2008 wird der Strommarkt für Grossverbraucher liberalisiert. Was bestimmt den Preis mehr: Die Konkurrenz oder die angedrohte Stromverknappung?

Heinz Karrer: Die Verknappung droht, weil der Verbrauch steigt und die Produktionskapazitäten abnehmen. Heute haben wir die nötigen Kapazitäten noch. Insofern werden wir den Wettbewerbsdruck spüren. Ob das bereits im Jahr 2008 der Fall ist, ist offen, weil sich die Umsetzung des Stromversorgungsgesetzes verzögert.

Für die nächsten drei Jahre erwarten Sie also eher sinkende Preise?

Karrer: Nein, aber zumindest keinen kurzfristig starken Anstieg. Der Strompreis besteht nur zu einem Drittel aus der Energie, die anderen zwei Drittel sind Netzkosten. Deshalb hängt der Endpreis stark von den Durchleitungsgebühren ab.

Um wie viel steigt der Preis in den kommenden fünf Jahren?

Karrer: Ich kann nur für uns reden. Weil unsere Preise schon seit Jahren konkurrenzfähig sind, dürften sie den Tiefpunkt erreicht haben und tendenziell steigen. In Regionen, wo der Strompreis deutlich höher ist als in unserem Versorgungsgebiet, müsste das anders sein.

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Was meinen sie konkret damit, dass die Preise «tendenziell steigen»?

Karrer: Der Energiepreis steigt im zweistelligen Bereich, der Preis für den Kunden, also inklusive Netzpreis, mit einstelligen Raten.

Wie viele Gesuche für den Bau neuer Kernkraftwerke (KKW) reicht die Stromwirtschaft 2008 ein?

Karrer: Axpo und BKW, die beiden grössten Schweizer Versorger, werden zwei Gesuche einreichen, eines für den Ersatz eines KKW von Beznau I und II im Kanton Aargau und eines für den Ersatz von Mühleberg im Kanton Bern.

Die dritte KKW-Betreiberin Atel ist vorläufig nicht im Boot. Glauben Sie, dass Atel ein eigenes Gesuch für deren Standort Gösgen einreicht?

Karrer: Nein, wir müssen ja die ältesten KKW ersetzen. Diese stehen in Mühleberg und in Beznau.

Atel sagt, dass nicht das Alter der aktuellen KKW entscheidend sei, sondern die Qualität des Standorts. Gösgen sei «ausgezeichnet».

Karrer: Das Argument, dass an bestehenden Standorten alte KKW ersetzt werden sollen, leuchtet ein. Die Bevölkerung wird nur einem KKW zustimmen, das ganz klar ein Ersatz für die stillzulegenden ist.

Axpo hält 70% an der neuen KKW-Planungsgesellschaft Resun, BKW 30%. Atel verlangt eine substanzielle Beteiligung am Konsortium. Wie viel wären Sie bereit abzutreten?

Karrer: Das diskutieren wir mit Atel.

Der Bundesrat legte Ende Jahr fest, dass 70% der CO2-Emissionen künftiger Gaskombikraftwerke in der Schweiz kompensiert werden müssten. Bei Stromknappheit sind 50% der Emission im Ausland möglich. Ändert das Ihre Pläne?

Karrer: Nein. Wir meinen, dass diese Restriktionen Gaskombikraftwerke in der Schweiz verhindern. In der Schweiz könnten auch 50% der CO2-Emissionen, die ein solches Kraftwerk ausstösst, nicht kompensiert werden. Zudem würde die Schweizer Strombranche und mit ihr der Wirtschaftsstandort Schweiz auch wirtschaftlich benachteiligt, weil der Strom zu teuer würde.

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Lehnt die Bevölkerung neue KKW ab, hat Axpo – wie auch Atel – immer noch keinen Plan B?

Karrer: Nein. Wir gehen davon aus, dass voraussichtlich 2012 eine Abstimmung über den Bau von Ersatz-KKW stattfinden wird. In dieser Zeit wird sich auch zeigen, wie das Nachfolgeabkommen des Kyoto-Protokolls aussieht. Wenn die Schweiz dann ihren CO2-Ausstoss vermehrt auch im Ausland kompensieren darf, sind Gaskombikraftwerke in der Schweiz als Übergangslösung möglich.