Rein äusserlich erinnert die Maschine mit dem Namen «QSorter» aufgrund ihrer Form und Grösse ein wenig an eine Hundebox. Doch damit hat es sich auch schon mit der Ähnlichkeit. In der Tat handelt es sich um einen äusserst leistungsfähigen Roboter. Firmenchef Francesco Dell'Endice lüftet eine Seitenklappe der komplexen Hightech-Maschine und entblösst deren Innenleben. Im Geflecht aus elek­tronischer, optischer und mechanischer Hardware mitsamt Computer sind Sensoren und eine Kamera zu erkennen.

Der Roboter der Dbendorfer Qualysense ist ein wahres Wunderding. Blitzschnell erfasst er Körner oder Bohnen, und zwar sowohl nach sichtbaren Eigenschaften wie auch nach biochemischen Merkmalen. Ob Form, Grösse oder Farbe, Proteingehalt, Gluten oder Pilzbefall: Alles kein Problem für die Maschine, die in atemberaubendem Tempo inspiziert, analysiert und organisiert. Und am Ende des Prozesses die Körner oder Bohnen fein säuberlich nach bestimmten Kriterien aussortiert.

Kontrolle, Entwicklung und Produktion

Knapp vier Jahre dauerte die Entwicklungszeit, bis Qualysense in diesem Frühjahr die ersten Maschinen an Kunden ausliefern konnte. Zu den ersten Käufern gehörte der Nahrungsmittelmulti General Mills. Er selektioniert mit dem QSorter nun Getreidekörner nach verschiedenen Kriterien. Auch in der Kaffeeproduktion und der Getränkeindustrie sind bereits Maschinen im Einsatz. «Die Abnehmer dort gebrauchen unsere Roboter vor allem zur Qualitätskontrolle und Produktentwicklung», erklärt Dell'Endice. Auch wenn die Maschinen der ersten Genera­tion bereits unglaublich flink und jeglicher Handarbeit weit überlegen sind, ist ihre Verarbeitungskapazität vergleichsweise noch beschränkt – auf 50 Körner pro Sekunde, was eine Menge von 10 Kilogramm pro Stunde ergibt. Doch dabei soll es nicht bleiben.

Im Labor arbeiten die Ingenieure an einem Prototyp, der rund 200 Kilogramm, pro Stunde schaffen soll. Und auch das ist lediglich ein Zwischenschritt. «Unser Ziel sind Roboter, die auf eine Sortierleistung von 2 bis 3 Tonnen pro Stunde ausgelegt sind», sagt Dell'Endice. Diese grös­seren Maschinen erlaubten dann zusätzliche Anwendungen, etwa in der Prozessoptimierung und der Risikokontrolle. Und sie könnten direkt in die Produktion integriert werden, um zum Beispiel in der Nahrungs- und Getränkeindus­trie jegliche Form von Kontamination aus­zuschalten.

Infrarote Inspiration

Das Anwendungsspektrum der Sortierroboter ist also noch längst nicht ausgereizt. Interessiert sind daran auch Saatgutfirmen wie Syngenta und Monsanto. Der Firmenchef will nicht ausschliessen, dass eines Tages gar Konzerne aus der Pharmaindustrie oder dem Bergbau zu seinen Kunden zählen könnten. Das ist allerdings noch Zukunftsmusik. Im Augenblick ist die Markterschliessung für die erste Generation der Sortierroboter die grosse Herausforderung für das Startup. Darum kümmern sich neuerdings drei speziell fürs Marketing und für den Verkauf eingestellte Personen sowie der Chef persönlich. Für den Firmengründer ist es eine von vielen zusätzlichen Aufgaben, die er nun ohne lange Vorbereitungsphase möglichst sofort beherrschen sollte.

Dell'Endice ist gebürtiger Italiener und Luftfahrtingenieur. Nach dem Studium in Mailand und in Toulouse ging er zuerst nach Australien, wo er sich mit der Infrarot-Technologie zum Zweck der Wasserprospektion beschäftigte. Über ein an der Universität Zürich ausgeschriebenes Projekt zur Entwicklung einer Infrarot-Kamera für Satelliten, mit der aus dem Weltraum biochemische Fernerkundungen und Analysen durchgeführt werden sollten, gelangte er schliesslich 2005 in die Schweiz. Den Sohn eines Unternehmers beschäftigte bald der Gedanke, wie er die im Hochschulumfeld entwickelte Technologie industrialisieren und kommerzialisieren könnte.

Weitere Finanzierungsrunde

Mit einer entsprechenden Geschäftsidee beteiligte er sich erfolgreich am Venture-kick-Wettbewerb. Das war der eigentliche Auslöser, um 2010 Qualysense zu gründen. Mit dabei waren mit Paolo D'Alcini ein weiterer Italiener, der schon einige industrielle Erfahrung in die Waagschale werfen konnte, sowie die Ukrainerin Olga Mykhailova, die in Kiew und Zürich Bank- und Finanzwesen studiert hatte. Während der ersten fünf Monate des Jungunternehmens fand die Firma in der Wohnung des Gründers ein Dach. Dann erst erfolgte der Umzug an die Eidgenössische Materialprüfungs- und Forschungsanstalt (Empa) in Dübendorf. Mittlerweile zählt die Firma 15 Beschäftigte. Und im Moment wird ein neuer Standort im Raum Zürich evaluiert. «Wir benötigen eine richtige Werkhalle, denn im nächsten Jahr möchten wir die ersten grösseren Maschinen zusammenbauen», so Dell'Endice.

Vor wenigen Monaten konnte Qualysense eine weitere Finanzierungsrunde über 1,3 Mil­lionen Franken abschliessen. Insgesamt hat das Jungunternehmen bislang rund 6 Millionen investiert. Drei Viertel des Kapitals stammen von privaten Geldgebern, ein Viertel wurde über Preis- und Fördergelder generiert, dank einer Reihe von Auszeichnungen, die Dell,Endice und sein Team bei diversen Wettbewerben in der Startup-Szene schon abholen konnten. In diesem Jahr wird QualySense nun erstmals einen kleinen Umsatz generieren.

Schon neue Ideen

Es bedeutet aber noch längst nicht den Break-even. «Dazu müssten wir in einem Jahr mindestens 15 Roboter absetzen können», lässt der Firmenchef durchblicken. Dell'Endice möchte nicht darüber spekulieren, wann es denn so weit sein könnte. «Im Moment konzentrieren wir uns darauf, die ersten erfolgreichen Kundenstorys zu tätigen und gleichzeitig ein paar neue Ideen weiterzuverfolgen.»

 

Facts & Figures zu Qualysense

Gründer
Das Startup ­Qualysense wurde 2010 von Francesco Dell'Endice, (CEO), Paolo D'Alcini (COO) und Olga Mykhai­lova (CFO) gegründet.

Zweck
Das Unternehmen entwickelt und produziert für die Lebensmittel- und Getränkeindustrie Sortiermaschinen für Lebensmittelrohstoffe.

Fakten
Derzeit beschäftigt das Unternehmen QualySense 15 Mitarbeiter. Für die Gründungs- und Aufbauphase zwischen 2010 und 2014 wurden 6 Millionen Franken Startkapital aufgenommen.

Umfeld
Die Marktgrös­se für die aktuell produzierten kleineren Sortierroboter schätzt Francesco Dell,Endice auf 1 Mil­liarde Franken. Direkte Konkurrenten sind im Moment kaum auszumachen.

Potenzial
Es gibt Hersteller, die zumindest gewisse Teilbereiche der von den Robotern angebotenen Sortierfunktionen abdecken. Beim Potenzial für die sich noch in Entwicklung befindenden grösseren Sortier­roboter spricht Dell’Endice von einem zweistelligen Milliardenmarkt.

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