Nach den Hiobsbotschaften der US-Autoindustrie senden nun auch Deutschlands Autobauer – neben den Japanern die führenden Hersteller weltweit – Warnsignale. Opel verkündete überraschend Produktionsstopps für die Werke in Eisenach und Bochum, Ford in Saarlouis entlässt rund 200 Zeitarbeiter vorzeitig, bei BMW in Leipzig werden Ende Oktober für vier Tage die Bänder still stehen, und bei Daimler in Sindelfingen werden die Weihnachtsferien früher beginnen als sonst. «Es ist unser generelles Ziel, die Fahrzeugbestände auf möglichst niedrigem Niveau zu halten», sagt ein Daimler-Sprecher. VW lässt seine Töchter Seat und Skoda weniger Fahrzeuge fertigen. Lediglich von Porsche und Audi hört man – noch – nichts dergleichen.

Schweizer Zulieferer betroffen

Das hat Auswirkungen auf die Zuliefererindustrie, auch in der Schweiz. Stark von der Automobilindustrie abhängige Zulieferer wie Georg Fischer, Rieter und Feintool, die nach dem Abrufprinzip mit vergleichsweise kurzen Lieferfristen arbeiten, registrieren bei ihren Bestellungseingängen einen sofortigen Rückgang, wenn bei einem Abnehmer die Bänder still stehen. Zwar haben die Schweizer Zulieferer ihre Kundenbasis in den vergangenen Jahren stark diversifiziert, doch noch immer tragen deutsche Abnehmer einen signifikanten Anteil zum Umsatz bei, in manchen Unternehmenssparten bis zu 90%.

Einbrüche bei den Schweizer Zulieferern wirken sich spürbar auf die Volkswirtschaft aus: Laut einer aktuellen Branchenanalyse der ETH Zürich arbeiten insgesamt rund 310 Firmen für die Autoindustrie. Sie erzielten 2007 einen Umsatz von 16 Mrd Fr. und beschäftigten 34000 Angestellte. Zum Vergleich: Die prestigeträchtige Uhrenindustrie beschäftigt 44000 Angestellte und weist ein Exportvolumen von 16 Mrd Fr. aus. Erste Reaktionen auf die sinkende Nachfrage in Deutschland gab es bereits: Rieter, die Akustik- und Hitzeschutzlösungen liefert, kün-digte jüngst an, ein Werk im deutschen Bebra zu schliessen.

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Hersteller wollen Milliardenhilfe

Die Frage ist nun, mit welcher Härte die wichtigste deutsche Industriebranche getroffen wird. Aber offensichtlich ist die Lage der gesamten Branche in Europa so schlecht, dass auch ein Ruf nach staatlichen Hilfen nicht gescheut wird. So fordert der europäische Herstellerverband ACEA von der EU ein niedrig verzinstes Kreditpaket über 40 Mrd Euro. Damit, so der Wunsch der Auto-Lobbyisten, sollte die Entwicklung sparsamerer Fahrzeuge gefördert werden. Gleichzeitig soll die Finanzhilfe dazu dienen, Anreize für Kunden zu schaffen, ihre alten Autos auszutauschen. In den USA hatte die Regierung ein ähnliches Paket im Umfang von 25 Mrd Dollar genehmigt, um die heimischen Konzerne zu stützen.

«Vor uns liegt ein schwieriges Jahr 2009», sagte der VW-Vorstandsvorsitzende Martin Winterkorn erst kürzlich auf dem Pariser Automobilsalon, dem jährlichen Stelldichein der Autobauer. Doch wo sich die PS-Branche in den vergangenen Jahren an sich selbst und ihren neuen Modellen berauschte, herrscht nun Katerstimmung. Neue Autos, Prototypen und Studien fanden kaum Beachtung. Stattdessen drehten sich die Gespräche der Experten um Krisensymptome: Absatzprobleme, Kaufzurückhaltung, steigende Rohstoffkosten – und die Finanzkrise.

Für Ferdinand Dudenhöffer, Professor für Automobilwirtschaft an der Fachhochschule Gelsenkirchen, steht längst fest: «Die Automobilbranche rast in die Rezession.» Weltweit müsse sich die Autoindustrie auf drei harte Jahre einstellen – mit weit reichenden Folgen. In den nächsten zehn Jahren erwartet Dudenhöffer, dass in der deutschen Automobilbranche von derzeit 750000 Jobs rund 100000 Jobs verloren gehen.

Auftragszahlen sinken stark

Die Finanzkrise trifft die Autobranche zum ungünstigsten Zeitpunkt: Schon in den vergangenen vier Monaten schwächelten unisono die drei wichtigsten Märkte USA, Westeuropa und Japan. Im September gingen die Auftragszahlen für Neuwagen um 7% zurück, die Bestellungen aus dem Ausland fielen sogar um 10%. Es werde daher auch schwieriger, die Jahresprognose von 3,2 Mio Neuzulassungen in Deutschland zu erreichen. Es ist eine überraschende Kehrtwende. Denn der Verband hielt lange an der ambitionierten Zielgrösse fest.

Im weltgrössten Automarkt USA nimmt die Talfahrt immer dramatischere Ausmasse an. Im September sank der Absatz der Branche um 27%. Statt der üblichen 16 Mio Fahrzeuge werden 2008 nur noch 13 Mio verkauft. Für 2009 drohen weitere Rückgänge.