Am Tag nach dem grossen Knall verzieht sich der Nebel über den Doppeltürmen der Deutschen Bank in Frankfurt. Der neue Chef John Cryan machte deutlich, wo die Reise für die «neue» Deutsche Bank mit ihrer «Strategie 2020» hingeht, die Ende Oktober in allen Details präsentiert werden soll.

Deutschlands grösstes Geldhaus will sich künftig weniger mit sich selbst beschäftigen, sondern mehr mit den Kunden. Die Konzernsparten sind wieder im Vorstand vertreten, und der Fokus verschiebt sich auf das Geschäft mit Unternehmen und vermögenden Privatleuten. Die Bank kann und will es sich nicht mehr leisten, alles für jeden zu sein.

Dritter Umbau in zwölf Monaten

Der Vorstandsumbau ist zwar schon der dritte binnen zwölf Monaten und bringt kurzfristig erneut Unruhe ins Haus. Aber bei den Investoren kommt das Grossreinemachen von Cryan, der erst seit Juli im Amt ist, gut an: Mit einem Plus von über drei Prozent auf 26,87 Euro war die seit Monaten dahin dümpelnde Deutsche-Bank-Aktie am Montag grösster Dax-Gewinner.

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Cryan scheine tatsächlich keinen Stein auf dem anderen zu lassen, schrieb LBBW-Analyst Ingo Frommen in einem Kurzkommentar. «Der Konzern erhält den Zuschnitt einer Gross-Unternehmenskundenbank wie ihn auch andere Wettbewerber haben.» Die deutsche Bundesregierung wollte die Personal-Rochade nicht weiter kommentieren. Unions-Fraktionsvize Ralph Brinkhaus sagte der Nachrichtenagentur Reuters: «Für uns ist wichtig, dass wir mit der Deutschen Bank weiterhin einen Global Player am Finanzstandort Deutschland haben.»

Für Portfoliomanager Ingo Speich von der Fondsgesellschaft Union Investment, einem der grösseren Aktionäre der Bank, ist etwas anderes wichtig: «Dass jetzt unbelastete Köpfe ans Ruder kommen, ist von zentraler Bedeutung, um verlorenes Vertrauen zurückzugewinnen. Der personelle Neuanfang ist damit erfolgt, jetzt muss die Bank inhaltlich liefern.»

Countdown läuft

Das dürfte am 29. Oktober passieren, wenn Cryan die von Jain geerbte neue Konzernstrategie vorstellt, die abermals mit einem milliardenschweren Sparprogramm einhergehen wird. Der Verkauf der auf das Massengeschäft ausgerichteten Postbank und die Verschlankung des verbleibenden Privatkundengeschäfts sind bereits seit dem Frühjahr beschlossen.

Seit diesem Wochenende ist auch klar, dass in den «blauen» Deutsche-Bank-Filialen künftig nicht nur Girokonten und einfache Sparprodukte an den Mann gebracht werden, sondern dass es eine enge Verzahnung zur Betreuung der besonders betuchten Klientel geben soll: Dieser Bereich wandert mit rund 350 Milliarden Euro an Kundengeldern von der Vermögensverwaltung zum Privatkundengeschäft. Der dafür zuständige Vorstand Christian Sewing, der erst seit Jahresbeginn im Führungsgremium sitzt, wird damit gestärkt.

UBS als Vorbild

Die verbleibende Vermögensverwaltung soll sich um institutionelle Anleger und das Fondsgeschäft kümmern - und bekommt dafür einen Experten vom Branchenführer Blackrock an die Spitze gesetzt, der in Vorstandsfunktion für noch mehr Schwung sorgen soll: Quintin Price. Vorbild ist die Schweizer Grossbank UBS, nicht mehr der integrierte Ansatz der US-Rivalin JP Morgan.

Auch die Aufspaltung der Investmentbank in zwei Bereiche steht für eine stärkere Kundenfokussierung, wie Analysten hervorheben: In einer Einheit wird unter der Leitung von Jeff Urwin das Geschäft mit der Unternehmensfinanzierung, dem Zahlungsverkehr und der internationalen Handelsfinanzierung gebündelt, in der anderen unter Führung von Garth Richie das Handelsgeschäft.

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Es bindet besonders viel Kapital. Branchenkenner erwarten deshalb, dass Cryan hier den Rotstift ansetzen wird. Die Einrichtung einer eigenen Sparte erhöht die Transparenz. Hier können die Investoren künftig sehr genau sehen, wieviel Rendite das von Jain lange Zeit verschonte Geschäft tatsächlich abwirft.

Verlierer der Neuausrichtung sind die bisherigen Chefs der Vermögensverwaltung und des Investmentbankings, Michele Faissola und Colin Fan, die bislang dem erweiterten Vorstand angehörten und beide abtreten.

Auch der langjährige Finanzchef Stefan Krause, zuletzt verantwortlich für die Trennung von der Postbank, ist nicht mehr dabei. Der bislang für das operative Geschäft zuständige Henry Ritchotte verliert seinen Vorstandsrang und soll für den Konzern in anderer Funktion eine neue Digitalbank aufbauen. Personalvorstand Stephan Leithner wechselt zum Finanzinvestor EQT.

(sda/chb)