Die Derivate-Industrie, geschwächt durch die Lehman-Pleite, holt zum Befreiungsschlag aus: Der Schweizerische Verband für Strukturierte Produkte (SVSP) und die Schweizer Börse planen ein zentrales System, bei dem eine Tochterfirma der Schweizer Börse SIX Swiss Exchange als Gegenpartei der Emittenten - also Anbieter von Strukturierten Produkten wie Banken - fungiert. Das haben Recherchen der «Handelszeitung» ergeben. Der von vertraulichen Quellen als Projektleiter genannte Matthias Müller von der SIX bestätigt auf Anfrage, man sei in Gesprächen mit dem Verband. Konkrete Informationen würden in Kürze bekannt. Das Prinzip des Systems ist simpel: Die Emittenten hinterlegen Sicherheiten, womit das Gegenparteienrisiko de facto vom Tisch ist.

«Wie ein Damoklesschwert»

Die Initianten setzen grosse Hoffnungen in das System. Denn: «Das Emittentenrisiko schwebt wie ein Damoklesschwert über der Branche», sagt Daniel Manser, Geschäftsleitungsmitglied von Derivative Partners Media AG.

Verband und Emittenten suchen seit der folgenschweren Insolvenz von Lehman dringend nach einer Lösung, welche den Anlegern die Angst vor dem Gegenparteienrisiko nehmen und ihre Investitionslust in Derivate wieder ankurbeln könnte. Dies bestätigt Eric Wasescha, Geschäftsführer des SVSP: «Der Verband prüft verschiedene Möglichkeiten, das Emittentenrisiko durch entsprechende Marktmodelle ganz auszuschalten.» Man könne jedoch noch keine näheren Angaben machen, da man noch in der Evaluationsphase sei.

In der Branche gilt die Realisierung des Systems bereits als ausgemachte Sache. «Ich gehe davon aus, dass dieses System eingeführt wird», sagt Manser gegenüber der «Handelszeitung». Marc Zahn, CEO der Börse für Strukturierte Produkte Scoach, kann sich ebenfalls «gut vorstellen, dass das kommt».

Anfrage liegt auf dem Pult

Urs Wieland, Head Risk Management bei der SIX-Tochter x-clear, die als Gegenpartei der Emittenten fungieren soll, bestätigt, dass eine entsprechende Anfrage des SVSP auf dem Pult liegt. Doch die Umsetzung hat einen Haken: Die Kosten. Für Emittenten sei es unattraktiv, wenn 80 bis 90% der Sicherheiten bei der SIX hinterlegt werden müssten, so Wieland. Denn diese Mittel sind nicht mehr frei verfügbar. Doch für Manser ist klar: «Die Zeiten sind vorbei, in welchen Banken Risiken eingehen konnten und dafür kaum Eigenkapital hinterlegen mussten.» Auch den Preis, welchen Anleger für Produkte mit einer solchen zusätzlichen Absicherung bezahlen müssten, hält er für «weniger teuer als vermutet». Für zusätzliche 100 Basispunkte pro Jahr könnten Investoren künftig solche Produkte zeichnen, schätzt der Experte. Dies wäre mehr als fair, so Manser, bewegen sich doch derzeit die Aufschläge bei den Kreditausfallversicherungen (Credit Default Swaps) bei den meisten Emittenten in diesem Bereich.

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In der Schweiz bietet die Fonds-Tochter der Deutschen Bank DWS GO als bisher einzige Emittentin Produkte ohne Gegenparteienrisiko. «Diese neuen Produkte laufen momentan besser als die übrigen», so Fabrizio Collesano, Leiter Verkauf Strukturierte Produkte bei DWS GO. Dass weitere Emittenten nachziehen, glaubt Manser nicht: «Es warten alle auf eine Standard-lösung der Börse.» Und diese dürfte nicht mehr lange auf sich warten lassen: Insider rechnen bereits im 1. Quartal 2009 damit.