Die Zusammenlegung von Print und Online beim «Tages-Anzeiger» hat zu Unmut auf der Redaktion geführt: 121 Mitarbeitende haben ein Protestschreiben unterzeichnet. Die Chefredaktion will nun Entlastungsmöglichkeiten prüfen.

«Wir möchten unsere Arbeit machen» ist das fünfseitige Protestschreiben betitelt, das am Donnerstag von verschiedenen Medien veröffentlicht wurde. Die Stimmung auf der Redaktion sei häufig bedrückt oder gereizt, manche klagten über eine Arbeitsbelastung «weit über das korrekte Mass hinaus».

Die Redaktion stellt sich aber nicht grundsätzlich gegen die Konvergenz: Im Schreiben wird die Zusammenlegung «als gute Sache» bezeichnet. Die Konvergenz habe die Kolleginnen und Kollegen zusammengebracht, aber sie habe kein Gefühl des Aufbruchs vermittelt.

121 Print- und Onlinejournalistinnen und -journalisten, Mitarbeitende der Bildabteilung und Korrektoren unterzeichneten das Protestschreiben, wie es auf Anfrage bei der Redaktion hiess. Das Schreiben war von der sogenannten «Gruppe 200» aus der Redaktion verfasst worden.

Fünf Kritikpunkte

Die Gruppe hat ihre Kritik in fünf Punkten mit entsprechenden Beispielen und Verbesserungsvorschlägen aufgelistet. Die Konvergenz laufe, aber zumindest im Tagesgeschäft werde nicht klar, welche Ziele der Verlag und die Redaktionsleitung auf den zwei Kanälen des «Tages-Anzeigers» verfolgen, heisst es beim ersten Punkt.

Die fehlende Strategie führe dazu, dass alle Redaktoren alles machen sollen. Zudem würden Redaktions- und Tagesleitung auf Aktionismus setzen. Weitere Kritikpunkte sind die Arbeitsbelastung sowie die Befehlskultur und das Arbeitsklima.

Zwischen Online und Print herrsche nach wie vor der Eindruck zweier letztlich nur schwer vereinbaren Kulturen. Während von Online-Seite der fehlende Teamspirit der Print-Journalisten moniert werde, störten sich diese an «der Hierarchie und am Befehlston, die online den Umgangston bestimmen».

Zwei Arbeitsgruppen eingesetzt

Das Protestschreiben war am Mittwoch der Chefredaktion übergeben worden. Diese will das Schreiben ernst nehmen, wie «Tages-Anzeiger»-Chefredaktor Res Strehle am Donnerstag auf Anfrage der Nachrichtenagentur sda Berichte von persoenlich.com und der «Südostschweiz» bestätigte. Die Chefredaktion habe gewusst, dass die Konvergenz ein schwieriger Prozess mit viel Neuem sei.

Die Chefredaktion will nun schauen, wie die Stellen mit hoher Belastung entlastet werden können. Dafür wurden zwei Arbeitsgruppen eingesetzt. Gemäss Strehle herrscht im Redaktionsalltag aber meist eine gute Stimmung.

Gemäss Strehle ist das Ziel, dass die zusammengelegte Redaktion bis im Frühling 2014 gut aufgestellt ist. Dann will Tamedia auf den Newsportalen «Tages-Anzeiger» und «Der Bund» ein Bezahlmodell einführen.

(sda/rcv/aho)

 

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