Es gibt noch viel zu tun, um die Zahl der Frauen in den Verwaltungsräten (VR) der Schweizer Börsenfirmen zu steigern. Auch bei den Frauen selber. Das zeigen die Resultate einer Umfrage, welche die «Handelszeitung» in Zusammenarbeit mit den Wirtschaftsfrauen Schweiz durchgeführt hat (siehe auch linke Seite). So schätzt die Mehrheit der rund 600 Befragten Wirtschaftsfrauen-Mitglieder ihre Chancen, in den VR einer grosskapitalisierten Börsengesellschaft gewählt zu werden, als sehr gering ein (siehe Grafik).

Auch das Credo «Handle erst, wenn du genau weisst, worum es geht» hält sich hartnäckig in den Köpfen der Geschäftsfrauen – und lähmt sie dann, wenn Männer unbeirrt vorpreschen, ohne sich um Details zu kümmern: Über drei Viertel der Befragten sind der Meinung, dass sich ein gutes VR-Mitglied durch entsprechende Branchen- und Fachkenntnisse auszeichnet.

Fähigkeiten besser «anpreisen»

Barbara Rigassi, Vizepräsidentin und Managing-Partnerin von BHP – Brugger und Partner, hat zu diesem Zweck zusammen mit anderen Kaderfrauen die Plattform GetDiversity ins Leben gerufen. Diese will Frauen den Weg in die Verwaltungsräte ebnen. «Wir sind heute ein Pool von 50 Frauen, die bereit und fit sind, VR-Mandate zu übernehmen», erklärt Rigassi. Sie war von 1998 bis 2002 Mitglied der Geschäftsleitung des Staatssekretariats für Wirtschaft Seco und bekleidet heute selber mehrere VR-Mandate. Die Frauen könnten zu Türöffnerinnen in eigener Sache werden, glaubt sie weiter, indem sie ihre Kompetenzen vermehrt in der Öffentlichkeit zeigten, zum Beispiel über Referate, in der Weiterbildung oder durch Publikationen. Ähnlich äussert sich Bettina Seiferle, Mitglied der Geschäftsleitung der Benefit Coaching Systems: «Frauen preisen im Vergleich mit den Männern ihre Fähigkeiten noch viel zu wenig an.»

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Ins selbe Horn stösst Multi-VR Gertrud Höhler, die sich eines ihrer VR-Mandate beim Industriezulieferer Georg Fischer im Rahmen eines Auftritts an einer Tagung ergattert hat (siehe dazu rechts). Ihrer Ansicht nach schaffen es Frauen «mit Selbstsicherheit und klar formulierten Ansprüchen» in die nach wie vor männerdominierten VR-Gremien. «Wir selber müssen die Männer überzeugen, dass wir gut und geeignet sind. Die Männer können das nicht für uns machen.» Es mache auch keinen Sinn, den Männern einen Vorwurf zu machen. «Die Evolution basiert darauf, dass Mann und Frau zusammen erfolgreich sind. Die Geschäftswelt, die lange den Mann für den alleinigen Erfolgsgaranten hielt, scheint das erst jetzt richtig zu entdecken.»

Auf wenig Zustimmung stösst das Umfrageergebnis, dass Frauen am ehesten VR-Mandate in den beiden Branchen Medien/Werbung und im Detailhandel besetzen könnten. Diese Meinung widerspiegle wohl eher stereotypes Rollendenken um typische Frauenberufe als die Realität, kritisiert Rigassi. «Die Anforderungen an Verwaltungsrätinnen sind in sämtlichen Branchen gleich hoch», betont sie.

«Führungserfahrung gefragt»

Ricarda Harris, Geschäftsleiterin der Wirtschaftsfrauen Schweiz, kann sich vorstellen, dass gerade auch Industriebetriebe daran interessiert sein könnten, Frauen in den VR zu holen. Sie räumt allerdings ein, «dass wir Frauen in der Umfrage teils unseren eigenen Klischees aufsitzen». So überschätzten die Befragten offensichtlich die Bedeutung der Fach- und Branchenkompetenz. «Durchsetzungsvermögen, Verhandlungsgeschick und Kompromissbereitschaft dürften mindestens so wichtige Eigenschaften sein, damit eine Frau als VR erfolgreich agieren kann», glaubt Harris.

Mark Hönig, Spezialist für die Suche von Führungskräften und Partner des Beratungsunternehmens Egon Zehnder International, bestätigt, dass Spezialwissen in einem gut durchmischten VR allenfalls gefragt sei, um eine Lücke zu schliessen. Letztlich aber brauche es unabhängige, resultatorientierte Persönlichkeiten mit hoher Strategiekompetenz. «Und», sagt er und spricht damit einen entscheidenden Punkt an, «für die grossen, börsenkotierten Firmen werden in der Regel Personen gesucht, die selber schon grosse Firmen geführt haben. Weil das bisher nur wenige Frauen sind, gibt es folglich auch zu wenige valable Kandidatinnen für VR-Gremien.»

Hönig ist jedoch zuversichtlich, dass sich dies in Zukunft ändern wird. Denn die Frauen hätten in der Bildung mindestens gleichgezogen, würden nun in den Geschäftsleitungen immer präsenter, und früher oder später werde es folglich auch mehr Verwaltungsrätinnen geben. «Wenn wir heute eine VR-Position zu besetzen haben, ist das Geschlecht jedenfalls kein Kriterium; es zählt allein der Leistungsausweis», so Hönig.

Umstritten: Frauenquote

Frauenquoten nach skandinavischem Vorbild würden hingegen keinem Unternehmen dienlich sein, meint Harris – umstritten ist dieser Punkt auch bei der «Handelszeitung»-Umfrage (siehe Grafik). Harris: «Es ist ein zwiespältiger Vorschlag, denn eine Quotenfrau als Verwaltungsrätin ist unsinnig.» Anderseits könnte eine solche Regelung in kurzer Zeit einiges bewirken. Das Beispiel Norwegen, wo seit Anfang Januar eine VR-Frauenquote von 40% gilt, beweise diese Vermutung jedenfalls.