Von den fast 100'000 Mitarbeitern der Deutschen Bank sollen in den nächsten Jahren Finanzkreisen zufolge noch maximal 75'000 übrig bleiben. Allein 15'000 Mitarbeiter sollen den Konzern mit dem Börsengang der Postbank verlassen, der für 2016 geplant ist. Zur Disposition stünden daneben viele der 20'000 Stellen, die die Bank in den vergangenen Jahren in Niedriglohnländern aufgebaut hat, sagten mehrere Insider der Nachrichtenagentur Reuters. Das habe Cryan auf der Aufsichtsratsklausur am Wochenende am Tegernsee klar gemacht. Beschlüsse gebe es noch nicht. Die Bank, die bereits grössere Umstrukturierungen hinter sich hat, will die Kosten mittelfristig um weitere 3,5 Milliarden Euro senken. Weitgehend zurückziehen will sie sich Insidern zufolge aus Russland, wo sie von einem Geldwäsche-Skandal erschüttert wird.

Auch interessant
 
 
 
 
 
 

Cryan hatte seine Pläne für den Umbau der Deutschen Bank zum ersten Mal mit dem Aufsichtsrat diskutiert. «Er hat etwas getan, was bei der Deutschen Bank ungewöhnlich ist: Er hat ganz offen die Wahrheit gesagt», sagte ein Teilnehmer der Tagung. Cryan habe dem Gremium gemeinsam mit dem seit drei Jahren amtierenden Co-Chef Jürgen Fitschen Rede und Antwort gestanden. Über die Probleme der Bank habe Cryan aber praktisch allein gesprochen. «Man hatte zum ersten Mal überhaupt das Gefühl, dass einer Klartext spricht.»

Einfache Strukturen, bessere IT

Der Brite setzt auf einfachere Strukturen und eine leistungsfähigere IT, die künftig einen grossen Teil der Arbeit der Billigkräfte übernehmen soll. Bei der Deutschen Bank sind nach Angaben des Unternehmens mehr als 40'000 Menschen mit Verwaltungstätigkeiten ohne Kundenkontakt beschäftigt. Auch in der Investmentbank solle der Verwaltungsapparat verschlankt und auf die Standorte Frankfurt, London und New York konzentriert werden.

Ein Sprecher der Deutschen Bank wollte sich nicht zu den Informationen nicht äussern. Cryan hat angekündigt, Details der Strategie im Herbst zu veröffentlichen. Insidern zufolge sind Entscheidungen auf der Aufsichtsratssitzung am 28. Oktober zu erwarten. «Cryan muss jetzt rasch liefern. Er wird an seinen Erfolgen gemessen», sagte der Tagungsteilnehmer. Der Brite, der zum 1. Juli Anshu Jain als Co-Vorstandschef von Deutschlands grösstem Geldhaus abgelöst hatte, sass vorher drei Jahre lang selbst im Aufsichtsrat. Er hatte bereits bei seinem Amtsantritt harte Einschnitte angekündigt und von "inakzeptabel hohen Kosten" gesprochen.

Kontrolle verloren

Auch in Russland will Cryan Insidern zufolge Konsequenzen ziehen. Dort wolle die Bank künftig keine Geschäfte mit zweifelhaften Kunden machen. Das bedeute, dass die Bank «sehr wahrscheinlich» 90 Prozent ihres Geschäfts in Russland und angrenzenden Staaten aufgeben werde. Das Transaction Banking - also unter anderem der Zahlungsverkehr - soll aufrecht erhalten werden. Hintergrund des Rückzugs ist der Verdacht, dass Kunden über die Deutsche Bank Rubel im Wert von mindestens sechs Milliarden Dollar gewaschen haben. «Die Bank glaubt Russland nicht mehr zu verstehen. Sie haben die Kontrolle verloren», sagte einer der Insider.

Cryan will nach Insider-Informationen den globalen Anspruch der Bank aufgeben und das Geschäft auf Europa, die USA und Asien beschränken. Der seit 2006 amtierende Russland-Chef Jörg Bongartz soll Kunden in Mittel- und Osteuropa künftig von Frankfurt aus betreuen. Er sei nach Deutschland abberufen worden, teilte die Bank mit. Das habe aber nichts mit dem Fall zu tun, sondern sei schon lange geplant gewesen.

(reuters/chb)