220 Millionen investiert Nestlé in das neue Kaffeekapsel-Werk in Schwerin – und sorgt damit auch ausserhalb für Mecklenburg-Vorpommern für Schlagzeilen. «Der Siegeszug der Kaffeekapsel verhilft dem strukturschwachen Bundesland zu neuen Arbeitsplätzen», schreibt beispielsweise der österreichische «Kurier». «Schwerin wird ‹Dolce-Gusto-Hauptstadt›», jubelte auch die «Schweriner Volkszeitung» (Artikel online nicht verfügbar). 450 Mitarbeiter sollen ab 2014 in der Stadt jährlich zwei Milliarden Kapseln der Billigmarke «Dolce Gusto» für die Westschweizer produzieren.

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Am kommenden Freitag findet die Grundsteinlegung statt – und im Vorfeld regt sich Widerstand. Die Ansiedlung von Nestlé gefährde die Bewerbung um den Titel als «Fairtrade-Stadt», monieren die Kritiker. Es wirke ziemlich unglaubwürdig, sich vor diesem Hintergrund Nestlé in die Stadt zu holen, heisst es auf einer eigens gegründeten Facebook-Kampagnenseite «Fairtrade Schwerin gegen Nestlé». Ein Erfolg scheint die Aktion indes nicht zu sein: Weniger als 70 Personen haben bisher auf den «Gefällt mir»-Knopf geklickt.

Politik erfreut über Zuzug

«Ein Global Player wie Nestlé engagiert sich wenig für den fairen Handel», wird Ralf Göttlicher von der Aktionsgruppe Eine Welt in Schwerin in der «Schweriner Volkszeitung» zitiert. Die Politik sieht primär die Schaffung von Arbeitsplätzen im Vordergrund. «Es versteht sich von selbst, dass Nestlé auch eingeladen ist, unsere Fairtrade-Kampagne zu unterstützen», sagt Oberbürgermeisterin Angelika Gramkow von der Partei Die Linke indes leicht verklausuliert.

Die Standortwahl erfolgt nicht zufällig: Schwerin liegt in der Nähe von Deutschlands grösstem Kaffee-Hafen in Hamburg, hat zudem den wichtigen Absatzmarkt Berlin in Griffweite und ist in Sachen Autobahnen gut erschlossen. Von hier aus sollen dereinst der deutsche, skandinavische und osteuropäische Markt versorgt werden.

Nestlé sucht den Dialog

Nestlé will die Vorwürfe nicht gelten lassen. «Das Werk wird von Anfang an mit 4C-Kaffee arbeiten», so der deutsche Mediensprecher Achim Drewes gegenüber «CSR News». Der Kaffee-Verhaltenskodex der 4C Association soll Kaffeefarmern Nachhaltigkeits-Zertifizierungen ermöglichen – «ein zu unambitioniertes Projekt», kritisieren verschiedene Nicht-Regierungs-Organisationen.

Drewes wolle mit den Kritikern in Schwerin den Dialog suchen: Kommende Woche findet eine Diskussionsveranstaltung statt.

Hartumkämpfter Markt

Während die geschickte Patentpolitik Nestlés für Nespresso eine Monopolstellung bringt, muss sich der Nahrungsmittelmulti bei der Billigmarke «Dolce Gusto» heftiger Konkurrenz erwehren. Auf dem Markt befinden sich mehr als 50 verschiedene Systeme – von Kraft Foods mit Jacobs bis hin zum Discounter Tchibo leistet sich fast jeder Kaffeeproduzent ein eigenes Kapselsystem.

Und das ist durchaus lukrativ: Während der Absatz von Filterkaffee in Europa weitestgehend stagniert oder gar leicht rückläufig ist, wächst das Geschäft mit den portionierten Kaffees deutlich. «Ich bin mir sicher, dass ‹Dolce Gusto› in einigen Jahren den heutigen Umsatz von Nespresso erreichen wird», hatte Nestlé-Europa-Chef Laurent Freixe vor Jahresfrist prognostiziert.