Er ist immer auf dem Sprung und hat dennoch alles im Griff: Synthes-Patron und Kultur-Mäzen Hansjörg Wyss. Manch ein Manager könnte von dem 74-jährigen Unternehmer und Multimilliardär - die «Bilanz» schätzt sein Vermögen auf 7 bis 8 Mrd Fr. - einiges lernen.

Sein Auftritt am Investorentag in Davos vor einer Woche war so schnörkellos wie er selber: Zerzaustes Haar, keine Krawatte, alte Brille mit eingesetzten Lesefenstern. Wyss konzentriert sich aufs Wesentliche, aufs Geschäft und seine Hobbys. Auftritten in der Öffentlichkeit geht er aus dem Weg. Er will nicht, dass er auf der Strasse erkannt wird.

Wyss will Dividende erhöhen

Am Investorentag ist er im Element. Er scheint jede Schraube, jedes Produkt bis ins Detail zu kennen. Ab und zu droht zwar das Temperament mit ihm durchzugehen, aber niemals kippt seine Eloquenz in blosse Selbstdarstellung. «Jetzt möchte ich mir noch selber eine Frage stellen», sagt Wyss mitten in der Diskussion vor rund 70 Analysten: «Was soll mit dem vielen Cash in der Synthes-Kasse geschehen?» Es folgt die Antwort im Wyss’schen Stil: «Wir planen keine grossen Akquisitionen. Der Verwaltungsrat wird im 1. Quartal 2010 eine Erhöhung der Dividende besprechen. Ich habe aber natürlich keine Ahnung, was er beschliessen wird.» Als ob nicht jeder im Saal genau wüsste: Was Wyss will, wird Wirklichkeit.

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Mehr Airbags - weniger Geschäft

Hansjörg Wyss, der in Bern in einfachen Verhältnissen aufgewachsen ist, hat sich in den USA vom Verkäufer orthopädischer Artikel zum weltgrössten Hersteller von Schrauben, Nägeln, Platten und künstlichen Wirbelkörpern emporgearbeitet. So hat er die halbe Welt erobert. Nach den USA und Europa expandiert er jetzt nach Asien. Denn im Bereich Gesichtsrekonstruktion stagniert das Geschäft in den entwickelten Ländern. «Da haben heute im Auto praktisch alle einen Airbag», sagt Abteilungsleiter Steve Murray, was natürlich schlecht fürs Geschäft ist. Auch der Umsatz mit Schrauben und Platten zum Flicken gebrochener Knochen ist wegen der Rezession zurückgegangen, weil es weniger Unfälle gibt: Es fahren weniger Leute zur Arbeit oder in die Ferien.

Überalterung sorgt für Umsatz

Aber ansonsten ist die Medizinaltechnik krisenresistent und verspricht eine nie versiegende Einnahmequelle. Die Menschen leben immer länger und verfügen über immer mehr Geld. Dies gilt nicht nur für die entwickelten Länder (OECD), sondern auch für den Wachstumsmarkt China. Dort wird sich die Zahl der über 60-Jährigen in den nächsten 20 Jahren mehr als verdoppeln (siehe Grafik). Folgerichtig baut Synthes nun in China eine eigene Produktion auf. «Die Lizenz erwarten wir im 1. Quartal 2010», sagt CEO Michel Orsinger. Er kennt den chinesischen Markt, und Wyss, der sonst überall alles selber in die Hand nimmt, lässt ihn gewähren. «Er ist mein China-Mann», sagt der Doyen und lässt Orsinger reden.In der Nähe der Wirtschaftsmetropole Schanghai, in Suzhou, will Synthes künftig mit chinesischen Händen Teile von schweizerischer Qualität herstellen lassen. Bei der Qualität will und darf Synthes keine Abstriche machen, denn jeder Produkte-Rückruf - wie kürzlich für den künstlichen Wirbelkörper Synex 2 - schadet dem Ruf des Weltmarktleaders. Dass für den chinesischen Markt in China selber produziert wird, bringt nicht nur Kostenvorteile: Würden die Schrauben und Platten importiert, würden die chinesischen Versicherer nicht bezahlen. Und auch die Zulassung ist einfacher, wenn lokal produziert wird. Das Werk in Suzhou, das den Betrieb vor wenigen Wochen aufgenommen hat, ist mehr als eine Fabrik. Synthes will auch dort das Erfolgsrezept, nämlich die enge Zusammenarbeit mit Ärzten, anwenden. «Wir werden auch Ärzte ausbilden», sagt Orsinger, «die Ärzte wollen zudem sehen, wie die Produkte hergestellt werden.»

In den USA keine Sorgen

Geht es um die USA, wo die Gesundheitsreform ansteht, hat nach wie vor Wyss das Sagen. Sorgen macht er sich keine. «Erstens wissen wir noch nicht, wie die Reform herauskommt, und zweitens können wir wahrscheinlich sogar profitieren, wenn mehr Menschen versichert sind», sagt er. Dann packt Wyss seinen unauffälligen schwarzen Mantel und eilt davon - im Laufschritt über das vereiste Trottoir. «Vorsicht, es ist rutschig!» Wyss hört die Warnung, dreht sich kurz um und sagt: «Ich will drum noch schnell zum Langlaufen.» Und weg ist er.