Für die deutsche Automobilindustrie ist China eine Goldgrube: In kaum einem anderen Land verdienen die Hersteller mit ihren Ober- und Mittelklassemodellen soviel Geld wie im Reich der Mitte. Doch der Erfolg auf dem weltweit grössten Pkw-Markt hat eine Schattenseite: die Hersteller und ihre Lieferanten werden immer abhängiger vom chinesischen Kunden.

Laut einer Studie schlugen VW, BMW und Daimler im abgelaufenen Jahr zusammen bereits knapp 30 Prozent ihrer weltweit verkauften Fahrzeuge in der Volksrepublik los. Der Wolfsburger Autobauer lieferte in den ersten beiden Monaten 2014 sogar fast jeden zweiten Pkw seiner Hauptmarke VW in China aus.

«Wenn China hustet, kriegen alle eine Lungenentzündung»

Diese Abhängigkeit könnte gefährlich werden, sollte der Westen mit China in Streit geraten wie derzeit mit Russland. Es wäre nicht klug, alles auf eine Karte zu setzen, mahnt Peter Fuss von Ernst & Young (EY). «Wenn China einen Husten kriegen sollte, bekommen alle eine Lungenentzündung« , sagt der Automobilexperte und Partner der Unternehmensberatung.


Wenn die Automanager in zwei Wochen - ab dem 20. April - auf der Automesse in Peking zusammenkommen, wird auch über dieses Thema diskutiert. Die Hersteller werden sich davon aber nicht die gute Laune verderben lassen, für sie sind die Zuwächse in der Volksrepublik vor allem ein Grund zu feiern. Denn dadurch können sie die dümpelnde Pkw-Nachfrage auf ihrem Heimatmarkt wettmachen.

Zehn Prozent Wachstum pro Jahr 

«Erfolg und Misserfolg der Hersteller und ihrer Lieferanten hängen davon ab, ob sie in der Volksrepublik vertreten sind« , sagt Thomas Krings, Risiko-Vorstand beim Kreditversicherer Euler Hermes. Er führt den Erfolg der deutschen Hersteller in China darauf zurück, dass die Chinesen deutsche Marken lieben. Weil der Besitz eines Autos in China als Ausdruck für sozialen Status gilt, zögerten Käufer nicht, selbst grössere Summen für grosse Autos mit vielen Extras auszugeben.

China ist somit weltweit der profitabelste Markt und extrem verlockend für Automobilhersteller. «Damit ist natürlich auch ein Fluch verbunden.»Krings rechnet damit, dass die Abhängigkeit noch zunehmen wird. Der chinesische Automarkt werde in den nächsten Jahren durchschnittlich um mehr als zehn Prozent wachsen und seinen Abstand zum weltweit zweitgrössten Pkw-Markt USA vergrössern.

Der ehemalige Vorstandschef von VW und BMW, Bernd Pischetsrieder, der in der kommenden Woche in den Aufsichtsrat von Daimler gewählt werden soll, wischt die Bedenken beiseite. «Die Diskussion ist sinnlos, weil die Alternative ist, gar kein Geschäft zu machen», sagt er. «Wenn man am Weltmarkt tätig ist, gibt es immer irgendwelche Probleme - aber das ist völlig normal, keine Aufregung!»

Ein Problem in China haben derzeit Toyota und andere japanische Hersteller. Im vergangenen Jahr brach ihr Absatz in China ein. Die chinesischen Verbraucher folgten einer Kampagne der Regierung und boykottierten die Japaner. Grund ist der Territorialkonflikt zwischen China und Japan um einige Inseln im ostchinesischen Meer.

Mehr Chancen als Risiken

Die Gefahr, dass es zu einem ähnlichen Zwist mit dem Westen kommt, gilt jedoch als gering, zumal es keine gemeinsamen Grenzen gibt. Die Regierung in Peking ist zudem an einem guten Verhältnis zum Westen interessiert. «China öffnet sich immer mehr, die weltwirtschaftliche Verflechtung ist hoch» sagt Ralf Dieter, Vorstandschef des Zulieferers Dürr. Eine Abschottung sei kaum vorstellbar und nicht im Interesse Chinas. «Wir sehen eindeutig mehr Chancen als Risiken.« 

Kaum ein Zulieferer ist so stark mit China verflochten wie der Lackieranlagen-Produzent aus Bietigheim-Bissingen. Fast ein Drittel des Umsatzes macht der schwäbische Konzern in der Volksrepublik und exportiert inzwischen von dort, selbst nach Europa. Auch der Reifen- und Automobilzulieferer Continental setzt auf die chinesische Karte. Der Dax-Konzern aus Hannover steigerte den Umsatz im vergangenen Jahr um ein Fünftel auf mittlerweile zehn Prozent. So hoch ist auch der Anteil beim Konkurrenten Bosch. «Tendenz steigend», sagt Bosch-Chef Volkmar Denner.

Die Lieferanten profitieren vom wachsenden Geschäft ihrer Kunden und weiten wie die Autobauer ihre Produktion in der Volksrepublik aus. VW verkaufte im vergangenen Jahr mit 2,5 Millionen Wagen 42 Prozent des Gesamtabsatzes seiner Hauptmarke in China. Bei BMW lag der Anteil am Gesamtabsatz bei 20 Prozent. Vor sechs Jahren waren es noch fünf Prozent. Für BMW und Audi ist China weltweit der grösste Einzelmarkt. Die VW-Tochter lieferte im vergangenen Jahr 30 Prozent ihrer Oberklassewagen an Chinesen aus, vor sechs Jahren waren es zwölf Prozent. Im März steigerte Audi den Absatz in China um 37 Prozent.

Ähnlich war die Entwicklung bei Daimler, allerdings ist der Anteil am Absatz der Stuttgarter noch vergleichsweise klein: 15 Prozent der Luxusautos der Daimler-Tochter Mercedes-Benz rollten im vergangenen Jahr an Kunden im Reich der Mitte, 2008 waren es erst drei Prozent. Daimler hat in der Volksrepublik zur Aufholjagd geblasen - der Erfolg hier wird entscheidend sein, ob die Schwaben ihr Ziel erreichen, BMW vom Thron des grössten Premiumherstellers weltweit zu stossen. Doch auch BMW stockt in China die Produktion weiter auf.

Volkswagen weitet seine Kapazitäten sogar massiv aus. Bis 2018 will der Konzern in China mehr als vier Millionen Autos vom Band rollen lassen, 2013 waren es drei Millionen. 18,2 Milliarden Euro steckt Europas grösster Autobauer zusammen mit seinen Partnern in dem Riesenreich in den nächsten Jahren in neue Fabriken und Produkte, das grösste Investitionsprogramm in der chinesischen Automobilindustrie. Bedenken, Chinas Wachstum könnte eine Blase sein, die platzt, teilt Bosch nicht. « Die Herausforderung wird aber das Thema Umweltbelastung sein», sagt Denner.

(reuters/me)

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