Der riesige Luft- und Raumfahrtkonzern EADS rührt kräftig die Werbetrommel: Er will die Zusammenarbeit mit der vergleichsweise kleinen Ruag kräftig ausbauen. Und zwar «strategisch, industriell und technologisch». Aufträge im Wert von bis zu 1,5 Mrd Fr. winken den Schweizern. Eine entsprechende Absichtserklärung unterzeichnen die beiden Unternehmen an diesem Mittwoch an der internationalen Luftfahrtmesse in Berlin.

Ein cleverer Schachzug der Deutsch-Franzosen. Der Technologiekonzern Ruag gehört zu 100% dem Bund - und der wird in den nächsten Wochen über die Beschaffung neuer Kampfjets entscheiden. Derzeit erstellt das Verteidigungsdepartement einen entsprechen-den Bericht zu den Offerten der drei Kampfjet-Hersteller Dassault («Rafale»), Saab («Gripen») und EADS («Eurofighter»). Das Dokument, intern Aussprachepapier genannt, wird an die verschiedenen Departemente versandt für Stellungnahmen der übrigen Bundesräte. Danach - wohl im August - entscheidet die Regierung, ob die neuen Kampfjets beschafft werden oder nicht. Und falls ja, welche und wie viele.

Neben EADS haben auch Saab und Dassault Absichtserklärungen mit Ruag unterzeichnet, die ähnlich hohe Auftragsvolumina umfassen. EADS ist nun aber vorgeprescht und verspricht der Schweizer Industrie ingesamt mögliche Aufträge von bis zu 8 Mrd Fr. - bisher die mit Abstanz höchste Zahl.

VBS-intern wird bezweifelt, dass dies den Bundesrat positiv beeinflussen wird. Die medienwirksam inszenierte Unterzeichnung in Berlin mit Ruag zeuge eher von Verzweiflung, heisst es. Auch andere Hersteller bemühten sich bereits um die Journalisten: Saab lud unlängst zu einer Pressereise ein.

EADS kämpft derzeit, wie alle Hersteller, mit schwindenden Auftragszahlen. Viele Staaten müssen sparen, gerade in Europa, und schieben Investitionen auf, etwa Griechenland. Dafür bemühen sich die Deutsch-Franzosen von EADS um Kunden in Übersee: In Oman, Indien und Japan laufen derzeit Verkaufskampagnen.

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Ruag würde noch internationaler

EADS ist kein neuer Kunde für die Ruag. Im vergangenen Jahr erzielten die Schweizer mit dem Grosskonzern 170 Mio Fr. oder 10% des Gesamtumsatzes. Das Eurofighter-Paket bedeute für Ruag einen zusätzlichem Umsatz von mehr als 500 Mio Fr., verteilt auf zehn Jahre, erklärt der Schwei- zer EADS-Kampagnenleiter Welf-Werner Degel.

Ruag könnte dabei nicht nur die von der Schweiz beschafften Jets warten. Denkbar ist Degel zufolge auch, dass Ruag die «Eurofighter» anderer Armeen unterhalte. Heute wird der Jet von Deutschland, Spanien, Italien, Grossbritannien, Österreich und Saudi-Arabien geflogen. Dass Ruag Kampfflugzeuge im Ausland wartet, wäre nicht neu. Bereits heute unterhält der Konzern die Triebwerke von «Tiger»-Jets von zwölf Armeen. Zusätzlich zum «Eurofighter»-Paket kämen weitere Aufträge hinzu, in der Höhe von bis zu 1 Mrd Fr. und aus anderen Bereichen, etwa den Airbus-und Raumfahrt-Programmen.

Wenn der EADS-Kampfjet «Eurofighter» nicht beschafft wird, lassen die Deutsch-Franzosen ihre Lieferantin Ruag zwar nicht fallen. «Aber natürlich würden die Chancen auf das «Eurofighter»-Paket markant sinken», sagt EADS-Kampagnenleiter Degel.

NACHGEFRAGT
«Der 'Eurofighter' hat die dicksten Auftragsbücher»

Lukas Braunschweiler ist CEO des Technologiekonzerns Ruag.

Drei Hersteller wollen der Schweiz neue Kampfjets verkaufen. Die Ruag hat mit allen drei Anbietern - Dassault, EADS und Saab - Vorverträge abgeschlossen, die Kompensationsgeschäfte berücksichtigen. Welches der drei Programme wäre Ihnen am liebsten?

Lukas Braunschweiler: Ganz ehrlich: Wir haben keine Präferenz. Alle drei Hersteller erfüllen unsere Grundbedürfnisse - Wartung, Reparatur, Überholung und Endmontage sowie Kompensationsgeschäfte. Das haben wir auch dem Beschaffungsbüro des Verteidigungsministeriums, Armasuisse, so kommuniziert.

Welcher Kampfjet hat auf dem Weltmarkt das grösste Potenzial?

Braunschweiler: Die internationalste und grösste Basis hat schon der «Eurofighter». Und er hat auch die dicksten Auftragsbücher: EADS muss noch deutlich über 400 Jets produzieren, mehr als 220 Stück wurden bisher ausgeliefert. Der «Rafale» von Dassault wurde bisher nur von Frankreich geflogen. Der «Gripen» von Saab wird in Schweden sowie in ein, zwei anderen Ländern verwendet.

Ist EADS doch der attraktivste Partner für Sie?

Braunschweiler: Das ist nicht so leicht zu beantworten. Alle drei Hersteller haben für uns grosse Potenziale, aber auf jeweils ganz andere Art. Ich könnte auch sagen: Mit EADS ist die Zusammenarbeit schon so weit gediehen, dass eine weitere Vertiefung nicht mehr so grosse Entwicklungsmöglichkeiten hat.

Was passiert, wenn der Bundesrat das Geschäft sistiert?

Braunschweiler: Für uns ist es wichtig, dass die Luftwaffe modern bleibt. Wenn das Programm gestoppt wird, kann Ruag garantieren, dass der F-5 noch für fünf bis zehn Jahre gut im Schuss bleibt. Beim F/A-18 sind noch bis zu 25 Jahre drin. Doch eines ist sicher: Es braucht eine Modernisierung der Schweizer Luftwaffe, damit wir den Technologiezugang aufrechterhalten können.