Satte 200 Prozent Wertzuwachs bei Comet, sagenhafte 634 Prozent bei der VAT Group: Es brummt in der Schweiz-Abteilung der globalen Zulieferkette für die Computerchip-Produktion. «Nachhaltig wachsende Märkte», sagt Heinz Kundert lakonisch, der die Aktienkurs-Bonanza rhetorisch dauerhaft umschifft, persönliche Beteiligung möglichst von sich weist.

Dabei ist Kundert zwar kaum öffentlich bekannt, was ihm, glaubt man engen Wegbegleitern, ganz gelegen kommt – in Wahrheit aber so etwas wie Mister Halbleiter der Schweiz. Und ihn müssen Anleger massgeblich zur Verantwortung ziehen für die Wertsteigerung ihrer Anteile an den Hightech-Konzernen.

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Comet hat sich seit Kunderts Eintritt in den Verwaltungsrat verdreifacht, und die VAT-Kursrakete steigt seit dem Börsengang, den Kundert als CEO verantwortete.

Tatsächlich zeichnet sich die Halbleiterbranche, kaum gebremst von den aktuellen Mangelerscheinungen, durch eine ständig wachsende Nachfrage aus: Die anschwellende Weltbevölkerung verlangt nach immer mehr Smartphones und Autos, Transportsystemen, schlauen Fabriken und Haushaltsgeräten, und alles funktioniert nur mit Halbleitern.

Hightech aus der Schweiz

Für das goldene Zeitalter der Digitalisierung wollen die Chip-Riesen weitere Milliarden ausgeben. Und diese Investitionen der Produzenten, angeführt von klingenden Namen wie Intel, Samsung oder dem taiwanesischen Chip-Giganten TSMC, fliessen zunächst in die zweite Reihe der Wertschöpfungskette, zu den Maschinenbauern für die Chip-Produktion, darunter als einzige Europäerin die niederländische ASML, die einen Marktanteil von rund 80 Prozent kontrolliert und Firmen wie Nikon oder Canon hinter sich gelassen hat.

Ventil

Ein Techniker bei Servicearbeiten an einem VAT-Vakuumventil.

Quelle: ZVG

Ein knappes Dutzend Unternehmen dominiert weltweit diese obersten beiden Stufen der Chip-Branche. Von hier aus erfasst die Wachstumswelle die Lieferanten der kritischen Subkomponenten, «und von fünf sitzen gleich drei in der Schweiz», sagt Heinz Kundert: Inficon, VAT und Comet.

Wafer

Diese runden Wafer sind die Grundplatten für die Fertigung von Computerchips

Quelle: ZVG

Die Ostschweizer VAT ist spezialisiert auf Ventiltechnik, die bei der Produktion von Chips entscheidend ist, weil das Ganze unter gesichertem Vakuum erfolgen muss, Comet arbeitet in der Hochfrequenz- und Röntgentechnologie, die etwa zur Materialprüfung und Qualitätssicherung eingesetzt wird.

Hauchdünner Sieg

Wer Genaueres wissen will, fragt am besten Heinz Kundert. Der weisse weisshaarige Mann entspricht so gar nicht dem Idealbild der allumfassenden Gender-Diversity-Jugend-Megawelle: Dieses Jahr wird er 70. Als sich die Eigentümerfamilie der VAT für einen Verkauf entschied, wandten sie sich an Partners Group und Capvis. Sie engagierten Kundert zunächst als Berater, zudem wurde er dann auch in den Verwaltungsrat gewählt.

Nachdem der amtierende CEO die Firma verlassen hatte und kurzfristig kein passender Ersatz zu finden war, baten die Partners, bei VAT vertreten von Alfred Gantner, eben Kundert, den Job zu machen: 2015 avancierte er zum CEO der VAT Group – im zarten Alter von 63, da andere längst in ihrer Zweitkarriere als Profi-VR stecken und nicht wenige allmählich in die Zeit des Verzehrens ihrer angehäuften Boni und Saläre übergleiten, griff er noch einmal an.

Zügig industrialisierte er die Produktion, damit sie skalierbar ausgeweitet werden konnte, und führte VAT im April 2016 an die Börse, es wurde eins der erfolgreichsten IPOs der Schweiz überhaupt. VAT gilt in ihrem Segment als «place to go», ohne echte Konkurrenz. Bereits im März 2018 übergab Kundert den CEO-Stuhl an Mike Allison und amtet seitdem als Vizepräsident des Verwaltungsrats.

Viel Führungserfahrung, breite Kenntnisse über die Branche und ihre Köpfe – Kundert has it all.

Ganz ähnlich war die Ausgangslage bei der Freiburger Comet. Kundert, als Berater eines Londoner Fonds tätig, der in Comet investiert war (den Namen will er nicht nennen), wurde von den Fondsmanagern gefragt, ob er nicht den Chairman-Posten übernehmen wolle, der langjährige Amtsinhaber Hans Hess, Schweizer Werkplatz-Urgestein, hatte seinen Rückzug bereits angekündigt. Hess und Kundert kannten sich seit vielen Jahren – und trotzdem entbrannte ein Proxy Fight.

Der Comet-Verwaltungsrat hatte angeblich auch Kundert auf dem Zettel, sogar auf der sechs Köpfe umfassenden Shortlist, portierte aber dennoch den deutschen Wissenschaftler Christoph Kutter. Kundert wiederum, unterstützt vom aktivistischen Schweizer Fonds Veraison und von der Bank Pictet, gewann die Kampfabstimmung an der GV hauchdünn.

Die erste VR-Sitzung sei dann «optimal gelaufen, alle haben mich und die neue Situation schnell akzeptiert», sagt Kundert. Aufgrund der Verwerfungen in Aktionariat und Verwaltungsrat verliess der CEO die Firma, und wieder wurde Kundert gefragt, ob er nicht für eine Übergangszeit per Doppelmandat einspringen könne – er konnte.

Zumal «klar war, was zu tun war», wie Kundert betont, nicht ohne zu ergänzen, «auch weil Gregors Team sehr gute analytische Vorarbeit geleistet hat». Gregor, damit ist Gregor Greber gemeint, lange Jahre Vormann bei Veraison und für den Fonds bei Comet im Driver’s Seat; auch hier hantierte Veraison, wie bei ihren Angriffen auf angeblich oder tatsächlich schlecht gemanagte Unternehmen üblich, mit einer detaillierten Analyse, auf welche Weise bis dato ungehobene Werte freizulegen seien.

Kundert fokussierte das Geschäft auf die heutigen zwei Divisionen und baute bei den Kunden neues Vertrauen auf; viele Investoren hatte er schon während des Schaulaufens für die Präsidentenkür an Roadshows getroffen. Ein Jahr nach seiner CEO-Werdung war die Schnellrekonvaleszenz der Firma abgeschlossen, und er übergab die operative Führung an Kevin Crofton – ihn hatte Kundert, wie bereits Mike Allison zu VAT, selbst in die Schweiz geholt, ohne Zutun von Headhuntern.

«Er kennt einfach jeden in der Branche», sagt ein Nahestehender. Man muss andere fragen, wenn man Kunderts Erfolg auf die Spur kommen will, denn der Mann kann sicher vieles, eines aber nicht: über sich selbst, seinen Antrieb und seine Motivation sprechen.

Während Gregor Greber sagt, Kundert sei «einer der Besten, die die Schweiz für solche Führungsfunktionen jemals gesehen hat», lobt dieser lieber sein «fantastisches Team» oder «geniale» Weggefährten wie Partners-Frontkämpfer Gantner oder Hilti-Präsident Heinrich Fischer, den Kundert genau wie Greber einst bei Oerlikon-Bührle, der späteren Unaxis, kennenlernte.

Kundert steht wie kaum ein anderer für den Wert von Erfahrung. Konstruktionsausbildung, Diplom in Management und Marketing beim Institut für Absatz und Handel der HSG, Anschlussausbildung in Finanzwesen bei der UBS und Führungserfahrung in der Armee, wo er sich bis zum Hauptmann hochdiente.

Bei der Migros wirkte er zwei Jahre in einem IT-Migrationsprojekt mit, 1981 startete er dann bei Oerlikon-Tochter Balzers, seitdem lebt der gebürtige Churer in Liechtenstein, seitdem arbeitet er mit Hightech und Halbleitern. Mit 28 Jahren übernahm er bei Balzers das Asiengeschäft und kurbelte dort den Vertrieb an, er war auch «der Allererste beim Unternehmen, der einen PC bekam», erinnert sich Kundert.

Dafür hätten ihn nicht wenige «seltsam beäugt». Bei Oerlikon-Unaxis arbeitete er sich kontinuierlich nach oben, unterstützt vom Sanierer Hans Widmer (auch ein «genialer Vorgesetzter»), und avancierte über mehrere Stufen im Mai 2002 schliesslich zum CEO. Doch schon Ende 2004, als Österreich in Person von Ronny Pecik und Mirko Kovats den Einmarsch in Pfäffikon SZ vorbereitete, schied Kundert aus – die Ablehnung war gegenseitig.

Danach amtete er für ein rundes Jahrzehnt als Europa-Präsident und Welt-Vize beim Halbleiter-Branchenverband SEMI mit Sitz im Silicon Valley, «ein Glücksfall», resümiert Kundert. Er pendelte zwischen Berlin, Brüssel und dem Silicon Valley, arbeitete mit der EU-Kommission zusammen, lernte das Lobbying-Geschäft und Hunderte Branchenfirmen von innen kennen – und noch zahlreicher massgebliche Manager und Ingenieure.

VAT kannte er jedoch schon viel länger: als Lieferant von Balzers. Als ihn dann folgerichtig Capvis und Partners Group zunächst als Berater ins Boot und später in die Konzernleitung holten, konnte Kundert aus dem Vollen schöpfen: Solide Ausbildung, viel Führungserfahrung, tiefe und breite Kenntnisse über die komplexe Wertschöpfungskette der Branche, ihre Technologien und ihre Köpfe – Heinz Kundert has it all. Der Weg für eine zweite Karriere als CEO und Verwaltungsrat war planiert.

Zumal Kundert als Teamplayer gilt, als «super Typ», wie ein Mitarbeiter sagt. Er behandle jeden im Büro mit Respekt und Wertschätzung, sei fachlich «eine Koryphäe» und arbeite sehr organisiert, «hinter ihm muss nie jemand aufräumen». Lediglich bei der Frage nach Kunderts Motivation, im Rentenalter noch operative Jobs zu übernehmen, müssen auch Nahestehende auf Mutmassungen ausweichen. Die naheliegendste Erklärung, vermutet einer: «Es reizt ihn einfach, Werte zu schaffen.»

Kundert selber nennt als höchstes Ziel, «sich selber als Chef überflüssig zu machen», und gerade in seiner Branche arbeiteten «hoch spezialisierte Leute, die kann man nicht einfach so herumkommandieren». Und Greber sekundiert: «Empowerment of people», dafür stehe Kundert. Auch Geld treibe ihn nicht an, «er hat nie nach der Vergütung gefragt». Und die Geschäftsberichte bestätigen den kundertschen Mangel an Raffsucht.

In seinem vollen Jahr als CEO der VAT bezog er weniger als 900 000 Franken, bei Comet war er trotz zeitweiligem Doppelmandat in keinem Jahr der bestverdienende Bewohner der Teppichetage; das Präsidentenhonorar lag 2020 inklusive Aktienzuteilung bei knapp über 200 000 Franken. Bei beiden Firmen erwarb er Aktienpakete mit Privatgeld und ist nach wie vor investiert.

Adiós, Altersguillotine

Wofür er nicht steht, ist die klassische Schweizer Netzwerker-Karriere. Neben wenigen Wegbegleitern sind seine engeren Kontakte, auch dank dem Jahrzehnt bei SEMI, über den Globus verteilt, der grösste Teil des Freundeskreises sitzt allerdings in Deutschland, mit einem Schwerpunkt in München.

Seine Clique dort, darunter Starkoch Alfons Schuhbeck, trifft sich zwei Mal im Jahr. In der Schweiz sei er kaum vernetzt, sagt Kundert selber, auch beim Konzernpräsidentenkreis «Chairmen’s Roundtable» sitzt er nicht am Tisch. Nicht einmal in der Manager-Selbstdarstellungs-Datenbank LinkedIn findet er statt.

Dafür kann er bei Comet noch länger eingreifen: Die Altersgrenze von 70 Jahren, die Kundert im laufenden Jahr zum Rückzug aus dem VR gezwungen hätte, hat der Konzern abgeworfen. Bei VAT greift die Schranke erst bei 72 Jahren.

Zudem hat Kundert einen neuen Job gefasst. Gemeinsam mit Greber lancierte er den ersten Schweizer SPAC, VT5, und sucht derzeit nach Technologiefirmen, die für einen Börsengang in Frage kommen.

Und auch auf dem Golfplatz will er neue Werte schaffen. Das Handicap, zu den besten Zeiten auf stattliche 11 gedrückt, «ist in die Zwanziger abgerutscht», das soll kein Dauerzustand bleiben. Mit 63 Jahren, da fängt das Leben an.