Gegenüber dem Franken steht der Euro in den kommenden Monaten unter Aufwertungsdruck. Quasi als Startschuss für die kurzfristigen Aussichten lässt sich das Euro-Kursfeuerwerk des vergangenen Donnerstags deuten. Der Euro-Franken-Wechselkurs schoss innert eines Tages von rund 1.610 auf über 1.620, korrigierte am Freitag aber wieder. Auch gegenüber dem Dollar gewann die Einheitswährung viel Terrain.

Der Auslöser des Kursfeuerwerks war die am selben Tag erfolgte Mitteilung der geldpolitischen Lagebeurteilung der Europäischen Zentralbank (EZB). Der Leitzins für die Euro-Zone wurde zwar wie erwartet bei 4% belassen. EZB-Chef Jean-Claude Trichet hatte aber mit sehr deutlichen Worten die Märkte auf eine mögliche Zinserhöhung im Juli vorbereitet und damit die meisten Ökonomen überrumpelt. Etwa die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) erachtete es noch wenige Tage zuvor als angemessen, die Zinssätze auf dem gegenwärtigen Niveau zu belassen.

SNB unter Zugzwang

Die EZB begründet die mögliche Zinserhöhung im Juli mit Inflationssorgen aufgrund höherer Nahrungsmittel- und Energiepreise. Die Mai-Teuerung betrug im Euro-Raum 3,6%. Ein Rekord und wesentlich mehr als die 2%, welche die EZB als gerade noch akzeptabel betrachtet. Für das ganze Jahr prognostizieren die Notenbanker eine Inflationsrate von 3,4%. Das macht der EZB Angst und lässt sie ein wenig vergessen, dass die europäische Wirtschaft lahmt. Etwa das Institut für Weltwirtschaft an der Universität Kiel (IfW) erwartet für den Euro-Raum eine Zunahme des Bruttoinlandproduktes (BIP) von 1,8% in diesem Jahr. Für 2009 prognostiziert die IfW ein BIP-Wachstum von 1,4%. Noch 2007 wuchs das BIP des Euro-Raumes um 2,6, ein Jahr vorher gar um 2,9%.Die SNB wird laut Anastassios Frangulidis bei einem Zinsschritt der EZB zwar unter Druck geraten. Der Head International Economics and Strategy der Zürcher Kantonalbank (ZKB) erwartet im Juni aber ebenfalls keine Zinserhöhung. «Der Zinsspread zwischen dem Euro-Raum und der Schweiz wird grösser. Folglich wird der Euro gegenüber dem Franken kurzfristig steigen», resümiert Frangulidis. Das Aufwärtspotenzial ist auch gemäss dem ZKB-Banker beschränkt.In den vergangenen Monaten bildeten heftige Stimmungswechsel der Anleger einen wichtigen Faktor für Kursbewegungen des Frankens. Die schlagartige Verunsicherung machte den Franken wieder einmal als Fluchtwährung beliebt und liess den Kurs steigen. Umgekehrt wurden diverse Carry Trades aufgelöst, was eine entgegengesetzte Wirkung hatte. Die Verunsicherung der Marktteilnehmer sehen beide Ökonomen als weiterhin gegeben: Zuerst belastete die US-Immobilienkrise, jetzt das Inflationsrisiko. Nur eine weitere starke Eintrübung oder eine Aufhellung der Anlegermienen könnten den Stimmungs-Status-Quo ändern und dem Frankenkurs eine wesentliche Richtungsänderung geben. Ein wenig Uneinigkeit herrscht bezüglich Sinn oder Unsinn eines möglichen Zinsschrittes der EZB. «Die Inflation ist ein Problem. Die EZB ist aber zu optimistisch, was die Konjunktur im Euro-Raum anbelangt», sagt Anastassios Frangulidis von der ZKB.

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Keine starke Abwertung

Der Tiefpunkt sei noch nicht überschritten, eine Zinserhöhung wäre ein falscher Schritt. Thomas Flury ist von der EZB-Ankündigung nicht überrascht, weil die Preisstabilität zum Auftrag der Notenbank gehört. «Ein Viertelprozent wird das Wirtschaftswachstum nicht abwürgen. Falls die Zinserhöhung aber der Anfang einer Serie von Zinsschritten sein sollte, muss man sich über die Konjunktur Sorgen machen», gibt Flury zu bedenken. Langfristig ist der Euro hingegen überbewertet, auch gegenüber dem Franken. Gemäss Anastassios Frangulidis von der ZKB wird diese Überbewertung in den nächsten Jahren langsam abgebaut. Eine starke Abwertung des Euro gegenüber dem Franken hält er aber für unwahrscheinlich. Die Handelsbeziehungen zwischen den Währungsräumen seien sehr eng und das Währungspaar dadurch nicht besonders volatil.