Einen wahren Senkrechtstart als Anbieter von Einkaufs-infrastrukturen haben die Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) hingelegt. Auf den 1. Januar 2003 war das Shopping-Konzept Railcity lanciert und dann mit einem umfassenden Umbau am Bahnhof Bern erstmals umgesetzt worden. Es folgten weitere Railcity-Standorte in Winterthur, Genf, Lausanne, Basel, Luzern und Zürich. Die sieben grössten Schweizer Bahnhöfe haben sich seither zu frequentierten Einkaufszentren entwickelt. Das belegt ihr Gesamtumsatz, der zwischen 2003 und 2007 um nicht weniger als 36% auf 981,7 Mio Fr. gewachsen ist.

Für Markus Streckeisen, CEO des Geschäftsbereichs SBB Immobilien und Chef der sieben Railcity-Standorte, basiert der Erfolg unter anderem auf den ausgedehnten Ladenöffnungszeiten an sieben Tagen pro Woche. Ebenso wichtig sei ein Mietermix, der konsequent auf die täglichen Bedürfnisse der Reisenden hin optimiert sei. «Und der Fahrplanausbau bringt zudem höhere Personenfrequenzen in die Bahnhöfe», nennt Streckeisen einen dritten Grund.

Erfolg ruft nach Ausbau

Die Gleichung «Mehr Verkehr = mehr Shopping-Umsatz» stimmt auch für die Schweizer Flughäfen. Hier führt der Flughafen Zürich das Wachstum an, der im letzten Jahr seinen Umsatz im Nichtflug-geschäft zum ersten Mal auf über 300 Mio Fr. gesteigert hat. Neben höheren Besucherfrequenzen in den Flughafenläden ist auch die Ausgabefreudigkeit der Kunden gestiegen. «Der durchschnittliche Shopping-Umsatz pro abfliegenden Passagier ist in den ersten fünf Monaten 2008 gegenüber der Vorjahresperiode um 2,9% auf 44 Fr. gewachsen», sagt Thomas Kern, CEO der Flughafenbetreiberin Unique. Der Flughafen Zürich hat auch aufgrund seiner internationalen Atmosphäre für viele Kunden inzwischen Kultstatus erlangt.

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Die Erfolge bestärken die öffentlichen Verkehrsknotenpunkte, ihr Shopping-Angebot laufend auszubauen. Die SBB wollen mit Zug und St. Gallen demnächst zwei weitere Bahnhöfe zu Railcity-Standorten aufwerten. Weitere folgen. Vom wachsenden Bedürfnis, Mobilität mit Shopping zu verknüpfen, sollen auch kleinere Bahnhöfe profitieren. Bis 2010 ist laut Streckeisen eine Aufwertung des Einkaufsangebots auch an mittelgrossen «Mehr Bahnhof»-Standorten vorgesehen.Auf ambitioniertes Wachstum setzt auch der Flughafen Zürich im Nichtfluggeschäft, welches im vergangenen Jahr 38% vom Gesamtumsatz von 803 Mio Fr. erwirtschaftete. Im April dieses Jahres wurden 13 neue Ladenlokale eröffnet – mit Erfolg: Von Januar bis Mai 2008 ist der Shopping-Umsatz erneut um 10% gestiegen. CEO Thomas Kern erwartet für das Gesamtjahr eine Steigerung in diesem Rahmen.

Grosse reagieren

Dass die Shopping-Umsätze an Bahnhöfen und Flughäfen überproportional wachsen, ist auch den grossen Detailhändlern Migros und Coop nicht verborgen geblieben. «Wir spüren von beiden Anbietern ein grosses Interesse, ihre Präsenz an den Bahnhöfen auszubauen», betont Railcity-Chef Markus Streckeisen. Kein Wunder, hat doch zum Beispiel Coop 2007 mit der Filiale am Bahnhof Luzern ein Umsatzplus erzielt, das gemäss Sprecherin Susanne Erdös ganz deutlich über dem durchschnittlichen Gruppenwachstum von 7,1% liegt. Auch an den Flughäfen ist Coop interessiert und wird in Zürich in diesem Sommer eine neue Coop-Pronto-Filiale eröffnen.

Bereits mit einer Filiale am Airport Zürich präsent ist Migros und wächst dort, wie auch an den meisten Bahnhöfen, überdurchschnittlich. «Die Filiale am SBB- Bahnhof ist eine der am besten laufenden in der ganzen Stadt», sagt etwa Priska Thomas von der Migros-Genossenschaft Basel. Bis vor zwei Jahren unterhielt Migros sogar eine strategische Partnerschaft mit den SBB und genoss bei der Vergabe von Räumlichkeiten ein Vorzugsrecht. «Die Kooperation wurde von uns bewusst wieder beendet», sagt Streckeisen. Grund: Die Nachfrage nach SBB-Ladenlokalen ist riesig. «Den Zuschlag erhält der Meistbietende.»

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