«Es ist keiner mehr da», sagt der Vorsitzende des Afrika-Vereins der deutschen Wirtschaft, Stefan Liebing, und meint: Die deutschen Firmen haben sich aus den Ebola-Regionen komplett zurückgezogen. Zuletzt seien etwa zehn Unternehmen mit Mitarbeiter vor Ort gewesen, die vor allem Infrastrukturprojekte vorbereitet hätten. In Ländern wie Senegal, dem Kongo und Nigeria, wo nur vereinzelt Ebola-Fälle aufgetreten sind, seien deutsche Unternehmen weiter aktiv.

Aber auch hier droht Verheerendes. Mit der Seuche kommt die Stigmatisierung einer ganzen Region, die zuletzt noch zunehmend in den Fokus von Investoren und Touristen geriet. Afrika könnte dies wirtschaftlich weit zurückwerfen. Jegliche Fortschritte drohen ins Hintertreffen zu geraten, obwohl die von Ebola hauptbetroffenen Staaten gerade mal ein Prozent der afrikanischen Wirtschaft ausmachen.

Etikett Ebola

«Hysterie und Panik sind weit ansteckender als die Seuche selbst», warnt der Ökonom Carlos Lopes aus Guinea-Bissau, der die Wirtschaftskommission der Vereinten Nationen für Afrika leitet. Wie Regierungen, Ökonomen und Politiker fürchtet er, dass Subsahara-Afrika das Etikett Ebola auf Dauer anhaften wird. Nach der Rückkehr eines Afrika-Reisenden, der vor wenigen Tagen in Dallas verstarb, forderten einige US-Politiker lautstark gar, ganz Afrika unter eine Art Quarantäne zu stellen.

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«Es gibt zwei Epidemien - die Krankheits-Epidemie und die Epidemie der Angst», sagt Mark Weinberger, Vorstandschef der Beratungsgesellschaft Ernst & Young, die die wachsende Attraktivität Afrikas für Investoren in den vergangenen Jahren aufmerksam verfolgt hat. Die teils irrationalen Ängste könnten Entscheidungen zu Investitionen erheblich verlangsamen.

Diese Befürchtungen teilt auch der Vorsitzende des Afrika-Vereins der deutschen Wirtschaft, Stefan Liebing. «Afrika war gerade dabei, ein bisschen zur Mode zu werden in der deutschen Wirtschaft», sagt Liebing. Die Hysterie sei tatsächlich ansteckender als Ebola selbst, führt Liebing weiter aus. «Bei einer Grippewelle in Moskau sagt auch niemand seine Wochenendreise nach Paris ab.»

Weltbank besorgt über Panikreaktionen

Die Weltbank warnte vor wenigen Tagen, dass sich in Liberia und Guinea das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts wohl halbieren werde und die drei Länder im Epizentrum der Seuche in die Rezession zu rutschen drohen. Die Weltbank-Ökonomen verweisen vor allem reflexartige Panikreaktionen, die sich in einem Vermeidungsverhalten äussern: Flüge und Urlaubsreisen werden storniert, Geschäftsreisen und Tagungen verschoben, Investitionsentscheidungen ad acta gelegt, Grenzen geschlossen, der Transport und Reiseverkehr unterbrochen.

Auch der Internationale Währungsfonds (IWF) geht in seinem Ausblick zur Weltwirtschaft davon aus, dass die weitere Ausbreitung der Seuche für Afrika «dramatische Konsequenzen» haben wird. An seiner eher positiven Prognose hält er aber fest. So prophezeit der IWF den Ländern südlich der Sahara für kommendes Jahr ein Wachstum von 5,8 Prozent - nach 5,1 Prozent in 2014.

Selbsterfüllende Prophezeiung

Weinberger hält von Schwarzmalerei. «Die Worst-Case-Szenarien können eintreten oder auch nicht.» Es bestehe aber die Gefahr, dass sie am Ende zu einer Art selbsterfüllender Prophezeiung würden.

Auch Nigerias Finanzministerin Ngozi Okonjo-Iweala ruft die Staaten dazu auf, eine eher breitere Sichtweise einzunehmen. Die Medienberichterstattung zu Ebola hält sie nach eigenen Worten für unfair, da ganz Westafrika und sogar der gesamte Kontinent über einen Kamm geschoren würden. Okonjo-Iweala mahnt daher, das Augenmerk weniger auf Horrorszenarien zu richten und stattdessen die Erfolge im Kampf gegen die Seuche in den Vordergrund zu rücken.

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Auch in Liberia und Sierra Leone sind die Menschen hin- und hergerissen: Einerseits begrüssen sie die zunehmende internationale Aufmerksamkeit, andererseits wehren sie sich über Berichte, die eine Art Weltuntergang für Afrika beschreiben. Irritiert verfolgen sie die hohe Aufregung über einzelne Ebola-Fälle in den USA und Spanien, die in keinem Vergleich zum tagtäglichen Grauen vor Ort stehen. Andere wiederum glauben, dass durch die Berichterstattung egal welcher Art der Fokus der Weltgemeinschaft auf den Kampf gegen die Seuche gerichtet bleibt. «Je länger die zögern, desto schlimmer ist es für die ganze Welt», bemerkt Richard Kemokai, ein Sozialarbeiter in Liberia.

(reuters/lur/ise)