Bei der strategischen Neuausrichtung der Industrieholding Cham gilt es, verschiedenste Interessen unter einen Hut zu bringen. Als gewichtigste Aktionärin hält die Beteiligungsgesellschaft Tuxedo Invest (ehemals CommCept Trust) ein knappes Drittel des Aktienkapitals. Oppositionelle Investoren drängten dort auf eine Nennwertrückzahlung und die spätere Auflösung der Gesellschaft, die im Portefeuille nebst den Industrieholding-Titeln über ein 10%-Paket an Orell Füssli, 10% eigene Aktien und über diverse kleinere Bestände (u.a. an Micronas) verfügt. Als Portfolioberater fungiert der allseits respektierte Vermögensverwalter Peter Lehner. Derzeit lässt sich keiner exakt in die Karten gucken. Fest steht nur, dass niemand ein Interesse hat, einzelne Firmenteile der Industrieholding oder der stimmenmässig mehrheitlich kontrollierten Kardex (54,8%) zu einem Schleuderpreis abzustossen.

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Angesagt ist vielmehr eine Strukturbereinigung, die aus einer Position der Stärke heraus erfolgt. An der Generalversammlung hat VR-Präsident Heinrich C. Spoerry letzte Woche einmal mehr bestätigt, dass die Industrieholding für den Bereich Papier (Cham Paper Group) eine «geeignete strategische Partnerschaft» eingehen will. Das liegt auch im Interesse der oppositionellen Tuxedo-Aktionäre, die via Daniel Sauter (ehemals Xstrata) über eine Verbindung zu Daniel Model, dem Chef der gleichnamigen Schweizer Karton- und Papiergruppe, verfügen. Denkbar ist ebenso der Schulterschluss mit einem grossen ausländischen Papierproduzenten. Branchenkenner versprechen sich von einer solchen Kooperation oder Fusion mehr Sicherheit und günstigere Preise bei der Rohstoffbeschaffung.

Norwegisches Sorgenkind

Die massiv schwankenden Zellstoffnotierungen haben das Ergebnis der Industrieholding in den letzten zwei Jahren nachhaltig geprägt. Dank einem eigentlichen Preiszerfall bei den Rohstoffen vermochte die Cham Paper Group (CPG) den vorjährigen Verlust von 38,7 Mio Fr. in einen Gewinn von 15,7 Mio Fr. für 2002 umzuwandeln. Die Entlastung auf der Kostenseite half auch bei der weiteren Restrukturierung des verlustbringenden Papierwerkes im norwegischen Hunsfos. Allerdings verblieb dieses Sorgenkind weiter in den roten Zahlen. Im laufenden Jahr will das Management diesen Betrieb in die Gewinnzone bringen. Im ersten Quartal haben sich die Verkäufe bei der CPG im Gefolge eines allgemeinen Lagerabbaus bei den Kunden um 3%auf 104 Mio Fr. abgeschwächt. Demgegenüber sind die Bestellungen in den letzten zwei Monaten wieder zahlreicher eingegangen. Wegen einer leichten Erhöhung der Zellstoffpreise hat die CPGab Mai die Preise für sämtliche Spezialpapiere nach oben angepasst.

Gravierender verläuft das Geschäft bei der Kardex. Die Logistikgesellschaft bekommt die Investitionsflaute in aller Härte zu spüren. Im ersten Quartal hat sich der Umsatz um 17% auf 115 Mio Fr. zurückgebildet. Nach einem Betriebsgewinn im Vorjahresquartal von 1,8 Mio Fr. rutschte diese Tochter nun mit 2,1 Mio Fr. in die Verlustzone. Die Nachfrage nach Logistikgütern wird vorderhand schwach bleiben. Zwar gibt es ermutigende Signale etwa beim Bestellungseingang der AFT-Gruppe, aber ansonsten muss sich der Hardware-Lieferant auf harte Zeiten einstellen. Einziger Lichtblick könnte die momentane Schwäche des Schweizer Frankens gegenüber dem Euro sein. Fast zwei Drittel der Verkäufe gehen in Länder der europäischen Gemeinschaftswährung, mit einem entsprechenden Konkurrenzvorteil vis-à-vis von lokalen Anbietern.

Unklar bleibt, wie sich die Industrieholding in Verbindung mit der kapitalmässig lediglich zu einem Viertel beherrschten Kardex künftig neu gruppiert. Thomas Meyer, Finanzanalyst bei der Bank Pictet, geht von einer Fokussierung auf die Lagerlogistik aus. Dabei müsste jedoch dem Serviceaspekt eine grössere Rolle zukommen. Andere Branchenkenner sprechen von einem möglichen Spin-off einzelner Kardex-Einheiten.

Bald Einheitsaktie?

Die ersten Hausaufgaben sind bei der Industrieholding Cham mittlerweile erledigt. Die Nettoverschuldung hat sich um 70 Mio Fr. vermindert. Dank der Verkürzung der Bilanzsumme verbesserte sich die Eigenkapitalquote auf 41 (37)%. Bei der Immobiliengruppe Hammer Retex brachte der Verkauf von Liegenschaften einen Gewinn von 9,5 Mio Fr. ein. Bevor die Industrieholding ein neues Gesicht erhält, muss zunächst die Kapitalstruktur vereinfacht werden. Die stimmrechtslosen Partizipationsscheine (PS) nebst den Inhaberaktien sind bei der Kardex nicht mehr zeitgemäss. Gleiches gilt für die Vinkulierung mit einer Stimmrechtsbeschränkung von 3% für die Aktionäre der Industrieholding. Vieles deutet darauf hin, dass nun zunächst die Ertragskraft bei der CPG und der Kardex nachhaltig gestärkt wird. Das eröffnet für 2004 neue Perspektiven auf eine Einheitsaktie.

Tipp: Die Erholung vom miesen Geschäftsjahr 2001 ist dem neuen Management der Industrieholding Cham gelungen. Noch aber bleibt die Ungewissheit, in welche Richtung die Neustrukturierung gemeinsam mit der stimmrechtsmässig kontrollierten Kardex geht. Die Aktien der Industrieholding haben sich seit dem letzten Winter deutlich besser entwickelt als der SPI-Index. Dafür sind die Kardex-Titel im Vergleich zum Index geradezu abgestürzt. Für risikoerprobte Anleger kann die Akie der Industrieholding auf dem tiefen Niveau ein Kauf sein. (spe)