Auf den ersten Blick scheint alles so zu sein wie in den Jahren zuvor. Josef Ackermann verkündet mal wieder einen Rekordgewinn. 8,7 Mrd Euro vor Steuern sind es 2007 geworden. Und doch ist dieses Jahr alles anders. Da sind diese Stellen in Ackermanns Rede, an denen er seinen Singsang unterbricht, eine Pause macht oder einige Worte besonders betont. Von «schwierigen Bedingungen» spricht er dann oder von «grossen Herausforderungen». Nicht der neue Rekordgewinn der Deutschen Bank an sich ist eine Sensation – sondern dass sie ihn gerade jetzt erreicht hat. In einem Jahr, in dem die Kreditkrise die Gewinne anderer Grossbanken hinwegraffte.

Bankchef Ackermann steht damit auf dem Zenit seiner Karriere. Spitzenergebnisse liefert sein Institut seit Jahren. Der Schweizer wurde dafür respektiert, aber nie gefeiert. Doch dass die Bank dem Blutbad der Finanzkrise mit einigen wenigen Schrammen entkommen ist, bringt ihm so etwas wie Heldenstatus ein. Das pünktlich zu seinem 60. Geburtstag.

Dass die Finanzwelt auf Ackermann schaut, verdankt er weitsichtigen Bankern an seiner Seite und einer gehörigen Portion Glück. Gerne erzählt er vom vergangenen Juni, als der amerikanische Häusermarkt ins Wanken geriet. «Andere haben geglaubt, nach der Urlaubszeit erholen sich die Märkte schnell wieder», sagt Ackermann. Die Deutsche Bank habe das angezweifelt. Investment-Banking-Chef Anshu Jain und Risikovorstand Hugo Bänziger änderten den Kurs und verkauften kritische Wertpapiere früher als die meisten anderen. Ab August brachen die Märkte ein. «Es hätte auch anders kommen können», räumt Ackermann ein. Dann hätten alle anderen hohe Gewinne verbucht und die Deutsche Bank wäre für ihren Ausstieg belächelt worden.

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«Auch wir haben Fehler gemacht»

Der Banker gibt sich Mühe, nicht zu überheblich zu erscheinen. «Es ist einiges schief gelaufen und auch die Deutsche Bank hat Fehler gemacht», betont er. Immerhin musste auch sein Haus aufgrund der Krise 2,3 Mrd Euro abschreiben. Dennoch macht Ackermann keinen Hehl daraus, dass er sein Institut heute zu den drei stärksten Investmentbanken der Welt zählt. «Unsere Kompetenz und unsere hervorragenden Ergebnisse werden unserer Stimme ein besonderes Gewicht geben», meint er.

Wann sich dies nach dem Kurssturz der vergangenen Monate – von 118 ging es bis auf 67 Euro herunter – in einem steigenden Börsenkurs niederschlägt, ist für Ackermann offenbar nur eine Frage der Zeit. Schon in den vergangenen Monaten habe sich die Deutsche-Bank-Aktie trotz der Verluste besser entwickelt als die Konkurrenz – im Schnitt um 25 Prozentpunkte.

In der Rangliste der grössten Banken der Welt schlägt sich das bislang noch nicht nieder. Die Deutsche Bank rangiert nach Börsenwert um Position 28 herum. Das Feld ist aber enger zusammengerückt. Der Abstand zum einstigen Spitzenreiter Citigroup hat sich reduziert. Mit europäischen Häusern wie Credit Suisse, Barclays und Société Générale liegt die Deutsche Bank wieder auf Augenhöhe.

Vom Kandidaten zum Käufer

Die Verschiebung in der Börsenwert-Rangliste schafft neue Möglichkeiten, sind sich Experten einig. Kaum ein Übernahmegerücht, bei dem die Deutsche Bank nicht als mögliche Käuferin genannt wurde, zuletzt bei der französischen Grossbank SGS. Ackermann, so wird gemutmasst, könnte die neu gewonnene Stärke dazu nutzen, die Deutsche Bank auch in Sachen Grösse in die Spitzengruppe der Branche zu führen.

Doch Ackermann bremst derlei Fantasien rasch. «Wir haben kein Interesse an einem Kauf oder einer Fusion mit Société Générale», stellte Ackermann klar. Wie er überhaupt allen der Deutschen Bank angedichteten Übernahmeszenarien eine Absage erteilt. «Wir sind nicht interessiert an schierer Grösse», sagt er. Es war das einzige Mal während der zweistündigen Geburtstagsshow, dass er ungeduldig wurde. Er verstehe nicht, warum er immer nach grossen Übernahmen gefragt werde. Bei anderen Banken, wie Goldman Sachs, die ebenfalls als Krisengewinner gelten, gebe es die Diskussion doch auch nicht. 30 Mrd Euro mehr Börsenwert mache sein Haus nicht besser und schütze nicht vor Übernahmen.

Lieber einmal mehr durchrechnen

Da war er wieder. Ackermann, der Vorsichtige. Der keine zu grossen Risiken eingeht. Er liess schon in den vergangenen Jahren seine Leute lieber einmal mehr eine Transaktion durchrechnen – manchmal so lange, bis die Bank keine Chance mehr hatte, den Zuschlag zu bekommen. Nun dämpft er alle Erwartungen. Zu gross ist ihm wohl die Gefahr, in eine Übernahme hineingeredet zu werden.

Mit einer überraschenden Bescheidenheit liefert Ackermann auch eine persönliche Begründung: «Ich muss mir kein Monument setzen.» Sein Nachfolger, wer immer das ist, solle sich nicht sagen: Was hat der Ackermann mir noch für ein Ei ins Nest gelegt?

Statt nach den grossen Sternen greift der 60-Jährige lieber nach kleinen Lichtern vor der Haustür. Der Postbank, über deren Zukunft wild spekuliert wird, machte er überraschend deutliche Avancen. Gerne würde er die Bank übernehmen, «das wäre eine auch für Deutschland sinnvolle Lösung».

Das Geschäft mit den 15 Mio Privatkunden der Postbank wäre ein stabiles Gegengewicht zum schwankungsanfälligen Investment Banking, das den Konzern immer noch dominiert. Ausserdem könnte sich Ackermann zumindest ein kleines Denkmal setzen – als Re-Germanisierer der Deutschen Bank und Staatsmann im Bankenturm.