Pferde gehören zu meiner Familie», sagt Jérôme Lambert, Leiter der Uhrenmanufaktur Jaeger-LeCoultre in Le Sentier im Vallée de Joux. So habe er früh den Umgang mit ihnen gelernt und sei mit fünf Jahren schon im Sattel gesessen. Bald wurde Springreiten seine Vorliebe. Heute bestreitet er Wettkämpfe in der dritten regionalen Kategorie, gemäss französischer Klassierung. Sein Pferd hat der gebürtige Franzose in der Nähe von Macon in Frankreich untergebracht - aus rein praktischen Gründen: «Hier im Jura dauert der Winter zu lange. Da komme ich mit meinem Pferd vor der ersten Springkonkurrenz nie raus. Doch wenn ein Pferd nach dem langen Winter erstmals frisches Gras riecht, dann will es fressen und nicht springen.»

Eine «ganz andere Logik»

Als Chef einer florierenden Manufaktur von Luxusuhren ist er den Umgang mit der Zeit gewohnt. Das Thema beschäftigt ihn aber auch privat, wenn es um die Vereinbarkeit von Beruf, Familie und Hobby geht. «Zunehmend belegen berufliche Termine auch das Wochenende, aber meine Familie geht vor, sie ist nicht das Hobby», sagt er. Dennoch versucht er sich die für das Reiten nötige Zeit zu stehlen. «Wenn ich nur noch einmal im Monat zum Springreiten komme, gebe ich es auf», hat er einmal seiner Frau gesagt. Aber sogleich folgt die Einschränkung: «Die ganze Infrastruktur aufzugeben und dann wieder aufzubauen, wenn mehr Zeit zur Verfügung steht, wäre ein Riesenaufwand.»

So pflegt Lambert denn weiterhin sein Hobby, und seine Faszination ist unüberhörbar. Erzählt er vom Springreiten, wird der sonst schon energiegeladene Mann noch lebhafter. Die Betreuung und das tägliche Training seines Pferdes Gredin du Banney liegt aber in den Händen seines «Chevalier», des langjährigen Pflegers und Zureiters.

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Doch was ist so faszinierend daran, auf dem Rücken eines Pferdes über Hürden und Wassergräben zu springen? «Es ist völlige, abstrakte Ausrichtung auf eine einzige Sache: In Einheit mit meinem Pferd die Hindernisse zu überwinden. Das erfordert höchste Konzentration, da bleibt kein Raum für andere Gedanken. Zudem arbeite ich mit dem Pferd nach einer ganz anderen Logik als sonst.» Nach dem Einsatz fühle er sich wie gereinigt, sagt Lambert. Zudem stehe er die ganze Zeit in intensiver Kommunikation mit dem Tier. «Gemeinsam schätzen und kalkulieren wir und bewältigen dann ein Hindernis - oder nicht. Wir teilen auch Frustration und Scheitern.» Anders als bei andern Sportarten sei die intensive Interaktion mit einem Lebewesen. Und das Pferd spiegle sehr direkt das eigene Verhalten. «So lerne ich mich immer wieder besser kennen und bringe mich ins Gleichgewicht.»

Bald beginnt dieser Lernprozess von vorne. Gredin du Banney wird im September 15-jährig, für ein Springpferd bedeute das die Pensionierung. Lambert wird sich also für ein neues, jüngeres Pferd entscheiden müssen.

Zu den Kosten und Gefahren seines Hobbys sagt Lambert: «Golf spielen in Genf ist sicher teurer. Und meine Taxifahrten in ausländischen Städten oder die Gewalt, die vielerorts droht, sind sicher gefährlicher. Beim Springreiten lässt sich das Risiko eingrenzen. Es sind künstliche Hindernisse, die fallen. Und notfalls könnte ich das Unternehmen auch mit einem gebrochenen Arm leiten.»

Mit 40 «Linie überschritten»

Neben der intellektuellen Herausforderung beansprucht das Springreiten auch die Muskeln. Da erwähnt Lambert, dass er vor einem Jahr 40 geworden sei und damit «eine Linie im Leben überschritten» habe. Nun müsse er sich bewusster mit der körperlichen Belastung durch die vielen Geschäftsessen und Flugreisen auseinandersetzen. Seit Jahren pflege er das Laufen und unterstütze so den Körper, die Balance zwischen Aktivität und Ruhe zu finden. «Dafür genügt ein Paar Turnschuhe, dann kann ich auf der ganzen Welt trainieren, notfalls auch auf dem Band.» Nach vielen Halbmarathons will er am 28. September in Berlin seinen ersten Marathon bestreiten. «Zeit 4,5 Stunden - ein nicht allzu ambitiöses Ziel», sagt er. Die Zeit lässt ihn auch bei seinem zweiten Hobby nicht los. Immerhin, da renne manchmal auch seine Frau mit, und die Kinder folgten auf dem Velo. So bleibe die Balance der Familie gewahrt.

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