Selbst mit mehr als 9 Millionen verkauften Autos im Rücken traut sich VW vorerst keine neuen Rekordprognosen zu. Zwar hat Europas Nummer eins das vergangene Jahr mit einer beachtlichen Bestmarke abgeschlossen - rekordverdächtige Absatzziele für 2013 liess sich Konzernchef Martin Winterkorn gestern in Detroit vor dem Beginn der nordamerikanischen Automesse aber nicht entlocken. «Vor uns liegen grosse Herausforderungen», sagte er. Die sieht auch der Oberklasse-Hersteller Daimler, für den die USA mittlerweile der wichtigste Markt geworden sind.

Mit 9,07 Millionen ausgelieferten Autos hatte VW 2012 ein Plus von 11,2 Prozent hingelegt und erstmals die Marke von 9 Millionen geknackt. Den grossen US-Rivalen General Motors , 2011 noch die Nummer eins der Branche, dürften die Wolfsburger aber noch nicht überholt haben. Dem Konzern aus Detroit trauen Experten 2012 rund 9,2 Millionen verkaufte Autos zu. GM selber hat noch keine Zahlen veröffentlicht. Grösster Hersteller nach Absatzzahlen wird mit rund 9,7 Millionen Wagen Toyota sein. VW will spätestens 2018 die Spitze übernehmen.

Gefahr in Europa

Aber auf dem Weg dorthin sieht Winterkorn vor allem Gefahren auf den angeschlagenen europäischen Märkten lauern. Hier schrumpfte der Absatz 2012 vermutlich um rund 8 Prozent, in den Werken herrscht zum Teil Leerlauf, der für die Hersteller teuer wird. «Man spricht von 3 Millionen Autos», sagte Winterkorn zum Volumen der Überkapazitäten und konnte nur vage Entwarnung für die VW-Produktion geben: «Wir werden versuchen, die Fabriken auszulasten. Wir sind nicht unzuversichtlich.» Präziser wolle er erst bei der Jahresbilanz im März werden. Der VW-Absatz war in Europa 2012 mit 3,67 Millionen Autos etwa konstant geblieben.

Anzeige

In den USA hatte der Konzern mit mehr als 596.000 ausgelieferten Autos indes den Uralt-Rekord von 1970 geknackt und zu 2011 um 34 Prozent zugelegt. Damals sorgte noch der Käfer für reissenden Absatz. Heute heissen die Verkaufsschlager Jetta und Passat. Für letzteren legten die Wolfsburger eine eigene US-Version auf. Und in den Vereinigten Staaten soll es weiter bergauf gehen. Dieses Jahr rechnet Winterkorn mit mehr als 600 000 Autos. Als wichtigsten Einzelmarkt hat China die USA aber schon lange abgelöst. Hier legte der Konzern 2012 um knapp ein Viertel auf 2,81 Millionen Autos zu.

Daimler-Chef setzt auf Amerika

Im Gegensatz dazu hängt für Daimler-Chef Dieter Zetsche die Zukunft seines Konzerns stärker denn je vom Erfolg in den USA ab. Dort habe das Unternehmen vergangenes Jahr mit 305 000 verkauften Mercedes-Pkw, Sprinter-Kleinlastern und dem Kleinstwagenmodell Smart nicht nur ein Plus von 15,4 Prozent eingefahren, sondern auch den Heimatmarkt Deutschland als einstigen Absatzbringer Nummer eins abgelöst. «Damit ist Amerika jetzt der wichtigste Markt», sagte Zetsche.

Angesichts der Krise in Europa wachse die Bedeutung des US-Geschäftes weiter. «Zum Glück konnte ich immer, wenn ich schlechte Nachrichten aus der alten Welt gehört habe, Steve Cannon (Daimler US-Chef) anrufen, um unsere US-Verkaufszahlen zu bekommen», sagte Zetsche rückblickend. Er rechnet auch im laufenden Jahr mit einer Stagnation in Europa. Weltweit werde der Automarkt 2013 nur moderat zulegen.

In den USA setzte Daimler 2012 rund 274'000 Pkw der Kernmarke Mercedes ab, deren Kennzahlen über Wohl und Wehe des ganzen Konzerns entscheiden. Daheim in Deutschland hatte Daimler dagegen 2012 beim Pkw-Absatz ein kleines Minus (-0,4 Prozent) eingefahren, was die Verkaufszahlen auf rund 261'000 drückte. Auch in ganz Europa, der klar grössten Absatzregion der Schwaben, kam Daimler - ähnlich wie die Konkurrenz - mit nur 0,6 Prozent Plus nicht recht vom Fleck.

Daimler will bis 2020 Nummer eins sein

Daher ist die US-Automesse für Zetsche wie eine Insel der Glückseligkeit, läuft es dort derzeit doch ausgesprochen gut. Der weltweite Zuwachs von 4,7 Prozent auf 1,32 Millionen Mercedes-Pkw wäre ohne das dicke Plus in den Staaten nicht geglückt. Umso wichtiger ist der US-Markt mit seinen positiven Aussichten für Daimlers Ziel, den Abstand zu den Premiumwettbewerbern BMW und Audi endlich zu verringern und spätestens bis 2020 wieder die Nummer eins unter den Luxusautobauern zu sein.

Die VW-Tochter Audi hatte 2012 mit 1,46 Millionen Autos eine neue Bestmarke aufgestellt. Und auch die Sportwagenschmiede Porsche , erst im Sommer komplett unter das VW-Dach geschlüpft, konnte am Sonntag Rekorde präsentieren: Weltweit mehr als 141'000 Auslieferungen bedeuteten ein Plus von 18,7 Prozent im Vergleich zu 2011 - und noch nicht das Ende der Fahnenstange: «Wir sind gut gewappnet, Porsche erfolgreich durch das Jahr 2013 zu führen», sagte Porsche-Chef Matthias Müller.

(jev/chb/awp)