MOBIL-ALLIANZEN.

Am 5. November zog der Aktienkurs des Dübendorfer Handysoftware-Unternehmens Esmertec plötzlich steil an. Esmertec meldete die Teilnahme an der von Google angeführten offenen Handyallianz (OHA). Das OHA hat eine Linux-basierte Open-Source-Plattform unter dem Codewort Android entwickelt; Esmertec liefert hierfür eine Komponente.

Potenziell hat die OHA-Initiative weitreichende Konsequenzen, weil sie die Netzbetreiber zu wichtigen Weichenstellungen zwingt. OHA steht laut Google-Verantwortlichen für mehr Innovationen in der Handyindustrie, indem die Barrieren der bisher geschlossenen Modelle niedergerissen werden sollen. Als konkrete Vorteile des OHA-Modells bezeichnen die Verfechter den Zugang auf einen grösseren Pool von Entwicklertalenten, günstigere Endgeräte (bei Smartphones soll dadurch eine Ermässigung von 10% möglich sein) und eine bessere Verbindung von Hard- und Software – beispielsweise Google-Karten und lokale Restaurantangebote.Bis jetzt müssen sich Entwickler mit einer ganzen Reihe von unterschiedlichen Betriebssystemen (Symbian, RIM, Windows Mobile) und inkompatiblen Netzwerken herumschlagen. Industrieanalysten bezeichnen diese Vielfalt als eines der entscheidenen Hindernisse auf dem Weg zum Marktdurchbruch des mobilen Internet. Aus der Sicht von Google erschliessen offene Plattformen die mobilen Geräte für den Werbemarkt – und es gibt weltweit weitaus mehr Handys als Notebooks und Desktop-Computer. Absehbar sind Umsatz-Splitmodelle mit den Netzbetreibern.

Netzbetreiber schwächen

Ein Teil der Konkurrenz atmete auf – immerhin hatte Google kein eigenes Handy, ein «Gphone», auf den Markt gebracht. RIM-Co-CEO Jim Balsillie wies gegenüber der «Handelszeitung» unter Verweis auf die bewährte, im Kern seit 20 Jahren ständig weiterentwickelte Software, die guten Beziehungen zu den Netzbetreibern und die überall erreichten höchsten Sicherheitsstandards hin. Gerade bei den Gesprächen mit Netzbetreibern sei sehr viel Fingerspitzengefühl erforderlich – und hierbei habe Google nicht immer den erforderlichen diplomatischen Ton getroffen, liess Balsillie im Gespräch durchblicken.Richard Dineen, Analyst bei HSBC, weist auf die Nachteile von OHA bei Sicherheit und Interoperabilität hin. Dennoch könnte OHA erfolgreich werden, weil mit Google ein finanziell sehr potenter Partner im Hintergrund steht. Negativ könnte sich OHA für Handynetzbetreiber auswirken, weil ihr Platz in der mobilen Wertschöpfungskette geschwächt wird und die Mobilnetze zu austauschbaren Datennetzen werden, bei denen die Geschäfte mit Werbung, Anwendungen und mit Endgeräten gemacht wird. Dadurch könnten auch die Investitionen in die Netze zurückgefahren, Netzweiterentwicklungen («4G») verzögert und die Subventionen von Endgeräten ganz eingestellt werden. «Netzbetreiber sollten den Avancen von Google widerstehen», rät Dineen.

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Nokia klagt

Einen Einblick in den Hickhack hinter den Kulissen der Handy-Industrie gibt der dänische Industrieanalyst John Strand. Den Netzbetreibern erscheine die Marktpräsenz von Nokia als zu dominant. Mehr Wettbewerb bei den Handyherstellern könnte für sie kostengünstigere neue Handys bedeuten, die von den Netzbetreibern oft vor allem dafür gebraucht werden, um neue Kunden zu gewinnen. Bei den Chipherstellern ist Qualcomm dabei – und für dieses Unternehmen kann der Wechsel auf UMTS gar nicht rasch genug erfolgen, weil dieses US-Unternehmen den Grossteil der einschlägigen Patente für die dritte Mobilfunkgeneration hält. Qualcomms Position ist dermassen dominant und einträglich, dass sogar Nokia einige Prozesse mit dem Vorwurf angestrengt hat, Qualcomm missbrauche seine Position.Bei den Endgeräteherstellern sind Motorola, Samsung und HTC präsent. Motorola verliert nach schweren strategischen Fehlern beim Design und der Produktweiterentwicklung laufend Marktanteile, Samsung probiert traditionell immer unterschiedliche Plattformen aus, und das taiwanesische Unternehmen HTC ist vielleicht der interessanteste Handyhersteller bei OHA, weil das Unternehmen ein enger Partner von Microsoft ist – und Microsoft wiederum der Erzfeind von Google ist.Und bei den Softwareherstellern steht der Traum im Vordergrund, das Internet mobil zu machen. Allerdings ist die Verkleinerung der für 15 bis 17 Zoll optimierten Webseiten auf die maximal 2,5 Zoll grossen Handydisplays bisher unbefriedigend ausgefallen. Viele Webseiten müssten laut Strand fundamental umgebaut werden, um auf den kleinen Bildschirmen erkennbare Inhalte zu liefern. Diese Gruppe von Unternehmen verbindet nur etwas – trotz ihrer grossen Ambitionen haben sie alle Schwierigkeiten, ihre Position in der mobilen Welt auszubauen.