Die IT-Ausstattung der Detailhändler spielt eine immer grössere Rolle. Anton Scherrer, ehemaliger CEO der Migros, mutmasste bereits vor zwei Jahren, dass sich der Wettbewerb im Detailhandel künftig im Informatikbereich entscheiden wird. Deshalb haben die Schweizer Detaillisten ihre IT-Ausstattung in den vergangenen Jahren massiv aufgerüstet – auch im Hinblick auf die ausländische Konkurrenz. «Von der IT her gesehen sind die traditionellen Anbieter wie Migros und Coop gegenüber dem europäischen Umland sehr gut aufgestellt», sagt Thomas Schoder vom Forschungsinstitut BAK Basel Economics. Anbieter wie Aldi, die zurzeit auf den Markt drängen, werden sich nach Schoder in diesem
Bereich noch anpassen müssen.

Schweiz überflügelt Ausland

Die IT ist ein Hauptgrund dafür, dass der Schweizer Detailhandel sein Wachstumsdefizit aufgeholt hat und in den vergangenen Jahren gar den europäischen Durchschnitt überflügelt. Mit einem rea-len jährlichen Wertschöpfungs-zuwachs von 1,1% ist das Wachstum höher als in Deutschland und Frankreich, wie eine aktuelle Untersuchung von BAK Basel Economics zeigt. Nach Mitautor Thomas Schoder lässt sich zwar nicht mit konkreten Zahlen belegen, dass die IT der entscheidende Faktor für den Produktivitätsschub war. Wenn jedoch die anderen messbaren Faktoren abgezogen würden, sei es offensichtlich, dass sich die Produktivität dank den IT-Investitionen gesteigert hat. Zum Wachstum beigetragen haben beispielsweise Systeme, welche die Bestandesübersicht im Lager zentralisieren und so die Reaktionsfähigkeit erhöhen. Auch der automatisierte Datenaustausch mit Lieferanten oder die erweiterten Prozessanalysen wirken umsatzsteigernd.
Dass die Informationstechnologie im Wettbewerb unter den Detailhändlern entscheidend sein wird, ist auch für Thomas Schoder denkbar. Wer dank IT produktiver sei, könne die Marktanteile zu seinen Gunsten verschieben. Dabei werde auch eine interessante Gestaltung für den Kunden immer wichtiger. Dazu gehören laut Schoder Projekte wie das Self-Scanning von Coop. Solche Investitionen mögen zwar nicht von Beginn weg umsatzfördernd sein, meint er. Sie könnten sich jedoch langfristig lohnen, wenn der Kunde den Nutzen für sich entdecke.
August Harder, CIO der Coop-Gruppe, bestätigt, dass der direkte Kundennutzen solcher IT-Innovationen im Vordergrund stehe. Dabei profitiert aber auch das Unternehmensimage. Harder: «Innovationen sollen zur positiven Imagebildung beitragen.»

«Ohne IT läuft gar nichts mehr»

Im Vergleich zu den bereits getätigten und noch anstehenden Technologieschritten im Detailhandel ist das Self-Scanning jedoch nur ein kleiner Teil.
Migros-Sprecher Urs Peter Naef erklärt, heute würden sämtliche Abläufe vom Einkauf bis hin zum Verkauf von der IT gesteuert. «Ohne IT läuft heute gar nichts mehr», bilanziert Naef. Damit das Geschäft funktioniere, müssten all diese Bereiche zusammenspielen. In der Vereinheitlichung der verschiedenen IT-Systeme sieht denn Schoder vom BAK eine der grössten Herausforderungen. Auch hier sind die traditionellen Detailhändler auf gutem Wege. Migros will noch in diesem Jahr die unternehmensweite Vereinheitlichung ihrer IT-Systeme abschliessen. Auch bei Coop sei die Informationstechnologie über alle Absatzkanäle hinweg stark standardisiert, gibt August Harder Auskunft. Die grössten Einsparpotenziale sieht er im Bereich der Stamm- und Abverkaufsdaten, beim Scanning, im Warenfluss und der Personaleinsatzplanung.
Bei ausgewählten Verkaufsstellen von Coop und Manor können Kunden die gewünschte Ware neuerdings mit Hilfe eines Handscanners selber einscannen und anschliessend direkt einpacken. Damit will Coop die Wartezeiten für die Kunden an der Kasse deutlich verringern, denn das Entleeren des Einkaufskorbes und das anschliessende Einpacken entfallen.

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Passabene, wie das Projekt bei Coop heisst, mache vor allem bei Grosseinkäufen Sinn, sagt August Harder, CIO der Coop-Gruppe. Der Kundenfranken, also der Umsatz eines Kunden pro Einkauf, sei bei Passabene deutlich höher. Das Projekt sei gestartet worden, um Kunden mehr Convenience zu bieten, so Harder. In den Pilotverkaufsstellen stellt Coop aber keine substanzielle Umsatzsteigerung fest. Eine Abgrenzung des Umsatzzuwachses sei aber schwierig, da Coop allgemein zulege. Konkrete Zahlen zu den Anschaffungskosten nennt Harder nicht. Laut dem «St. Galler Tagblatt» beläuft sich ein Scanning-System auf rund 80000 Fr. für eine kleine Filiale.
Stark kritisiert wurde Passabene vom «Beobachter». Kunden würden in den allgemeinen Geschäftsbedingungen verpflichtet, auch für Waren zu zahlen, die sie gar nicht im Korb haben – beispielsweise wenn vergessen wurde, die zurückgelegte Ware aus dem Scanner zu löschen. Beanstandet wird auch, dass die Benutzer in Sicherheitsstufen eingestuft werden. Kunden, die viele Korrekturen aufwiesen, weil sie sich am Regal häufig umentscheiden, würden so vermehrt kontrolliert. Für Migros ist nach Mediensprecher Urs Peter Naef das Self-Scanning noch kein Thema. Denn heute böten solche Systeme noch keinen direkten Nutzen für die Kunden.