Er ist unersättlich, streitbar, stur und streng, aber auch temperamentvoll und emotionsgeladen. Und dies sind längst nicht alle Gemeinsamkeiten des Bankiers Konrad Hummler mit dem Komponisten Johann Sebastian Bach. «Bachs Werke sind nie plump, sondern voller feiner Andeutungen», sagt der geschäftsführende Teilhaber der Privatbank Wegelin & Co. Auch Hummlers periodische Anlagekommentare sind nicht plump: «Ich baue viel ein. Wenn man weiss, was ich meine, hat man noch mehr Spass.»

Seine Liebe zu Bach entdeck- te Hummler im Jugendchor St.Gallen. Und die oft sehr komplexen barocken Kompositionen haben ihn bis heute nicht losgelassen. Sie sind eine Symbiose der beiden auf den ersten Blick widersprüchlichen Elemente Mathematik und Emotionen. Das gefällt ihm. Auch in seiner Bank muss beides stimmen, Kopf und Bauch. «Wenn ein Ungleichgewicht besteht, kommt es nicht gut. Auch Bach hatte diese beiden Seiten in sich.»

Perfektion und Vollendung

Bald ist nicht mehr so klar, über wen Hummler eigentlich spricht - über sich oder seinen Übervater. Und nun dieses wahnwitzige Projekt, die Aufführung und digitale Aufzeichnung aller 250 Bach-Kantaten in höchster Qualität. Das hat noch keiner geschafft.

Die Zeitreise in den Barock beginnt jeweils am Freitagabend schon auf dem Weg hinauf nach Trogen, an den Ort des Geschehens, zur evangelischen Kirche. Für Hummler ist es «wie ein befreiender Akt», wenn der Blick weit über den Bodensee schweift. Am Freitag, 20. August, ist es wieder so weit. Diesmal ist die Kantante 137 «Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren» dran. Hummler: «Auch wenn man Mühe mit den barocken Texten hat, kann Bach einem viel geben.» Er könnte auch sagen: «Auch wenn man Mühe mit Finanztexten hat, können einem die Anlagekommentare von Hummler viel geben.»

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«Ja, ich bin unersättlich, ich gebe es zu. In mir steckt eine Unruhe, ich möchte immer weiter gehen.» Es ist nicht die Gier nach Geld, die Hummler antreibt. Er sucht Perfektion, Vollendung. Und je mehr man ihn vor dem Scheitern warnt, desto grösser wird sein Ehrgeiz. «Das war genau gleich, als ich bei Wegelin eingestiegen bin. Da hat man mir auch gesagt: Was willst du da von einer Grossbank weg, um diesen Kiosk in St. Gallen zu übernehmen? Sowas kann mich nicht aufhalten, im Gegenteil, da fängts erst richtig an, dann reizt mich ein Projekt umso mehr.» Nach dem Erfolg mit der Privatbank Wegelin & Co., mit dem er es allen Zweiflern und Spöttern so richtig gezeigt hat, möchte er auch in der Kultur Grosses vollbringen. «Es ist der Wille, ein Gesamtkunstwerk auf die Beine zu stellen.» Ein Denkmal will er sich nicht schaffen, «dann hätte ich etwas mit bildender Kunst gemacht, eine Sammlung zum Beispiel, die ewig Bestand hätte».

Dennoch hat die von ihm ins Leben gerufene, finanzierte und präsidierte J. S. Bach-Stiftung etwas Monumentales. Die 250 Kantaten werden nicht nur aufgeführt, sondern mit Video dokumentiert und über Youtube, iTunes und Facebook verbreitet. Hummler will Bach der Jugend näherbringen. Bei diesem Thema kommt er ins Grübeln. Was ist die Motivation eines Mäzens? «Es ist das latente Gefühl des Ungenügens, das den Dilettanten antreibt. Das Geldgeben ist eine Ersatzhandlung. Was er selber gerne hätte oder könnte, projiziert er auf andere. Bei mir ist das auch so: Ich würde natürlich gern viel besser Geige spielen. Jetzt projiziere ich das in die vielen jungen Leute, die mitmachen.»

Systematische Enteignung

Das Geld spielt eine untergeordnete Rolle. Das Projekt kostet pro Jahr rund 1,5 Mio Fr., insgesamt also über 30 Mio Fr. Was Eintritte und mediale Verbreitung einbrächten, sei offen. Auch mit seinen Erben hat Hummler kein Problem: «Meine Kinder denken nicht, dass sie ein Anrecht auf ein grosses Erbe haben. Das hat auch mit meiner Herkunft zu tun. Ich bin mit nichts gestartet.» Aber, räumt er ein: «Das ist ein systematisches Enteignungsprogramm.»

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Hummler ist ein Paradebeispiel für die Glücksforschung, die besagt, dass wohlhabende Menschen ihr Glück und ihre Zufriedenheit mit zunehmendem Reichtum anderswo suchen müssen. «Es ist tatsächlich so: Der Grenznutzen des Geldes nimmt ab, und bei mir persönlich relativ schnell.»