Eine gefühlte Sekunde lang, ganz am Anfang, gibt sich Jordan Belfort furchtbar naiv: «Müsste Banking nicht eine Win-win-Situation sein, für uns und den Kunden?», fragt der Jungbanker seinen Lehrmeister. Dieser, L.F.-Rothschild-Broker Mark Hanna, macht schnell Schluss mit solch dummem Zeugs: «The name of the game: das Geld aus den Taschen des Kunden in deine Taschen verschieben.»

Das kriegt Jordan Belfort dann ganz gut hin. Schon mit 22 ist er ein selbst ernannter «geldgeiler Sack», der die Leute über den Tisch zieht und so seinen Reichtum mehrt. «The Wolf of Wall Street», die Verfilmung des gleichnamigen Buches, in dem 2007 der tatsächliche Jordan Belfort seine Karriere schilderte, ist eine Achterbahn des entfesselten Kapitalismus. Das Kino liefert verlässlich die Figur des Banksters: die Mischung aus Banker und Gangster, ein gieriger Aufsteiger, der trickst und sich einen Dreck um seine Kunden schert. Was Jordan Belfort unverschämt gut draufhat: Mit einer Mischung aus Club-Med-Animator und Handyverkäufer motiviert er die Belegschaft zu immer neuen Schandtaten.

Drei Stunden lang zelebriert Regisseur Martin Scorsese Sex, Drugs and Stocks. Ziemlich genau in dieser Reihenfolge. Das wenige, was es zum Wertpapier­geschäft zu lernen gibt, leuchtet schnell ein: Beim Verkauf von Penny Stocks sind die Margen gigantisch, und die «Pump-and-Dump-Strategie» macht jeden ­Financial-Services-Lümmel stinkreich: Belforts Brokerhaus Stratton Oakmont kauft im grossen Stil Schrottaktien-Pakete und treibt die Kurse hoch. Danach vertickt man die Ramschpapiere per Telefon teuer an ahnungslose Deppen vom Land, stösst das Paket zum Gipfelpreis ab, worauf die Kurse niedersausen und die Kunden im Verlusttal sitzen.

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Mafia stand Pate

Deutlich mehr trägt der Streifen zur Drogenkunde bei. Dass Koks «frisch zwischen den Ohren macht», lernt Belfort so rasch wie die korrekte Handhabung einer Crackpfeife. Später verlässt er sich auf Quaaludes, auch «Gorilla Biscuits» genannt: euphorisierende und aphrodisierende Pillen, die zum täglichen Brot werden. Wie auch eine Büroparty nie ohne Prostituierte abgeht.

Der Streifen gibt viel zu reden in Wirtschaftskreisen. Wird da ein Wertpapierbetrüger, der einen Schaden von 200 Millionen Dollar angerichtet hat, zu glorreich dargestellt? Wo sind die Opfer?

Was weniger diskutiert wird: Warum muss Wirtschaft im Kino fast immer von ihrer niederträchtigen Seite gezeigt werden? Gerade die US-amerikanische Filmküche Hollywood – eine der schillerndsten Stätten im Kapitalismus-Mutterland Amerika – serviert uns die BIP-Erwirtschaftung oft als ein Hauen und Stechen der miesen Art. Selbst Facebook, eine der grössten Erfolgsstorys der jüngeren Wirtschaftsgeschichte, lässt sich als düsteres Kammerspiel anlegen, wenn man nur will, aufgehängt an Ideendiebstahl und Verrat der Freundschaft: So zeigte es 2010 «The Social Network». Funktioniert das Genre des Wirtschaftsfilms wirklich nur über seine Schattenseite?

Für den SRF-Filmkritiker Michael Sennhauser wurzeln US-amerikanische Filme mit Wirtschaftsbezug in der Tradition der Western- und Gangsterstreifen und sind in dieser Logik mit kriminellem Unterboden ausgestattet: «Die Urform dieses Genres ist der Mafiafilm, der auf Familienbetrieben mit starken Wirtschaftsinteressen beruht, die handfest durchgesetzt werden.» Saubere wirtschaftliche Erfolgsgeschichten, glaubt der Filmredaktor, «funktionieren nicht im Kino, weil zum Spielfilm nun einmal der Drama-Aspekt gehört».

Gordon Gekko als Rollenmodell

Mit «Wall Street», so der Filmkritiker, habe Regisseur Oliver Stone 1987 das neue Bild des Bankers für den US-amerikanischen Spielfilm definiert und etabliert: «Abzockertypen wie Gordon Gekko funktionieren auch als Heldenfiguren, die das Publikum – darunter wohl viele Banker – auch durch ihre Skrupellosigkeit faszinieren.»

«Grounding»-Regisseur Michael Steiner (siehe Interview) stimmt zu: «‹Wall Street› ist sicher der prägendste moderne Wirtschaftsfilm, da er eine Zeit der Veränderung beschreibt – die Banken, die sich vom Dienstleister der Unternehmen zu Spekulanten mit Unternehmen wandeln.» David Bosshart, CEO des GDI Gottlieb Duttweiler Institute, macht einen weiteren Grund für die wenig euphorisierende Darstellung der Wirtschaft aus: «Gerade in den USA driften Wall Street und Main Street – Banker und die restliche Bevölkerung – immer weiter auseinander. Weil sich das Business der Ersteren zusehends stärker im virtuellen Bereich abspielt, kann das Verschwörungstheorien beflügeln, die immer ein guter Drehbuch-Nährboden sind.» – «Die Art, wie eine Branche ihr Geld mit der Vermehrung von Geld verdient, stiftet für breite Kreise keinen gesellschaftlichen Sinn mehr», sagt Steiner. «Die derbsten Vertreter der Gilde finden sich darum auf der Leinwand wieder. Für meine Darstellung gewisser Banker in ‹Grounding› erhielt ich 2007 Dutzende Hassbriefe. Im Vergleich zu dem, was danach in der Realität passierte, spielte ich den Ball noch viel zu flach.»

Dutti schaffts. Bosshart kann sich vorstellen, für eine Wirtschafts-Erfolgsgeschichte ins Kino zu gehen. «Aber es müsste über eine wirklich inspirierende Persönlichkeit sein, Rockefeller und aufwärts. Ein Film über Richard Branson, so es ihn gäbe, könnte mich reizen.» Wurde die Wirtschaft vor der cineastischen Inthronisierung von Börsenhai Gekko positiver dargestellt? Wirtschaftskritische Filme gab es immer. Augenfällig sei aber, sagt Sennhauser, die Veränderung in der Darstellung des Erwerbs­lebens – auch konjunkturbedingt. In den Klassikern der Fünfziger und Sechziger war die Wirtschaft «als eine Art freundlicher Motor im Hintergrund zu spüren. Vater fuhr zur Arbeit, allen gings gut, und am Abend freute man sich im Familienverbund über die neue Waschmaschine.»

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Aus jener Zeit erzählt ein Schweizer Film, den man auch hätte im Düsteren anlegen können: National aufstrebender Detailhändler killt Quartierläden. So ging Regisseur und Drehbuchautor Martin Witz den Kino-Dokfilm «Dutti der Riese» über ­Migros-Gründer Duttweiler nicht an: «Dutti war ein positiver Berserker», sagt Witz, «er sah seine Stärke nicht als Lizenz dafür, alle anderen abzocken zu wollen.» Was Witz da und dort den Vorwurf eintrug, Duttweiler sei zu positiv gezeichnet. Oranges Geld sei nicht geflossen: «Es ist ein unabhängiger Dokumentarfilm ohne finanzielle Zuwendung der Migros. Sie gewährte einzig freien ­Archivzugang.» Dem Publikum gefiels: «Dutti der Riese» (2007) belegt Platz 101 der 500 erfolgreichsten Schweizer Kinofilme aller Zeiten. Vor «Cleveland versus Wall Street» (110) und dem Bankerdrama «Nachbeben» (134). Es geht also doch. Auch wenn Duttis Lieblingdroge bloss die Zigarre war.