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Macht
Deutsches Herbstmärchen mit Strippen in die Schweiz

Der Skandal um eine schwarze Kasse beim deutschen Fussballverband und die mutmasslich gekaufte WM 2006 erschüttern Deutschland. Die wichtigsten Protagonisten und ihre Verbindungen in die Schweiz.

Von Christian Bütikofer
am 26.10.2015

Kaum waren die Schmiergeld-Vorwürfe an Ex-Fifa-Präsident Joseph Blatter im Zusammenhang mit Ex-Uefa-Chef Michel Platini verklungen, eröffnete das Magazin «Der Spiegel» den nächsten Akt auf der Bühne des Weltfussballs: Die Fussballweltmeisterschaft 2006 sei mutmasslich nur dank Schmiergeldern in Höhe von zehn Millionen Schweizer Franken nach Deutschland vergeben worden, lautete die Kernbotschaft.

Nie zuvor waren die Handlungsstränge so verzwickt: Nun beschuldigt selbst Franz Beckenbauer den Weltfussballverband und indirekt Blatter. Und fast alle Protagonisten in diesem neuen Schmiergeld-Theater haben einen Bezug zur Schweiz. Ein Überblick.

Was unbestritten ist

Unstrittig ist, dass das Organisationskomitee (OK) der Fussball-Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland dem Weltfussballverband Fifa vorgeblich für eine geplante WM-Auftakt-Gala 6,7 Millionen Euro überwiesen hat (umgerechnet 10 Millionen Schweizer Franken plus Zinsen). Doch diese Zahlung war offenbar eine Tarnung. In Wahrheit waren die Millionen dafür gedacht, eine alte Schuld beim damaligen Adidas-Chef Robert Louis-Dreyfus zu begleichen. Die Gelder flossen laut Bericht zuerst auf ein Fifa-Konto bei der Bank BNP Paribas in Genf. Schon das war ein wenig ungewöhnlich, war die UBS doch eigentlich die Fifa-Bank. Von dort soll der Betrag dann auf ein BNP-Konto in Zürich überwiesen worden sein, das direkt auf Louis-Dreyfus lautete.

Das hat Wolfgang Niersbach, der damalige OK-Vize und heutige Präsident des Deutschen Fussballbundes (DFB), an einer Pressekonferenz am Donnerstag zugegeben. Inzwischen bestreitet keine der Parteien mehr, dass in den Büchern des DFB diese Millionen-Zahlung verschleiert wurde und dieser Posten nie in der Buchhaltung des OK auftauchte.

Der Hoeness-Gönner

Der frühere Adidas-Chef Robert Louis-Dreyfus stammte aus einer alten französischen Handelsdynastie und hatte die französisch-schweizerische Staatsbürgerschaft. Er war ein mit allen Wassern gewaschener, mehrfach verurteilter Geschäftsmann. Der Franzose mit Vorlieben für Schweizer Chalets verstarb 2009, sein Name tauchte postum 2013 in einem ersten Skandal auf, der Deutschland erschütterte: Im Steuerbetrug von Uli Hoeness hat Louis-Dreyfuss dem Wurstfabrikanten und früheren Präsidenten des FC Bayern zum Zocken an der Börse 20 Millionen D-Mark geliehen (5 Millionen cash und 15 als Bürgschaft). Seine Witwe Margarita Louis-Dreyfus ist heute mit dem Ex-SNB-Chef Philipp Hildebrand liiert und präsidiert den Fussballclub Olympique Marseille.

Zurück zum 6,7-Milliontransfer: Theo Zwanziger, der Amtsvorgänger von Wolfgang Niersbach als Präsident des DFB, berichtete im «Spiegel», dass er im Januar 2005 darüber informiert wurde, dass ein Schuldschein für Louis-Dreyfus über 10 Millionen Schweizer Franken vorliegen würde. Den habe «Franz Beckenbauer auf sich persönlich ausgestellt». Beckenbauer war damals Chef des OK für die WM 2006.

Der Bittgang mit Netzer

Zuerst wollte die DFB-Spitze mit einem Bittgang bei Louis-Dreyfus noch darauf hinwirken, dass er die Millionen abschreibt. Dafür nahmen die Spitzen auch den Wahlschweizer Günter Netzer mit, neben Beckenbauer eine der bekanntesten Fussballerpersönlichkeiten Deutschlands, die seit Jahren im Sportmarketing mitmischt. Netzer war ebenfalls im OK der WM 2006. Das Treffen endete für den DFB in einem Fiasko, denn Louis-Dreyfus blieb hart, das Geld musste her.

Laut «Spiegel» soll sich Netzer im Herbst 2012 mit Zwanziger in einem Zürcher Nobelhotel getroffen und auch über die 6,7 Millionen Euro gesprochen haben. Der Wahlschweizer Netzer widerspricht dem «Spiegel»-Bericht vehement, mit dem Geld seien Stimmen gekauft worden. Am Dienstagabend wurde bekannt, dass Netzer deswegen juristische Schritte gegen Theo Zwanziger eingeleitet hat.

«Kaiser Franz» gegen «König Sepp»

DFB-Präsident Niersbach erklärte während seinem Medienauftritt vergangene Woche unter Berufung auf Beckenbauer, dieser habe Anfang 2002 mit dem damaligen Fifa-Präsidenten Blatter über einen Zuschuss der Fifa für die WM-Organisation gesprochen. Blatter soll gesagt haben, 6,7 Millionen Euro sollten an die Fifa-Finanzkommission fliessen, dann gebe es Geld. Weil das OK laut Niersbach noch keine Einnahmen zur Verfügung hatte, soll Louis-Dreyfus eingeschaltet worden sein und die fällige Summe gezahlt haben. Danach habe die Fifa für 170 Millionen Euro garantiert. Wenige Monate später erhielt Deutschland die WM 2006 äusserst knapp mit 12:11 Stimmen zugesprochen.

Blatter sagte in der «Schweiz am Sonntag» am Wochenende: «Ich habe niemals Geld von Beckenbauer verlangt. Nie im Leben. Auch nicht vom DFB. Das stimmt einfach nicht.»

Doch auch Beckenbauer behauptet in einer am gestrigen Montag veröffentlichten Pressemitteilung: «Um einen Finanzierungszuschuss der Fifa zu erhalten, wurde auf einen Vorschlag seitens der Fifa-Finanzkommission eingegangen». Weiter schweigt er. Und hat Ärger mit der Fifa: Wohl im Zusammenhang mit den WM-Vergaben an Russland und Katar liegt ein Bericht über Beckenbauers Verhalten der Fifa-Ethikkommission vor den Richtern des Verbandes. Ein Urteil folgt bald, ihm droht eine Verurteilung.

Ungeklärte Rolle von Blatters rechter Hand

Eine Fifa-Sprecherin erklärte dem «Handelsblatt»: Es entspreche überhaupt nicht den Standardprozessen und Richtlinien, die finanzielle Unterstützung von WM-OKs sei an irgendwelche finanzielle Vorleistungen gebunden. Und darüber hinaus sei diese Kommission nicht berechtigt, irgendwelche Zahlungen in Empfang zu nehmen – noch verfüge sie über ein eigenes Bankkonto.

Gemäss dem «Spiegel» hatte auch der damalige Fifa-Generalsekretär und rechte Hand Blatters, Urs Linsi, bei der umstrittenen Transaktion die Finger im Spiel. Er soll den Deutschen das Konto der Bank Paribas in Genf genannt haben. Auch er schweigt und beruft sich auf seine Geheimhaltungspflicht. Später wurde Linsi GC-Präsident, heute amtiert er als Verwaltungsratspräsident der Bank Sparhafen Zürich.

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