Syrischer Bürgerkrieg, ägyptischer Kulturkampf, Fussball-Weltmeisterschaft 2022, Kultursponsoring und Investmentprojekte, internationales Nachrichtengeschäft und nun Deutsche Bank: Katar, der Zwergstaat am Persischen Golf, halb so gross wie Hessen, mischt mit, wenn es um Geld und Macht geht. Sein aus Petrodollars gespeister unermesslicher Reichtum erlaubt immer deutlichere weltpolitische und weltwirtschaftliche Akzente. Die Expansion trägt die Handschrift der Königsfamilie al-Thani und ihr Gesicht ist Scheich Hamad bin Dschassim bin Dschaber al-Thani, der neue Grossaktionär der Deutschen Bank.

Diesen spektakulären und milliardenschweren Einstieg tätigt er offiziell als Privatperson und Vorsitzender seines Investmentfonds Paramount Services Holdings. Aber der zweitreichste Mann des Emirates ist auch Repräsentant der mächtigen Herrscherfamilie und ihres rund 200 Milliarden Dollar schweren Staatsfonds.

Publikumswirksame Prestigeobjekte

Aus dieser Schatulle werden all die Milliardeninvestitionen in börsennotierte Blue Chips, also grosse wertvolle Konzerne, bezahlt und im Rahmen einer strategischen Diversifizierung Anteile an Konzernen und Weltmarktführern gekauft: VW, Barclays, Crédit Suisse, Siemens. Den französischen Fussballclub St. Germain, den US-Juwelier Tiffany & Co oder das Londoner Luxus-Kaufhaus Harrods leistete man sich als publikumswirksame Prestigeobjekte.

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Hamad bin Dschassim bin Dschaber al-Thani ist ein in Macht- und Politikfragen erfahrener Routinier. Der 55-Jährige war als Mitglied der königlichen Familie sowohl Regierungschef als auch Aussenminister des reichen Kleinstaates. Die Familie hat Hamad bin Dschassim nicht vergessen, dass er 1995 eine tragende Rolle am Hofe spielte, als sein Cousin Scheich Hamad Bin Khalifa al-Thani den eigenen Vater vom Thron stiess und sich selbst zum Emir krönen liess.

Der neue Herrscher dankte es seinem Cousin mit hohen Ämtern im Kabinett. Als der schwer kranke Emir sein Amt im Juni des vergangenen Jahres in einem für die autokratischen Golfmonarchien spektakulären Akt an seinen Sohn Tamim abgab, sollte Hamad bin Dschassim zwar dem Kabinett nicht mehr angehören, doch im finanzpolitischen innersten Zirkel ist er auch weiterhin tonangebend.

So weit, so unverdächtig. Wenn aber das Gespräch auf die machtpolitischen Ambitionen und die religiösen Präferenzen der katarischen Herrscherfamilie kommt, wird es unangenehm. Der Emir ist Oberkommandierender der Streitkräfte und als solcher massgeblich beteiligt an der Unterstützung der Aufständischen in Syrien – nicht nur mit Geld, sondern auch mit Waffen. Katar macht da allerdings kaum noch einen Unterschied: Egal ob Freie Syrische Armee oder Salafisten, Hauptsache sie kämpfen gegen das Regime des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad.

Der Muslimbruderschaft nahestehend

Tamim selbst ist kein Islamist, aber er gilt als sehr fromm und soll ideologisch der Muslimbruderschaft nahestehen. Er ist aber auch kein Demokrat. Und wenn Katar die Widerstandsbewegungen in Libyen, Ägypten, Tunesien und Syrien unterstützt hat beziehungsweise unterstützt, dann wohl eher in der Hoffnung, dass islamkonforme Systeme die verhassten so genannten arabischen Republiken ablösen mögen. Es ist wohl auch kein Zufall, dass die radikalislamischen Taliban ausgerechnet in Katar ihr «Verbindungsbüro«, eine Art Botschaft, betreiben.

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Das mediale Mittel, diesen ideologischen Kampf für sich zu entscheiden, ist der landeseigene arabische Nachrichtensender al-Dschasira, dessen ehemals guter Ruf für eine professionelle und neutrale Arbeit inzwischen wegen zensorischer Eingriffe vor allem in der Ägypten-Berichterstattung gelitten hat.

Katar schwingt sich auf zur Regionalmacht. Ägypten ist mit sich selbst beschäftigt, Irak und Syrien fallen wegen ihrer Bürgerkriege weiterhin aus, Saudi-Arabien fehlt die Kraft und der Wille zu wirklich grundlegenden Reformen. Das Emirat Katar dagegen ist finanzkräftig und logistisch stark genug aufgestellt, die Meinungsführerschaft im Nahen und Mittleren Osten zu übernehmen.

Doch eine islamistische Orientierung, die mögliche Finanzierung von islamextremistischen Killerkommandos und der offen demokratiefeindlichen Muslimbruderschaft könnten zum Problem für Katars Finanzpartner werden. Hamad bin Dschassim bin Dschaber al-Thani, der neue Ankerinvestor bei der Deutschen Bank, ist nicht automatisch über alle Zweifel erhaben, denn er ist Teil des Systems. Und sein Aktienpaket ist gross genug, dass er versucht sein könnte, Einfluss zu nehmen.

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Dieser Artikel ist zuerst in unserer Schwester-Publikation «Die Welt» erschienen.