Bei der Deutschen Bank geht unter dem neuen Chef John Cryan das Grossreinemachen los. Mit herben Abschreibungen auf die Postbank und das Investmentbanking setzt der Brite ein Signal, dass er es ernst meint mit dem radikalen Umbau des grössten deutschen Geldhauses. Ergebnis ist ein Quartalsverlust von sechs Milliarden Euro, der höher ausfällt als in der Finanzkrise.

Die Anleger nahmen Cryans Botschaft am Donnerstag gefasst auf. Denn die Ankündigung, die Dividende für dieses Jahr zu kürzen oder ganz zu streichen und auch bei den Boni Abstriche zu machen, wird als Zeichen gesehen, dass Cryan eine neue milliardenschwere Kapitalerhöhung vermeiden will - offenbar im Gegensatz zur Schweizer Credit Suisse. Die Deutsche-Bank-Aktie grenzte ihre hohen Verluste im Tagesverlauf ein, war im späten Handel aber trotzdem grösster Dax-Verlierer.

Signal an die Investmentbanker

«Die Bank hat mit ihrer Ankündigung ein Stück Unsicherheit am Kapitalmarkt beseitigt», sagte Fondsmanager Ingo Speich von Union Investment. Die geplante Dividendenkürzung sei auch ein Signal an die Investmentbanker, die im Herbst wieder um ihre Boni feilschen: «Wenn es Einschnitte für die Aktionäre gibt, müssen sich auch die Mitarbeiter mit weniger zufriedengeben», sagte Speich.

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Vorstandschef Cryan warb bei der gut 98'000 Mitarbeiter starken Belegschaft um Verständnis für das grosse Aufräumen: «Mir ist klar, dass einige von Ihnen darüber sehr enttäuscht sein werden.» Doch die Aktionäre erwarteten zu Recht, dass auch die Mitarbeiter einen Teil der Belastung trügen.

Drei Wochen Ungewissheit

Drei Wochen lang müssen sie noch mit Unsicherheit leben, ob und wie es für sie bei der Deutschen Bank weitergeht. Denn die neue Strategie will der neue Vorstandschef erst am 29. Oktober präsentieren. Bereits eine Woche vorher, am 21. Oktober, will die Credit Suisse die Katze aus dem Sack lassen. Auch sie arbeitet unter einem neuen Chef an einer Neuaufstellung. Nach einem Bericht der «Financial Times» wird das Schweizer Geldhaus die Aktionäre abermals anzapfen, um die Kapitaldecke aufzupolstern und den teuren Konzernumbau zu finanzieren. Die Bank wollte sich zu den Informationen nicht äussern.

Bei der Deutschen Bank hatte Cryans Vorgänger Anshu Jain die Pläne bereits im April in Grundzügen vorgestellt, doch vielen Investoren waren sie nicht radikal genug. Der Brite Cryan will nun die aufgeblähte Bilanz stärker eindampfen. Bisher hatte er nur in Russland die Reissleine gezogen und den Ausstieg aus dem Investmentbanking verkündet, nachdem die Bank dort mit einem Fall von womöglich mehr als sechs Milliarden Euro schwerer Geldwäsche konfrontiert ist.

«Jetzt weht ein frischer Wind»

Seit 20 Jahren hatte die Deutsche Bank den Chefsessel stets aus den eigenen Reihen besetzt, der ehemalige UBS-Finanzvorstand Cryan kam als Erster von aussen. «Langjährige Vorstände tun sich häufig schwer, drastische Einschnitte vorzunehmen», sagte ein Investor, der zu den grössten zehn bei der Deutschen Bank gehört. «Jetzt weht ein frischer Wind. Man sieht Cryans Handschrift.»

Mit der mehr als drei Milliarden Euro schweren Abschreibung auf die 1999 gekaufte US-Investmentbank Bankers Trust beseitigt er lange nicht angetastete Altlasten. Der Zukauf hatte die Deutsche Bank damals in die Weltliga im Investmentbanking katapultiert. Jain und dessen Vorgänger Josef Ackermann hatten es stets vor Eingriffen geschützt, obwohl längst klar ist, dass die Renditen der Vergangenheit dort passé sind. Unter Cryan soll die Sparte mit deutlich weniger Kapital auskommen.

Köpfe müssen rollen

Im Privatkundengeschäft werden 200 von 700 «blauen» Filialen geschlossen und die vor fünf Jahren gekaufte Postbank an die Börse gebracht. Sie stand noch mit dem Kaufpreis von sechs Milliarden Euro in der Bilanz, Morgan Stanley hält 3,5 bis 4,5 Milliarden heute für realistischer. «Der Schritt zeigt, dass Cryan der richtige Mann für die Restrukturierung der Bank ist», sagt Fondsmanager Speich. Doch an ein brisantes Thema habe Cryan sich noch nicht herangetraut: «Im Top-Management gab es bisher nur sehr wenige Veränderungen. Ich erwarte, dass Personen ausgetauscht werden, die für die Fehler der Vergangenheit verantwortlich sind.»

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Die jetzt beschlossenen Firmenwertabschreibungen knabbern das Eigenkapital nicht an, wohl aber die 1,2 Milliarden Euro, die die Bank im dritten Quartal erneut für Rechtsstreitigkeiten zurückstellt. Insgesamt sind es in diesem Jahr bereits vier Milliarden - doch das ist lange nicht das Ende der Fahnenstange. Experten glauben, dass Cryan weitere drei Milliarden dafür braucht. Die Streichung der Dividende würde rund eine Milliarde Euro bringen. Die Analysten von Citi rechnen damit, dass die Bank 2016 trotzdem nicht an einer Kapitalerhöhung vorbeikommen wird. Ein Verkauf der 20-Prozent-Beteiligung an der chinesischen Hua Xia Bank würde drei Milliarden Euro in die Kasse spülen. Vorerst hat der Vorstand deren Wert erst einmal um rund 600 Millionen Euro nach unten korrigiert.

(reuters/dbe/chb)