Der Präsident der Europäischen Zentralbank ist standhaft geblieben. Jean-Claude Trichet hat den Leitzins für den Euro-Raum bei 4% belassen. Und das ist auch gut so. Denn angesichts der herrschenden Nervosität auf den Finanzmärkten ist eine ruhige Hand gefordert – Panikreaktionen à la amerikanischer Notenbank Fed verstärken unnötig die Verunsicherung.

Trichet hat betont, dass seine Hauptsorge die Preisstabilität bleibt und dass er ein besonderes Auge auf die Lohnentwicklung werfen wird. Die Inflation hat im Euro-Raum im Januar mit 3,2% den höchsten Wert seit der Einführung der Gemeinschaftswährung erreicht. Als Ziel setzt sich die EZB eine Teuerung von knapp unter 2%.

Dennoch dürften ab jetzt die Konjunkturrisiken bei der EZB grössere Priorität geniessen. Europas Wirtschaft konnte sich trotz anders lautender Hoffnungen nicht von den USA abkoppeln, und das Bruttoinlandprodukt (BIP) wird 2008 im Euro-Raum wohl deutlich weniger zulegen. Revidierte Prognosen zum EU-Wirtschaftswachstum wird die EZB erst im März bekannt geben. Ratsmitglied Axel Weber hat allerdings jüngst von einem 2008er BIP-Wachstum unterhalb der Potenzialrate gesprochen. Diese beträgt für den Euro-Raum aktuell 2%. Und EU-Wirtschafts- und Währungskommissar Joaquín Almunia hat die Öffentlichkeit bereits vorgewarnt, dass die EU-Kommission am 21. Februar nach unten revidierte BIP-Prognosen für 2008 präsentieren wird.

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Das riecht nach Zinssenkungen. Auf diese Möglichkeit ist Trichet zwar nicht explizit eingegangen. Seine Äusserungen, wonach die angespannte Lage an den Finanzmärkten ein Risiko darstellt, signalisieren allerdings ein Öffnen der Geldschleusen. Der Markt spricht deutlicher: Der Handel mit Dreimonats-Euribor-Futures mit Verfall Dezember 2008 legt für Ende Jahr einen kurzfristigen Euro-Zinssatz von rund 3,5% nahe.

«Die hohen Preise für Nahrungsmittel und Energie werden im Verlauf des Jahres sinken», sagt Anastassios Frangulidis, Head International Economics and Strategy der Zürcher Kantonalbank (ZKB). Daher werde der Inflationsdruck ab März im Euro-Raum schwinden. «Trichet wird die Leitzinsen zunächst weiter auf 4% belassen, um Druck auf die Tarifparteien der aktuellen Lohnverhandlungen insbesondere in Deutschland auszuüben», führt Frangulidis weiter aus. Wenn der EZB-Präsident sicher sei, dass es zu keinen übermässigen Lohnsteigerungen kommt und das Risiko von Zweitrunden-Effekten gebannt ist, werde er im Mai, spätestens aber im Juni die Leitzinsen senken. Über das Jahr gesehen, rechnet Frangulidis mit einer Inflation von 2% im Euro-Raum und mit mindestens einer Zinssenkung der EZB.

Die Schweizerische Nationalbank (SNB) hat die BIP- und die Inflationsprognosen bereits nach unten revidiert. Während eines Referats an der Fondsmesse Ende Januar in Zürich sagte SNB-Direktionsmitglied Thomas Jordan, dass die Schweizer Konjunktur breit abgestützt bleibt, ein BIP-Wachstum von rund 2% sich aber als zu optimistisch erweisen könnte. Im ersten Halbjahr 2008 rechnet Jordan aufgrund des teuren Erdöls mit einem Anstieg der Inflation auf über 2%. Danach sollte sich aber wieder Preisstabilität einstellen, was die SNB mit einer Inflation unter 2% gleichsetzt. «In der Schweiz stellt die Inflation keine Gefahr dar», zeigt sich Anastassios Frangulidis von der ZKB überzeugt. Aufgrund der schwächeren Konjunktur erwartet er höchstens eine Zinssenkung der SNB.

Gestiegene Rezessionsrisiken

In den USA hat sich Fed-Chef Ben Bernanke vorerst die Bekämpfung einer möglichen Rezession auf die Fahne geschrieben. Die Wirkung einer Zinssenkung tritt – wenn überhaupt – erst mehrere Monate verzögert ein. Denn Unternehmer werden einzig aufgrund tieferer Fremdkapitalkosten kaum die Kapazitäten ausbauen. Und dass die privaten Haushalte den Konsum gleich wieder steigern, ist auch unwahrscheinlich. Ihre Einkommen haben sich im Januar zwar positiv entwickelt, viele Amerikaner sind durch den Wertzerfall ihrer Immobilien aber verunsichert. Ein entsprechendes Indiz ist die gestiegene Sparquote der US-Haushalte. Diese ist im Dezember von 0,0 auf 0,2% geklettert und dürfte aufgrund der Rezessionsängste noch weiter steigen.

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Die US-Inflationsrate lag im Dezember auf über 4% und die Kerninflation – Teuerung ohne Nahrungsmittel und Energie – bei 2,4%. Aufgrund der Hypokrise sowie sinkender Preise für Nahrungsmittel und Öl erwartet Bernanke einen Rückgang der Inflation. Weitere Zinssenkungen der Fed sind daher vorprogrammiert. Bernanke ist aber gut beraten, wenn er nicht allzu munter den Markt mit Liquidität überschwemmt und weiterhin bestehende Inflationsrisiken völlig verdrängt. «Jetzt ist nicht die Zeit, in der die Amerikaner gerne über Inflation sprechen», sagt dazu Anastassios Frangulidis von der ZKB.