Grundsätzlich bestehen verschiedene Möglichkeiten für einen Möbelhersteller, um an neue Produktideen zu gelangen. Ein grosser Teil der Kollektion von Tossa ist Werkdesign: Die Möbel entstanden aufgrund konkreter Kundenbedürfnisse, genauer Marktbeobachtungen oder aufgrund der ureigenen Experimentierfreudigkeit der beiden Firmengründer, Sonia Loosli und Beat Hübscher. Sobald ein Möbelhersteller einen bestimmten Bekanntheitsgrad und eine gute Reputation erreicht hat, wird er auch immer wieder von bekannten und noch unbekannten Designern mit neuen Möbelideen konfrontiert. Auf diesem Weg haben in der Vergangenheit verschiedene Möbel Eingang in die Kollektion des Unternehmens gefunden.

Eine dritte Möglichkeit, die nun erstmalig gewählt wurde, ist die des Wettbewerbes: Es war die Lust und die Freude an der Auseinandersetzung mit externen Gestaltern, die die Firmengründer bewogen, Ende 2006 vier namhafte Schweizer Designer zu einem mehrstufigen Wettbewerb einzuladen. Die Einladung und Beschränkung erfolgte bewusst. Zudem sollte mit der Entschädigung jedes Entwurfes ein Zeichen in der Branche gesetzt werden. Das Bekenntnis der Möbelhersteller, dass gute Arbeit auch vergütet werden soll, wurde von den Gestaltern sehr geschätzt und mit spannenden Tischideen honoriert.

Die passende Handschrift

Nachdem das Unternehmen schon oft mit Entwürfen konfrontiert worden war, bei denen man sich fragte, ob sich der Entwerfer ernsthaft mit der Kollektion auseinandergesetzt hatte, sollten lediglich Designer eingeladen werden, die nicht nur über eine entsprechende Gestaltungskompetenz verfügen, sondern auch über eine Handschrift, die zum Hersteller passt.
Darüber hinaus wollte man auch der Swissness Rechnung tragen. Als Schweizer Firma fragte sie deshalb die Schweizer Gestalter Atelier Oï, Jörg Boner, Formpol und Hanspeter Steiger an.
Nach gewissen Diversifikationen in den letzten Jahren – Sessel, Bett, Regal, Sideboard – suchte man bewusst einen neuen Tisch. Das Unternehmen verfügt bekanntlich nicht nur über eine grosse Kompetenz in diesem Bereich – man denke an die Klassiker «Mesa» und «Ultimo». Die Tische sind auch umsatzmässig das wichtigste Standbein der Kollektion.
Eine wichtige Anforderung an den neuen Tisch war dessen Verkäuflichkeit. Da der Möbelhersteller eine partnerschaftliche Zusammenarbeit mit dem Fachhandel pflegt, wurde dieser direkt in den Wettbewerbsprozess einbezogen. Zusammen mit der Geschäftsleitung bildeten die nachfolgenden Fachhändler die Wettbewerbs-Jury:

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Rosmarie Horn, Teo Jakob, Bern,
Marianne Gloor, Spectrum, Lenzburg,
Andreas Schwarz, Neumarkt 17, Zürich,
Benedict Dällenbach, Alinea, Basel,
Sonia Loosli, Beat Hübscher, Ralf Geckeler, Tossa.

Der Wettbewerbsprozess

Alle angefragten Entwerfer haben zugesagt, den Betrieb besucht und nach einer intensiven Entwurfsphase 30 Tischmodelle eingereicht. 15 dieser Modelle gelangten in die erste Auswahl. Anlässlich der ersten Jury-Sitzung im April wurden drei Modelle für die Prototypenherstellung ausgewählt. Im Juli fielen die Würfel: Die Jury entschied sich für die Tischfamilie von Jörg Boner. Diese wurde erstmalig am Werkstatt-Event Anfang September 2007 den Fachleuten und dem Publikum präsentiert. Die offene Kommunikationskultur, die das Unternehmen sowohl inner- wie auch ausserhalb seiner Werkstattmauern pflegt, bildete die Basis für einen äusserst konstruktiven Wettbewerbsprozess. Auch Designer, deren Modell nicht für die Aufnahme in die Kollektion gewählt wurde, äussern sich sehr positiv, da sie den Gestaltungsprozess mit einem Hersteller noch nie auf diese Art erlebt haben. Jörg Boner versuchte als Erstes, die Kollektion zu verstehen und zu positionieren. Er wollte herausfinden, in welche Richtung sich ein Entwurf bewegen sollte.
Für Jörg Boner handelt es sich um eine sehr homogene Angelegenheit. Die Art und Weise der Fertigung bestimmt letztlich das Gesicht der Kollektion. Technische Innovationen, die im Wohnbereich wirklich Sinn machen, sind relativ schwierig in Massivholz herzustellen, da dieses Material über eine sehr lange Tradition verfügt und dementsprechend auch schon viel realisiert wurde. Andererseits weisen die Produkte eine sehr hohe Authentizität auf, da sie in der eigenen Schreinerei gefertigt werden. Fast alle Tische haben vier Beine an den jeweiligen Aussenecken. Dieser Umstand, in Anbetracht des grossen Erfolges dieser Tischmodelle, stellt für Jörg Boner ein stilistisches Zeitzeugnis des beginnenden 21. Jahrhunderts einer Schweizer Kollektion dar. Es wäre deshalb durchaus möglich, dass sich das formale Empfinden auch dieser Käuferschicht verändert. Daraus abgeleitet ergibt sich die Frage des Designers: Welcher Tischtyp könnte irgendwann den Massivholztisch mit vier Aussenbeinen ablösen?
Jörg Boner stellte fest, dass in der Kollektion eine umfangreiche Tischfamilie fehlt. Es war eine der Hauptideen, eine Familie zu entwickeln, in der beispielsweise der runde kleine Tisch und der rechteckige grosse Tisch irgendwie zusammengehören. Vor allem im Objektbereich schien dem Designer dieser Umstand Sinn zu machen. Möglichst viele verschiedene Grössen und Formate sollen ausführbar sein. Das Untergestell passt sich an, so dass die Proportionen stets gut und spannungsvoll sind. Das Tischblatt soll sehr einfach bleiben. Eine Massivholztischplatte ist in ihrem Ursprung ein verleimtes Brett ohne Schnörkel und aufwendige Kantenbearbeitung. Jörg Boner bleibt also bewusst beim Bild des grossen Brettes.

Klassische Konstruktion

Der Fokus dieses Tisches liegt beim Untergestell. Die Konstruktionen sind klassisch. Die Beine sind da, wo sie am wenigsten stören. Das Untergestell lebt von seinen Proportionen. Es hat den Designer interessiert, den Tisch skulptural zu entwickeln. Ein grosser Teil seines Wertes liegt in den Proportionen, den Linien, der Form, den Dimensionen und den Querschnitten. Das leicht konische der beiden gespreizten Füsse ist auf den ersten Blick nicht sichtbar, aber es gibt dem Tisch die nötige Form. Die rechtwinkligen Abschlüsse am Ende der vier Füsse sind charakteristisch. Sie tragen dazu bei, dass der Tisch keck wirkt. Das Untergestell hat etwas Abstraktes. Es ist als ob sich der Tisch ein bisschen vom klassischen Bild des Massivholztisches lösen würde. Jörg Boner hat beim Entwurf an einen Massivholztisch gedacht, ihn aber vom Bild her abstrahiert und «entmaterialisiert».
Eleganz war ein grosses Thema. Trotzdem ist er standfest: Er soll unaufgeregt und selbstverständlich wirken. Dennoch ist das Untergestell ein starkes und charakteristisches Merkmal des Tisches. Es sind Versuch und Behauptung in einem, den Tisch so zu zeichnen, dass er zeitgenössisch ist. Es soll ein Tisch von heute für lange sein. Massiv, aber präzise und schick. Und Jörg Boner schien es an der Zeit, die Beine wieder unter die Tischplatte zu holen …

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NACHGEFRAGT Beat Hübscher, Tossa, Steg im Tösstal: «Für breite Käuferschichten gedacht»

Beat Hübscher, Mitgründer und Mitinhaber von Tossa, Steg im Tösstal.

Was war der Anlass, um einen Wettbewerb auszuschreiben?

Beat Hübscher: Wir wollten ein neues Tischmodell in die Kollektion aufnehmen. Wir haben uns entschieden, die Zusammenarbeit mit einem Schweizer Designer zu suchen. Der eingeladene Wettbewerb war für uns der richtige Weg, den geeigneten Entwurf zu finden.

Wieso hat man sich für einen Tisch und nicht für ein anderes Produkt entschieden?

Hübscher: In den letzten Jahren haben wir die Kollektion in die Breite entwickelt. Es kamen Sessel, Regale, Sideboards dazu. Nun wollten wir die Kollektion wieder durch ein Tischmodell ergänzen.

Nach welchen Kriterien haben die Jury-Mitglieder die Entwürfe ausgesucht bzw. beurteilt?

Hübscher: Unser Wunsch war es, dass der neue Tisch Merkmale aufweist, die die erfolgreichen Tische der Tossa-Kollektion nicht hat. Der Tisch sollte aktuelle Trends aufnehmen und in seiner Designsprache als Produkt unseres Hauses erkennbar sein. Das neue Modell ist für möglichst breite Käuferschichten gedacht und vielseitig einsetzbar.

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www.tossa.ch