Das Schlimmste scheint vorbei zu sein: Wichtige Frühindikatoren der Wirtschaft zeigen fast überall nach oben. Der Einkaufsmanager-Index der Eurozone legte im Juni um 1,9% zu, der höchste Stand seit neun Monaten. Das US-Pendant, der ISM-Index, stieg im Juni um 1,2%. An der Börse sind dies Signale zum Aufbruch. Seit dem Tiefstand im März hat der Dax um rund 30% zugelegt, der US-Index S&P 500 gar um 40%.

Hausse wie im Jahr 2003?

Für Philipp Bärtschi, Chefstratege der Bank Sarasin, Grund zu vorsichtigem Optimismus: «Ein Blick in die Vergangenheit zeigt, dass es in den schwersten Rezessionen jeweils zur grössten Gegenbewegung kam.» Trotz der mittelfristigen Bremsfaktoren für die US-Wirtschaft etwa sei ein kräftiger Aufschwung in den nächsten Quartalen das wahrscheinlichere Szenario. «Wir erwarten, dass der Aktienmarkt nach einer Konsolidierungsphase wie 2003 zu einer weiteren Rally ansetzen wird.»

Werden wir also wieder eine Hausse wie vor sechs Jahren erleben? Gut möglich - aber sie wird wahrscheinlich nicht in den alten Märkten stattfinden. Die Krise hat die alte Ordnung kräftig durcheinander gewirbelt, die Favoriten der «alten» Welt werden von neuen Märkten abgelöst. Jan de Bruijn, Asia Equity Fund Manager bei Threadneedle, verortet denn auch den Optimismus im Osten: «Es ist unwahrscheinlich, dass wir erneut die Tiefststände des vergangenen Jahres erleben werden. Die für Asien besseren makroökonomischen Aussichten deuten im Gegenteil darauf hin, dass die asiatischen Märkte besser als andere Aktienmärkte abschneiden werden.»

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Die treibende Kraft in Asien ist und bleibt dabei China. Das Reich der Mitte hat die Rolle der regionalen Konjunkturlokomotive übernommen und sorgt für rege Nachfrage bei den Nachbarn. 600 Mrd Dollar nimmt die Regierung in Peking in die Hand, um die Wirtschaft des Landes anzukurbeln. Offenbar mit grossem Erfolg, wenn den am Donnerstag veröffentlichten Zahlen zum Bruttoinlandprodukt zu glauben ist. Um 7,9% ist die chinesische Wirtschaft im 2. Quartal gewachsen - erwartet worden waren 7,5%. Um 6,1% stieg das BIP in den ersten drei Monaten 2009.

Von der Wachstumsdynamik im Reich der Mitte profitiert die gesamte Region. «Asien steht derzeit besser da als andere Teile der Welt, vor allem wegen der Stärke Chinas und Indiens», so Oliver Blanchard, Chefökonom beim Internationalen Währungsfonds (IWF). «Diese Länder haben starke politische Massnahmen ergriffen und ziehen auch die übrigen Staaten Asiens mit nach oben.»

Erst kürzlich stellte der IWF seinen Ausblick für die Weltwirtschaft vor und stimmte darin optimistischere Töne an als noch in seiner April-Prognose. Vor allem für die Schwellenländer Asiens revidierten die IWF-Ökonomen die Wachstumsprognose nach oben. Sie erwarten für «Developing Asia» eine BIP-Zunahme von 5,5% in diesem Jahr und 7% im kommenden. Zum Vergleich: -3,8% (2009) und 0,6% (2010) lauten die Zahlen für die Gesamtheit von Staaten wie den USA, Japan, Kanada und der Eurozone.

China ist wichtigster Partner

Und dennoch: Das viel beschworene «Decoupling» der asiatischen Region, also ein Abkoppeln von der wirtschaftlichen Entwicklung der USA und Europas, ist noch nicht in Sicht. China, aber auch Nationen wie Taiwan, Korea, Thailand, Vietnam oder Singapur sind immer noch grossteils vom Export abhängig.

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Dennoch wird Asien am schnellsten aus der Wirtschaftskrise kommen - und der Kontinent wird seine wirtschaftliche Macht vergrössern. Von der steigenden Nachfrage in China, Indien und Co. profitieren in der Folge auch andere Schwellenländer. Derzeit besonders Brasilien. «Das südamerikanische Land ist bis dato einer der besten Märkte in diesem Jahr», sagt Alexander Banik vom Emerging-Markets-Team der DWS. Verantwortlich dafür sei vor allem der starke Rohstoffbedarf Chinas und Indiens, so Banik. Das Reich der Mitte hat kürzlich die USA als wichtigsten Exportpartner Brasiliens abgelöst.

Die Industrieländer als Verlierer, für Anleger nicht mehr interessant? «Am besten wird China die Krise meistern, aber die USA könnten sogar die Nummer zwei bei der Erholung sein», gibt Aktienspezialist Jörg de Vries-Hippen von Allianz Global Investors Entwarnung.

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Es drohen noch viele Pleiten

Eine Entwarnung auf der ganzen Linie könne man aber noch nicht geben: «Das ist eine tiefe Rezession, und sie kann länger dauern als erwartet, denn es müssen zuerst einmal Überkapazitäten abgebaut werden, wir werden auch noch viele Pleiten sehen.»

De Vries-Hippen rät dennoch dazu, in Aktien aus Europa und den USA zu investieren, am besten in Fonds, die vor allem auf Dividendentitel setzen. «Der Anleger hat nicht nur die Chance auf Kursgewinne, die er beim Festgeld versäumen würde, er sichert sich mit der Dividende auch gegen Inflation ab.»

Philipp Bärtschi von Sarasin weist darauf hin, dass sich in der Börsenkorrektur die hohe Gewichtung des Finanzsektors negativ auf die europäischen Aktienmärkte ausgewirkt habe. Jetzt aber sei die Bewertung attraktiv und biete mittelfristig Potenzial. «Kurzfristig aber überwiegen die Gewinnrisiken.» Bärtschi hält neben Aktien aus den Schwellenländern auch Papiere von Unternehmen wie zum Beispiel IBM, Intel, Lonza, Saint-Gobain oder Schindler für interessant, weil diese in Wachstumsmärkten eine starke Stellung haben und mit einem grossen operativen Hebel die Gewinne im Aufschwung deutlich steigern könnten.

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Aus dem Blickfeld der Anleger sollte aber auch das Industrieland Japan nicht geraten. Nippon befindet sich zwar weiter in der Rezession. Die Stimmungsindikatoren deuten aber auch hier auf eine starke Erholung hin. Sarasin-Experte Bärtschi: «Die Wende im Zyklus sollte japanische Aktien unterstützen. Wegen der attraktiven Bewertung sind wir optimistisch.»