkungen, die um ein Vielfaches strikter sind als im restlichen Europa und im Rest der Welt. Sie verhindern eine sinnvolle Nutzung und Entwicklung der Infrastruktur. Und das in einem Land, das wie kein anderes von der globalen Welt abhängig ist. Das ist gefährlich.

Inwiefern?

Franz: Wir sind Teil einer Wachstumsindustrie. Wenn ein Spieler sich nicht im selben Masse wie seine Mitspieler entwickeln kann, wird er früher oder später von der Bildfläche verschwinden. So einfach ist das. Und die Weichen hierfür wurden vielleicht schon gestern gestellt.

Versagt die nationale Politik?

Franz: Die Frage ist vielmehr, hat die nationale Politik überhaupt die Kompetenzen, um hier richtungsweisend einzugreifen, und ist sie bereit, diese Verantwortung wahrzunehmen?

Und, hat sie die?

Franz: Bei den Flughäfen zum Beispiel ist dies nicht der Fall. Das muss sich ändern, will dieses Land seinen Standortvorteil der internationalen Vernetzung nicht verlieren.

Erstmals in der Swiss-Geschichte wurde mit Dheli eine neue Langstrecken- Destination ins Programm genommen. Sind Sie zufrieden?

Franz: Wir sind ausserordentlich zufrieden. Die Sitzauslastung ist überdurchschnittlich gut. Und wir sind guter Dinge, dass das auch so bleibt.

Ab dem 9. Mai fliegen Sie neu täglich Schanghai an. Wird das ebenso eine Erfolgsgeschichte?

Franz: Wir hoffen es, aber die Flüge nach China stellen eine unternehmerische Herausforderung dar; Schanghai ist ein anspruchsvollerer Markt. Je besser das Geschäft in China anlaufen wird, desto mehr Mut kann Swiss entwickeln, diesen neuen Destinationen weitere folgen zu lassen.

Wenn Sie jetzt frei wählen könnten: Welche Destinationen würden Sie ins Programm aufnehmen?

Franz: Die Wunschliste ist lang: Peking, Singapur direkt, San Francisco, Washington und einige mehr.