In rund 300 Tagen wird in Deutschland gewählt. Welche ökonomische Bilanz ziehen Sie aus dieser Zeit mit der grossen Koalition?

Weder di Mauro: Die grosse Koalition hat in der systemischen Bankenkrise zunächst eine gute Figur gemacht.  Das Rettungspaket wurden in Deutschland zügiger und anders als in  den USA geräuschlos verabschiedet.

Aber die grosse Koalition hat doch Chancen verpasst: Die Reformtätigkeit dieser Regierung ist ja beschämend gering?

Weder di Mauro: Das stimmt. Die Regierung hatte in den wirtschaftlich guten Zeiten viele Chancen, aber diese nicht ergriffen.

Mit der Einführung des Mindestlohnes hat die Regierung das Wachstum in Deutschland sogar beeinträchtigt.

Weder di Mauro: Ja, Mindestlöhne sind das Rezept für höhere Arbeitslosigkeit unter gering qualifizierten und jungen. Und branchenspezifische Mindestlöhne, wie sie jetzt in verschiedenen Branchen auch schon eingeführt wurden, haben den Effekt, dass es dort zu weniger Beschäftigungsaufbau kommen wird.

Wo sehen Sie für Deutschland den grössten Handlungsbedarf: Bei der Reform des Arbeitsmarktes?

Weder di Mauro: Sicher. Wir haben in unserem Gutachten ein ganzes Paket von Reform des Arbeitsmarktes vorgeschlagen.  Beispielsweise ein Lockerung des Kündigungsschutzes.

Ist die grosse Koaltion überhaupt in der Lage, solche Schritte zu wagen?

Weder di Mauro: Wohl kaum. Für den Arbeitsmarkt hat die grosse Koalition keine Fortschritte, sondern Rückschritte gebracht.

In der gegenwärtigen Konstellation hat man den Eindruck, dass Deutschland unter der Führung von Bundeskanzlerin Angela Merkel wirtschaftspolitisch blockiert ist.

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Weder di Mauro: Das ist sicher nicht falsch. Deutschland müsste auf höhere Wachstumspfade kommen. Im Unternehmenssektor wurde extrem restrukturiert und die Bilanzen wurden verbessert. Die Firmen haben ihre Wettbewerbsfähigkeit international verbessert. Die Politik hat in Deutschland aber nicht mitgezogen, sondern ist vielen Punkten stehen geblieben.

Nun wird der Staat im Zuge der Finanzkrise gegenüber der Wirtschaft noch an Einfluss gewinnen.

Weder di Mauro: Überall dort, wo der Staat angerufen wird, um zu stützen und er es tatsächlich auch tut, wird er im Gegenzug mehr Mitspracherechte verlangen. Überall dort gibt es die Gefahr von Protektion und Subventionswettläufen. Die Gefahr ist, dass der Handlungsspielraum der Unternehmen dadurch, aber auch durch mehr Regulierung im Finanzsektor, künftig deutlich eingeschränkt wird. Dies birgt ein großes Risiko für das zukünftige Wirtschaftwachstum.