Die neue Zeitrechnung begann für Zenith im Jahre 1999. Und zwar mit der Übernahme durch den französischen Luxusmulti LVMH (Louis Vuitton Moët Hennessy) sowie 2001 der Installation des ehemaligen Champagner-Veuve-Cliquot-Managers Thierry Nataf (43) als CEO. Fortan wendete sich das Image von der einst braven, aber eher angestaubten Chronographenmanufaktur hin zum glamourösen Globalplayer de Luxe.

Zum Nulltarif war dieser Umschwung nicht zu haben. «Seit der Übernahme durch LVMH haben wir in Le Locle rund 25 Mio Euro investiert», bilanziert Präsident und Kreativdirektor Nataf. Das war auch bitter nötig, denn die Vorbesitzerin Dixi hatte ihr Engagement bei Zenith zum Schluss auf das Allernötigste reduziert. Entsprechend marode waren Gebäude wie Maschinerie. Das hat sich nun nachhaltig verändert. Zenith erstrahlt in neuem Glanz, der Stern, das Markenzeichen Zeniths, steht ganz oben am Firmament.

Konkrete Zahlen sind von Nataf, dem Vater dreier Kinder, der im Dreieck zwischen Le Locle (Firmensitz), Neuenburg (Hotel Beau-Rivage, wo er dauernd ein Hotelzimmer belegt) und Paris (Familie) pendelt, nur dann zu hören, wenn sie die Publikumspreise seiner Uhren anbetreffen, Umsatz und Stückzahlen gibt er nicht bekannt. Allenfalls gibt sich der CEO kryptisch. «Als LVMH Zenith kaufte, rangierte die Marke in Sachen Umsatz unter 200 Mitgliedsfirmen der Fédération Horlogère auf Platz 188. 2007 sind wir bei Position 5 oder 6 angekommen.»

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Zwei Kollektionen dominieren

Die sportliche Linie Defy generiert inzwischen 40% des Zenith-Umsatzes. Der ChronoMaster steuert 35% bei. Alle anderen Linien bringen es zusammen lediglich auf ein Viertel.

Die amerikanische Subprime-Krise hat sich nach Nataf bisher nicht negativ auf die Zenith-Umsätze ausgewirkt. Der US-Markt belege vor China/Honkong und Japan im internationalen Umsatzranking die Nummer-1-Position. Nataf weiter: «Russland würde ich als der stärkste Aufsteiger bezeichnen.» Auch der Mittlere Osten scheint zu boomen. «Derzeit sind wir in 55 Ländern vertreten. 2008 wollen wir Australien und Südkorea erschliessen. Ab 2009 steht Indien an», umreisst der Tempomacher aus Le Locle seine Pläne.

Aktuell arbeitet Zenith rund um den Globus mit 835 Konzessionären zusammen. 85% der Grosshandelsaktivitäten geschehen in LVMH-Verantwortung. Bei hinreichend grossem Umsatz geht das Business an eigene Zenith-Tochtergesellschaften. Ansonsten liegt der Job in den Händen der global agierenden LVMH-Vertriebsorganisation. Den Rest von noch 15% bewerkstelligen freie Agenten.

2008, 2009 und 2010 möchte Zenith jeweils fünf exklusive Markenboutiquen eröffnen, Peking, Schanghai, Paris, New York, die amerikanische Westküste, Tokio und die Schweiz (siehe Kasten) stehen im Vordergrund. «Wir favorisieren auf jeden Fall die Kooperation mit einem Handelspartner», betont Nataf in diesem Zusammenhang. «Nur wenn sich partout keiner findet, agieren wir selbst.»

Weitgehend autonom agiert Zenith inzwischen auch bei der Uhrenfertigung. Nataf: «Bis auf die Assortiments können wir alles selbst herstellen. Die Gehäuse entstehen in Kooperation mit der Schwester TAG Heuer.» Auf seinen komplexen Traveller mit Schlag- und Weckerwerk angesprochen, offenbart Nataf, dass bislang drei Exemplare geliefert worden seien. Und ergänzt: «2008 werden drei weitere folgen. Mehr geht beim besten Willen nicht, obwohl weit mehr Bestellungen vorliegen.»

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Eine Frage der Definition

Die neueste, in ihrer Art einmalige Uhrenkreation dürfte die vorhandenen Fertigungskapazitäten noch weiter strapazieren. Nataf hat sie Defy Tourbillon Zero-G getauft. Damit zeigt sich einmal mehr, dass vom Terminus «Tourbillon» wohl eine besondere Strahlkraft ausgeht. Bestimmte Kundenkreise mit hoher Finanzkraft bestehen ganz offensichtlich auf Tourbillons, obwohl sie keine klare Vorstellung von dem besitzen, was sich hinter dem faszinierenden Namen verbirgt. Hauptsache es bewegt sich etwas in einem Zifferblattausschnitt.

Im Fall der spektakulären Defy des Jahres 2008 lässt sich konstatieren, dass die Bezeichnung Tourbillon der Angelegenheit nicht gerecht wird. Das Zero-G kommt der Sache hingegen näher. Dahinter verbirgt sich nichts anderes als «null Schwerkraft». Astronauten erleben diesen Zustand im Weltraum, abenteuerlustige Zeitgenossen können sich die Schwerelosigkeit heute kaufen. Ab rund 6000 Dollar gibt es Parabelflüge, die sekundenlanges Schweben ermöglichen.

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Zeniths Newcomer befindet sich hingegen ganz auf dem Boden der mechanischen Uhrmacherei. Das, was die Techniker unter Leitung von Yves Cortesi auf die Beine gestellt haben, ist grundsätzlich auch gar keine Zauberei. Es stützt sich auf lange Bekanntes. Gemeint sind die legendären, inzwischen weitgehend vom Markt verschwundenen Marinechronometer. Dank kardanischer Aufhängung des Uhrwerks blieb dessen waagrechte Lage auch bei grösstem Seegang erhalten. Auf diese Weise fand die Schwerkraft, ein ausgemachter Feind mechanischer Präzisionszeitmessung, keinen Angriffspunkt.

Bewegend, doch kein Tourbillon

Die neueste Zenith, von der bislang nur ein funktionsloses Muster existiert, besitzt kein herkömmliches Tourbillon. Geboren wurde die Idee bereits 2002. Bereits beim Lancement des ebenfalls einmaligen Drehgangs mit 5 Hertz Unruhfrequenz dachte Zenith einen Schritt in Richtung Schwerelosigkeit, die ideale Partnerin für Armbanduhren, weiter.

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In diesem Sinne kam der gute alte Marinechronometer zu neuen Ehren. Entsprechend modifiziert, denn eine kardanische Lagerung des gesamten Gehäuses und die Befestigung eines derartigen Monstrums am Handgelenk wären völlig unrealistisch gewesen.

Also war eine Zwischenlösung gefragt, ein Kompromiss zwischen Volumen und Funktion. Der besteht darin, nur das komplette Schwing- und Hemmungssystem in einem kardanisch aufgehängten und daher immer waagrecht liegenden Container zu montieren.

So weit, so gut. Auf diese Idee sind sicher auch schon andere Hersteller gekommen. Weitaus schwieriger gestaltet sich jedoch die technische Realisation in Form des Energietransports vom Federhaus im Hauptgehäuse hin zum extrem mobilen Schwing- und Hemmungssystem.

Hier geht nichts ohne eine kraftschlüssige Verbindung in allen Lebenslagen. Ohne die Segnungen modernster Fertigungstechnologie wäre die bewegliche 90-Grad-Umlenkung undenkbar. Insgesamt braucht es zehn Räder mit konischer Verzahnung. Ihre Präzisionsfertigung verlangt nach einem computergesteuerten 10-Achsen-Automaten.

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Drehkörper mit 166 Teilen

Der kardanisch aufgehängte Drehkörper wird aus insgesamt 166 Teilen bestehen. Dazu gehören auch die komplette Ankerhemmung, die konventionell montierte Unruh, die Unruhspirale, der Rückermechanismus und das ganz oben montierte Sekundenrad, dessen Welle einen kleinen Sekundenzeiger trägt. Bei der Unruhfrequenz gibt es für Nataf keine Diskussion: «Wir bleiben bei stündlich 36000 Halbschwingungen, das ist unsere Zahl.» Der Durchmesser des kugelförmigen Gebildes, das sich in einem Zifferblattausschnitt bei der 5 besichtigen lässt, beträgt 18,6 mm.

Weitere 128 Komponenten benötigt der übrige Mechanismus einschliesslich eines einzigen Federspeichers, der eine Gangautonomie von 50 Stunden bewirkt. Summa summarum kommen 294 Teile für das innovative Opus Technicus mit Selbstaufzug zusammen. Ein dezentral positionierter Platinrotor liefert Energie in beiden Drehrichtungen. Den Zeigern für Stunden und Minuten bleibt die linke obere Ecke des Zifferblatts vorbehalten.

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Der Preis bleibt vorläufig offen

Wann die Praxis in Form eines funktionsfähigen Prototypen folgt, vermag Nataf ebenso wenig zu prognostizieren wie die Lieferung der ersten fertigen Exemplare. Sie werden entweder als klassische oder extreme Defy erhältlich sein und ein Investment von mindestens 450000 Fr. verlangen. Auch zum Preis lässt sich (noch) nichts Definitives sagen, die interne Kalkulation ist noch in vollem Gang.